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Interview

Jan Böhmermann: „Österreich ist ein treuer Begleiter“

„Du siehst Dinge anders, wenn du einmal so richtig reingeguckt hast in den Vulkan“: Böhmermann über die Äffer um seine Schmähkritik.
„Du siehst Dinge anders, wenn du einmal so richtig reingeguckt hast in den Vulkan“: Böhmermann über die Äffer um seine Schmähkritik.Matthias Jung/laif/picturedesk
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Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann über sein Twitter-Leben, das Potenzial Österreichs als „freundliche Demokratur“ und die „weinerliche Opferinszenierung“ im Kabarettmilieu.

Zum Treffen in den Verlagsräumen im Herzen von Köln, gleich neben dem Dom, dem Wahrzeichen der Stadt, kommt Jan Böhmermann ein paar Augenblicke zu spät. Er musste sich noch einen Kaffee „reinzwirbeln“. Deshalb Zwischenstopp bei Starbucks. Erkannt worden sei er dort nicht, sagt er. Die Maske schützt eben, und vielleicht hilft bei der Wahrung der Anonymität auch, dass hier der private Böhmermann unterwegs ist und nicht die Kunstfigur. Das sieht man. Das hört man. Statt Anzug mit Krawatte trägt der 39-jährige Pulli und kurze Hose. Sein theatralisches TV-Lachen blitzt nur einmal auf, als die Sprache auf Harald Schmidt kommt. Meistens wirkt Böhmermann wie ein Grübler und nicht wie jener Satiriker, der die Öffentlichkeit mit dem Stinkefinger-Gate um Yanis Varoufakis narrte, mit dem „Schmähgedicht“ über den türkischen Präsidenten Erdoğan eine Staatskrise entfachte und neulich SPD-Chef werden wollte.

Beim Gespräch in Köln breitet der gebürtige Bremer seine Gedanken großzügig aus. Oder anders: Seine Antworten lassen sich nicht in 280 Zeichen pressen, die Twitter als Maximallänge gestattet. Denn darum geht's auch: Böhmermann hat Tweets aus elf Jahren aus dem Internet „herausgebrochen“ und in ein Buch gepackt.

Dort, in den sozialen Medien, in denen @janboehm 2,1 Millionen Follower zählt, tobt ein alter Streit. Es geht, Achtung Pointe, um deutschen Humor und „Cancel Culture“. Die Anführungszeichen sind deshalb gesetzt, weil diese Kultur des Boykotts unliebsamer Künstler für die einen nicht existiert und für die anderen die Meinungsfreiheit im Land bedroht. Der Streit kreist um den Umgang mit den Kabarettisten Dieter Nuhr und Lisa Eckhart. Nuhr reißt Witze über den Klimawandel und Coronamaßnahmen. Nach einer „aggressiven Twitter-Diskussion“ hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Statement des Kabarettisten gelöscht. Eckhart wurde zwischenzeitlich von einem Literaturfestival ausgeladen, weil die Veranstalter Sicherheitsbedenken hegten. Der Österreicherin, die in Leipzig wohnt, werden antisemitische Witze vorgeworfen. Ihre Verteidiger meinen, sie entlarve nur Ressentiments. Was darf und was ist Satire? Ein Gespräch.