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Klimastrategien

Coole Konzepte gegen heiße Städte

„Gürtelfrische“: Am Wiener Gürtel wurde für einige Wochen Baden und Relaxen auf der (umgestalteten) Straße Realität.
„Gürtelfrische“: Am Wiener Gürtel wurde für einige Wochen Baden und Relaxen auf der (umgestalteten) Straße Realität.APA/HANS PUNZ
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Ein Blick über den Tellerrand mit Zukunftsforscher Matthias Horx: Was etwa in London, Paris, Helsinki und Prag gegen Überhitzung und CO2-Verbrauch passiert.

 
 

Die „Gürtelfrische West“ in Wien ist vorbei, doch die Erfahrung, die man mit dem Projekt gemacht hat, bleibt: Auch eine Straße im Hauptverkehrsbereich kann, als Grünzone mit Pool und Palmen umfunktioniert, nicht nur die Gegend aufwerten – die neue Verwendung führt auch nicht zwingend zu einem Verkehrschaos. Und sorgt, wie die „coolen Straßen“ mit Sprühnebel, hellere Bodenbeläge sowie Förderungen für Außenrollos, für eine – wenn auch nur in geringer Dosis – lebenswertere Stadt.

Grüne Urbanisierung trotz Corona

Denn ob Corona oder nicht: Die Urbanisierung der Welt schreitet voran. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten – und die Prognosen sprechen eine deutliche Sprache: Städte werden wohl die Staaten von morgen sein. Ökologisch gesehen ein zweischneidiges Schwert: Einerseits verbrauchen sie mehr als 70 Prozent der Energie, obwohl sie nur drei Prozent der Erdoberfläche einnehmen. Andererseits bieten sie durch die Verdichtung neue Möglichkeiten, Energie zu sparen.

„Wir befinden uns im Transformationsprozess“, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx. Städte bieten für die Ökologie eine positive Botschaft: Je dichter eine Stadt ist, desto weniger Rohstoffe werden verbraucht, weil man kurze Wege nutzt. „So verzeichnen etwa ,vertikale Städte' wie Hongkong den geringsten Benzinverbrauch.“

"Es gibt praktisch keine große Stadt, die sich nicht auf den Weg Richtung grünere und kreativere Zukunft begibt.“

Matthias Horx, Zukunftsforscher


Welche Strategien aber entwickeln Städte, um nicht nur den Klimawandel zu bewältigen, sondern auch die CO2-Emissionen zu minimieren und das urbane Umfeld zu einem ökologisch und sozial lebenswerten Bereich zu machen?

In den meisten Großstädten ist man sich des Problems bewusst und entwickelt unterschiedliche Zugänge zur Bewältigung. Horx: „Es gibt praktisch keine große Stadt, die sich nicht auf den Weg Richtung grünere und kreativere Zukunft begibt.“

 Autofreies Paris

So etwa haben sich die Bürgermeister von London, Paris, Los Angeles, Kopenhagen, Barcelona, Mexiko-Stadt und Mailand verpflichtet, ab 2025 im öffentlichen Verkehr nur noch Elektrobusse einzusetzen. In Barcelona werden überdies klimafreundliche Renovierungen von Häusern mit bis zu 60 Prozent gefördert, die Straßenbeleuchtung wird auf energiesparende LED-Lampen umgerüstet.

In Paris sollen Benzin- und Dieselautos langfristig aus der Stadt verbannt werden. Erste Schritte dazu sind Verkleinerungen der Straßen und Verbreiterungen von Bürgersteigen und Plätzen. Und: Paris soll viel grüner werden. Mehr als 100 Hektar Dächer, Fassaden und Mauern sollen bepflanzt werden. Seit 2014 läuft das Begrünungsprogramm. Seither gibt es 15.000 Bäume mehr in Paris. Und geplant sind auch 30 Hektar Landwirtschaftsfläche, auf denen Gemüse, Gewürze oder Blumen wachsen sollen, wobei die Bevölkerung eingebunden und animiert wird mitzumachen. Dazu muss bei der Stadt ein „Schein zu Begrünung“ von öffentlichen Flächen beantragt werden, eine Aktivität, die sichtlich gut ankommt, wurden doch bereits mehr als 1500 Bewilligungen erteilt.

Kohlenstoffneutrales Helsinki

Einen ganz anderen Zugang verfolgt Helsinki: 2035 will die Stadt kohlenstoffneutral sein. Um das zu erreichen, setzt man auf Wärmepumpen. Helsinki baut besonders große Exemplare nach und nach in sein Fernwärmenetz ein. Dafür werden verschiedene Wärmequellen angezapft, vor allem Meerwasser. Gleichzeitig ist Helsinki Vorreiter bei der Mobilität der Zukunft. Das zeigt etwa die Entwicklung eines allwettertauglichen selbstfahrenden Busses. Mit solchen elektrischen Fahrzeugen will Helsinki die Emissionen aus dem Verkehr senken.

Smogfreies Prag

Prag hat ein veritables Problem mit der Luftverschmutzung, da es im Tal der Moldau liegt und es daher oft zu Inversionswetterlagen kommt. Seit Zdenek Hrib von der tschechischen Piratenpartei in Prag als Bürgermeister das Sagen hat, tut sich einiges in Sachen Umweltpolitik: An Tagen mit Smog-Alarm etwa sind die öffentlichen Verkehrsmittel gratis und die Stadt will in kurzer Zeit eine Million Bäume pflanzen. Überdies soll der Bau einer vierten Metro-Linie in Angriff genommen und das Radwegenetz ausgebaut werden.

Mit all diesen Themen beschäftigt sich die Urban Future Global Conference im Mai 2021 in Rotterdam. Der Event findet zum siebenten Mal statt, bisher mit jeweils steigender Teilnehmerzahl. Initiator ist Gerald Babel-Sutter. „Eigentlich ist es einem Zufall geschuldet, dass das Ganze in dieser Form stattfindet. Wir hatten einen Workshop zum Thema veranstaltet, zu dem statt der erwarteten 200 Leute mehr als 1000 gekommen sind. Da haben wir erkannt, dass dieses Thema offenbar einen Nerv trifft und haben begonnen, das Event professionell aufzuziehen.“

Auch in Wien gibt es weiteren Handlungsbedarf – die autofreie Innenstadt etwa wurde diskutiert, aber anders als in anderen Großstädten wieder verworfen. (leg)