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Von Otello bis Lohengrin

Andreas Oplatkas Porträt des „philosophischen“ ungarischen Dirigenten Adam Fischer.

Er war und ist der aufregendste „Otello“-Dirigent seit Karajans Zeiten – und das bei all seinen Kompetenzen für Haydn, Mozart, Wagner, Mahler und Bartók. Er ist Humanist, Menschenrechtsaktivist, Intellektueller, Analytiker – und vor allem ein facettenreicher Künstler: ein brennender Theatermensch, ein Vollblutmusiker und ein brillanter Dirigent mit Weltkarriere. Und er ist, allen Umständen zum Trotz, Ungar mit Leib und Seele. Paprika und Temperament überall.

Adam Fischer kann schüchtern und unsicher vor dem Vorhang stehen, wenn ihm der Applaus entgegenbrandet, als wäre ihm das alles besonders unangenehm. Oder er ist für humorige Überraschungen gut: Als der oberste Sony-Chef Norio Ohga in Eisenstadt ein Benefizkonzert für die Haydn-Stiftung dirigierte, setzte er sich ins Orchester, um bei der „Militär-Symphonie“ die Triangel zu spielen. Andererseits ist Fischer sprachlich so geschickt wie raffiniert, geht es um Definitionen von Musikstilen, denn „Mozart und Haydn seien wie die benachbarten italienischen Regionen Toskana und Umbrien: lieblich und an Schätzen überreich die erste, nicht minder reich, doch in ihrer wunderbaren Vielfalt etwas rustikaler, urwüchsiger und bodenständiger die zweite“.

Die vorliegende Biografie ist dankenswerterweise keine Ansammlung von parfümierten Lobhudeleien, sondern ein kompaktes Interview, geschickt geführt von dem renommierten Journalisten Andreas Oplatka, der ein Zeitkaleidoskop erstellte. Fischer muss über ein brillantes Erinnerungsvermögen verfügen – er teilt auch noch nach Jahrzehnten treffsicher aus. Oplatka kommentiert nicht nur, er kann auch Atmosphärisches beisteuern, etwa wie eine jüdische Familie im Budapest der 1950er-Jahre leben durfte, um zu überleben. Doch er nimmt sich zu wichtig, wenn er überflüssigerweise über das rezente Regietheater referiert.

In der Zielgeraden zur Gegenwart zerbröselt die Reportage: Der jämmerliche Abstieg der Haydn-Philharmonie bleibt unerwähnt, die Fischer noch tollkühn zu Zeiten des Eisernen Vorhangs gegründet hatte, indem er Budapester und Wiener Musiker zu einem Ensemble zusammenführte. Denn er verlangt einen „pannonischen Dialekt“ für Haydn-Interpretationen. Die weithin gefeierte Gesamtaufnahme der Haydn-Symphonien ist sein bestes Argument dafür. Er scheint der Mann für preisverdächtige integrale Serien zu sein: Mozart und Beethoven mit dem Danish Chamber Orchestra, Mahler mit den Düsseldorfer Symphonikern.

Dennoch war diese Karriere keine Gerade. Die Aufnahme in die Liszt-Musikakademie misslang, oder die Chefstelle der Ungarischen Nationalphilharmonie blieb verwehrt. Doch Adam Fischer hat das Talent und die Fähigkeiten, Strategien zu ändern und neue Wege zu suchen. Für sein Studium gelang dem Vater zur Zeit des Kalten Krieges das Kunststück, Adam, später auch dessen jüngeren Bruder Iván, in Wien beim legendären Hans Swarowsky unterzubringen. Oder: Als die Einflussnahmen des Orbán-Regimes unerträglich wurden, quittierte Fischer die Direktion der Budapester Staatsoper und gründete später sein jährliches Wagner-Festival. Respektvoll ist es als Budapester Bayreuth in aller Munde.

Der Buchtitel „Die ganz Welt ist ein Orchester“ klingt banal. Zum Funktionieren eines Orchesters gehören Disziplin, Moral, Vertrauen, Verständnis, Verantwortung und vieles mehr dazu, was Adam Fischer plausibel darstellen kann. Ebenso wie ein Leben in einer besseren Welt. Auch deshalb ist seine Biografie lesenswert. Wollte man ihn mit einem Beinamen einer Haydn-Symphonie charakterisieren, käme nur die Nummer 20 infrage: „Der Philosoph“. ■