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Nubya Garcia

Jazz: In London ist Exotismus passé

Auf ihrem zweiten Album präsentiert sich Nubya Garcia harsch bis hochmelodiös.
Auf ihrem zweiten Album präsentiert sich Nubya Garcia harsch bis hochmelodiös.(c) Adama jJalloh
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Die Saxofonistin und Flötistin ist derzeit der Inbegriff des polyglotten Londoner Jazz. Auf ihrem Album „Source“ mischen sich Süße und Herbheit anstrengungslos.

 
 

Ihr Erweckungserlebnis hatte Nubya Garcia im zarten Alter von zehn Jahren, als sie den legendären Saxofonisten Sonny Rollins live im Londoner Barbican Center sah. Der Mann mit dem weißen Rauschebart spielte nicht nur avancierten Jazz, sondern auch simplen, lebensfrohen Calypso. Das waren ganz andere Sounds, als sie Garcia aus dem Radio kannte. Keine Elektronik, keine Effekte, nur der pure Atem, der die Musik machte.

Bis dahin hatte Garcia nur auf einer recht kaputten, aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Klarinette herumprobiert. Ihr erwachendes, seriöses Interesse belohnte ihre Mutter mit dem Kauf eines Saxofons. Von da an gab es kein Halten mehr. Als Teenager erforschte Garcia nicht nur die Jazzgeschichte, sondern insbesondere die jüngere, britische R 'n' B-Historie und allerlei Stile, die nicht unbedingt mit Jazz in Verbindung gebracht werden. Darunter Reggae, Soul, Afrobeat, Calypso und die Cumbia, eine kolumbianische Tanzmusik, die afrikanische Rhythmen mit spanischen Melodien kombiniert.

Bald war sie eine der Schlüsselspielerinnen der seit einigen Jahren äußerst lebendigen Londoner Jazzszene. Auf der von BBC-Mann Gilles Peterson zusammengestellten Kompilation „We Out Here“, die eine Bestandsaufnahme der Londoner Szene von 2017 ist, war Nubya Garcia auf nicht weniger als fünf Stücken zu hören. Darunter war auch die gefährlich funkelnde Eigenkomposition „Once“.

Süße mit Bitterstoffen

Garcia verkörpert den Sound des modernen London wie kaum jemand anderer. Als Kind einer Immigrantenfamilie (die Mutter kam aus Guyana, der Vater aus Trinidad) war sie das Außenseiterdasein von klein auf gewöhnt. Als Musikerin hat sie daraus eine Tugend gemacht. Abseits aller konventionellen Versuchungen fand sie ihren Fokus in einem Jazz, der inklusiver nicht sein kann. Auf „Source“, ihrem Debütalbum unter eigenem Namen, präsentiert sie einmal harschen, dann wieder hochmelodiösen Jazz, der Wurzelforschung in Afrika, in der Karibik und in Südamerika betreibt. Das zwölfminütige Titelstück besticht etwa mit einem zündenden Dubrhythmus, zarten Gesangskolorationen und sehnsuchtsvollen Saxofonmelodien, die auf geheimnisvolle Weise harsch klingen.

Diese Herbheit hat ihre Ursache wohl in Garcias Erlebnissen mit einer ganz speziellen Form von Rassismus, nämlich jenem, der positiv genannt wird. Aus der Pose vermeintlicher Wertschätzung werden da künstlerische Äußerungen von Nichtweißen als „exotisch“ rezipiert. Wenn sich Garcia nun mit Cumbia oder Reggae beschäftigt, dann wird die mit diesen Stilen assoziierte Süße mit klanglichen Bitterstoffen serviert, die ihrerseits köstlich sind. Faszinierend ist ihr zweizeitiger Ansatz. Sie klingt wie Vergangenheit und Zukunft des Jazz in einem. Ihre Tongebung erinnert an Gary Bartz und sogar an Sonny Rollins. Nicht zufällig zählt Shabaka Hutchings, der große Reformer des englischen Jazz, zu ihren Unterstützern.

Grund dafür sind wohl die paradoxen Melodien, die Garcia zu entwickeln versteht. Mal sind diese flüssig, dann wieder auf charmante Weise bockig. Ein Stück wie das lyrische „Together Is a Beautiful Place“ reflektiert jenen kommunalen Geist, der die stets armutsgefährdete Londoner Jazzszene am Leben hält. Man vermittelt sich untereinander Gigs und Studiojobs, hilft einander ständig aus. Zentrum der Szene ist Ost-London. In Dalston befinden sich die kompromisslosesten Jazzklubs, in Haggerston ziert Garcias (gemaltes) Konterfei sogar ein zweistöckiges Gebäude.

Aber längst hat sich die Kunde von der Wundersaxofonistin auch nach Amerika herumgesprochen. Zuletzt arbeitete sie an Moses Sumneys Meisterstück „Grae“ und an Makays McCravens „Universal Beings“ mit. Mit ihrem neuen Soloalbum sollte sie nun auch locker Festlandeuropa erobern.