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Kulturerbe

„Eine Gesellschaft wächst mit ihren Aufgaben“

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz
„Wir müssen nun versuchen, die Lehren aus der Krise zu ziehen“, sagt ORF-Chef Alexander Wrabetz über die Pandemie.(c) ORF (Thomas Ramstorfer)
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ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ist überzeugt, dass Corona die Solidarität gestärkt hat. Ein Gespräch über Rekordquoten, digitale Kunst, die halb leere Staatsoper und das Privileg, in der Musik-„Welthauptstadt“ Wien zu leben.

Die Presse: Seit Monaten hat uns die Coronapandemie fest im Griff. Woran werden sich spätere Generationen erinnern?

Alexander Wrabetz: In Zukunft wird man von einer Vor- und einer Nach-Corona-Zeit sprechen. Hoffentlich wird man in der Nach-Corona-Zeit die negativen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Folgen gut bewältigt haben. Aber das ist noch ein weiter Weg.


Ist unser Kulturerbe in Gefahr?

So weit würde ich nicht gehen. Aber die Kulturinstitutionen, die Künstlerinnen und Künstler leiden sehr unter der derzeitigen Situation, viele sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Es wird lang dauern, bis das Kulturangebot wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht hat. Der ORF hat sein Engagement im Kunst- und Kulturbereich deutlich verstärkt, um neue Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen und Kulturerlebnisse zumindest digital zu ermöglichen.


Bergen Einschränkungen und Reduktion nicht auch Chancen für die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung?

Eine Gesellschaft wächst mit ihren Aufgaben. Zwar hätten wir alle lieber auf die Erfahrung einer Pandemie verzichtet, da sie aber Realität ist und unser Leben noch länger beeinflussen wird, ist es wichtig, aus dieser Situation etwas mitzunehmen. Ich glaube, dass das Abstandhalten und die besondere Rücksichtnahme auf Risikogruppen zu einem stärkeren Bewusstsein für ein solidarisches Miteinander geführt haben. Wie nachhaltig das ist, wird sich erst zeigen.

Wie geht's dem ORF mit Corona?

Der ORF hat versucht, seinem gesetzlichen Auftrag auch unter den schwierigen Voraussetzungen so gut wie möglich gerecht zu werden. Wir haben umfassend informiert. Und darüber hinaus eine Vielzahl von Programmmaßnahmen gesetzt – von der Bildung über Filme, Serien, Religion bis hin zum Sport und vor allem auch zur Kultur. Die ORF-Programme wurden von einem Millionenpublikum genutzt. Die „ZiB 1“ am 15. März hatte mit 2,9 Millionen die meisten Seherinnen und Seher seit dem Beginn der elektronischen Quotenmessung. Allein die TV-Information hat 94 Prozent der Bevölkerung erreicht. Wir müssen nun versuchen, die Lehren aus der Krise zu ziehen und die für den ORF massiven wirtschaftlichen Auswirkungen verkraften.


Wie haben Sie als Kulturkonsument die Zeit durchlebt?

Mir fehlen natürlich Oper und Konzert. Musik live zu genießen gehört für mich zu den schönsten Erlebnissen. Und gerade Österreich hat hier so viel zu bieten, dass es mich schmerzt, wenn ich sehe, was heuer alles ausfallen musste oder nur in reduzierter Form stattfinden konnte. Wenn man monatelang auf Live-Musikerlebnisse verzichten muss, wird einem erst bewusst, was für ein Privileg es ist, in Wien, der Welthauptstadt der Musik, zu leben.


Waren Sie schon in Vorführungen? Wie hat sich das angefühlt?

Es war ein unglaubliches Erlebnis, „Elektra“ im Rahmen der Salzburger Festspiele in voller Besetzung zu erleben und die Begeisterung der Philharmoniker zu spüren. Ich freue mich auf die Wiedereröffnung der Staatsoper mit zumindest zur Hälfte gefülltem Saal. Mit der Konzertreihe „Wir spielen für Österreich“ konnten wir medial Kulturerlebnisse vermitteln.


Der ORF liefert den Zuschauern Kultur ins Haus. Was kommt?

Der Bogen reicht von „Madame Butterfly“ (7. 9.), live zeitversetzt aus der Staatsoper, über das „Sommernachtskonzert“ der Wiener Philharmoniker (18. 9.) bis zu Rudolf Buchbinders Konzert aus Grafenegg im Rahmen unserer Reihe „Wir spielen für Österreich“ (6. 9.), um einige Highlights zu nennen.


Wird die „Austria“-Gala heuer stattfinden können?

Ich hoffe es sehr.