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Olga Grjasnowa: Zurück in die Geiselhaft

Von der Auflösung einer Identität – und dem Widerstand dagegen. Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku.
Von der Auflösung einer Identität – und dem Widerstand dagegen. Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku.GEORG HOCHMUTH / APA / picturede
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Die historischen und politischen Umstände unter Zar Nikolai I. hat Olga Grjasnowa für ihren Roman „Der verlorene Sohn“ genau studiert. Dass aber der Sohn eines Imans Soldat der russischen Armee werden soll, verweist auf die Gegenwart. Schade nur, dass die Konzeption im historischen Roman stecken bleibt.

Schon in ihrem viel beachteten Debütroman von 2012, „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, hat Olga Grjasnowa Figuren mit komplexen und mehrpoligen Identitäten entworfen, die zwischen mindestens zwei Sprachen leben – aus eigener Erfahrung, ist sie doch in Baku geboren und hat Deutsch, die Sprache, in der sie zur Autorin geworden ist, erst mit elf Jahren erlernt.

In ihrem neuen Roman, „Der verlorene Sohn“, zeigt Olga Grjasnowa, nachdem sie mit „Gott ist nicht schüchtern“ einen Bestseller gelandet hat, die sprachliche und kulturelle Mehrfach-Zugehörigkeit an einer historischen Figur. Jemalludin Schamil wächst im Nordkaukasus als Sohn eines mächtigen Imams auf, bis er 1839 mit erst neun Jahren als Geisel an die Russen ausgeliefert wird. Diese sind daran, den Nordkaukasus zu unterwerfen, wogegen die muslimischen Bergvölker von Dagestan und Tschetschenien erbittert kämpfen. Als die Situation völlig ausweglos ist, erfüllt Imam Schamil die Bedingung der Russen für Kapitulationsverhandlungen und gibt seinen ältesten Sohn preis.
Jemalludin kommt nach Sankt Petersburg, wo sich der Zar für ihn interessiert und ihn in eine Kadettenanstalt gehen lässt. Privileg (dort werden die Söhne der einflussreichsten Adelsfamilien ausgebildet) und Zwang (der Sohn der Feinde soll Offizier der russischen Armee werden) liegen nahe beieinander. Sehr präzise beschreibt der Roman, wie Jemalludin die Erinnerungen an seine Familie als Gegeninstanz gegen alles aufbaut, was an der russischen Kultur attraktiv ist – bis sich diese Erinnerungen ganz allmählich auflösen. Auch sein Muslim-Sein reduziert sich mit der Zeit nur noch darauf, kein Schweinefleisch zu essen, während ihm die Gebetspraxis abhandenkommt.

Jemalludin wird immer mehr zu einem Russen. Aber der Roman weiß genau, was der Lackmus-Test für eine gelungene Integration ist: dass er als Ehepartner für eine russische Frau akzeptiert wird. Schließlich gelingt ihm sogar das. Als er sich in Elisabeth, die emanzipierte Tochter einer relativ liberalen Adelsfamilie, verliebt, steht der Hochzeit fast nichts im Weg. Jemalludin, der einen so langen und oft schmerzlichen Anpassungsprozess hinter sich hat, stellt nur eine Bedingung: Er will nicht zum Christentum konvertieren. Der Roman kommentiert das mit dem hellsichtigen Satz: „Er sah keinen Grund, auch noch seinem Glauben abzuschwören, selbst wenn er ihn nicht mehr hatte.“

Auch das wird noch akzeptiert. Der Zar stimmt der Ehe zu und will Jemalludin sogar wie seinen eigenen Sohn zum Altar geleiten. Er hat nur eine Bedingung: zwei Jahre Wartezeit. Jemalludin wird nach Polen versetzt, möchte aber lieber am Krim-Krieg teilnehmen. Auf die erstaunte Frage „Aber was genau möchtest du dort verteidigen?“ gibt er zur Antwort: „Meine Entscheidung.“ Schnell könnte man da mit dem Deutebegriff „Überidentifikation“ zur Hand sein; jedenfalls muss er seine Entscheidung für Russland und gegen seine Herkunft noch immer verteidigen.

Doch plötzlich ist alles zu Ende. Jemalludins Vater hat zwei georgische Prinzessinnen gefangen genommen, und der Zar will Jemalludin gegen sie austauschen lassen. So muss er zurück zu seinem Vater, dem er fremd geworden ist, und von dessen Umgebung er bestenfalls argwöhnisch beäugt wird. Im Kampf gegen die Russen ist er nun derjenige, der beide Seiten versteht und der vor allem begreift, dass das Regime seines Vaters nicht nur militärisch, sondern auch kulturell und wirtschaftlich unterlegen ist.

Da fällt im Roman noch einmal ein hellsichtiger Satz, der Jemalludins fragile Identität auf den Punkt bringt: „In Russland war es leicht, Ressentiments gegen die Russen zu haben. Doch hier war es anders, hier sehnte er sich nach seiner Vergangenheit, so wie er sich in Russland nach seiner Kindheit gesehnt hatte und beides unwillkürlich idealisierte.“ Aus Diagnosen wie dieser kann man auch etwas lernen über die Situation von Migrantinnen und Migranten von heute.

Doch „Der verlorene Sohn“ ist keineswegs nur die Geschichte der Entwicklung eines Individuums, auch wenn der Titel das suggerieren mag. Der Roman zeigt Russland unter Zar Nikolai I. mit seiner Presse- und Postzensur, dem unermesslichen Reichtum des Hochadels und der unvorstellbaren Not der leibeigenen Bauern, die manchmal ihre Frauen zu Tode prügeln oder einmal ein Baby töten, weil es ein Mädchen nicht wert ist, aufgezogen zu werden; und weil überhaupt ein einzelner Mensch nicht viel gilt in Russland. Diese historischen und politischen Umstände hat Olga Grjasnowa genau studiert, wie nicht zuletzt das umfangreiche Verzeichnis deutscher und vor allem russischer Literatur im Anhang ausweist.

Schade nur, dass sie dabei so ungebrochen auf das Uraltrezept des historischen Romans vertraut: Fakten recherchieren und mit Details bebildern. Gelegentlich versinkt man geradezu in den vielen genau ausgemalten Räumen, Kleidungsstücken und Festtagstafeln. Wäre „Der verlorene Sohn“ ein Film, würde man sagen: ein Kostümschinken. Zumal auch die einzelnen Etappen der Jahre 1839 bis 1857 wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts in biederer chronologischer Reihenfolge abgespult werden. Das Buch erzählt eine ganz außerordentliche Geschichte, aber es gibt darin leider nur wenige Sätze, die in Erinnerung bleiben. Schlimm ist, dass die Autorin vor allem bei den intimen Szenen oder Gefühlen keine eigene Sprache findet. Kaum geht es einmal ins Bett, landet man in der billigsten Unterhaltungsliteratur.

Das große Verdienst des Romans: Es zeigt die Zerrissenheit Russlands zwischen seiner Orientierung der Alltagskultur vor allem an Frankreich, der Faszination für neue Technik und Industrie und den Abschottungstendenzen gegen Europa – orthodox gespeisten Nationalismus und primitiven Antisemitismus inklusive. Auch der russische Imperialismus, der sich vom Zarismus über die Sowjetunion bis zum Putin-Regime der Gegenwart fast bruchlos gehalten hat, tritt klar zutage. Das Terrorregime des Imams kommt allerdings keineswegs besser weg.

Es zeigt sich aber auch klar, wie sich der Islam gerade durch den Krieg und durch die Unterlegenheit gegenüber der Moderne (die das rückständige Russland im Kaukasus repräsentierte) radikalisiert und Zuflucht im Fundamentalismus sucht. Man sollte über Tschetschenien, über Dagestan und überhaupt über die Lage im Kaukasus nicht sprechen, ohne Olga Grjasnowas „Der verlorene Sohn“ gelesen zu haben. Von den zuvor erhobenen Einwänden einmal abgesehen, liest sich der Roman aber gut und ist zweifellos spannend. Seine Hauptfigur, Jemalludin, überzeugt und vermag einen in seinen Bann zu ziehen. ■