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Salzburger Festspiele: Musikalische Erkennungsszenen

Salzburger Festspiele Musikalische Erkennungsszenen
Anne-Sophie Mutter(c) EPA (Felix Hoerhager)
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Anne-Sophie Mutter und die Philharmoniker unter Riccardo Chailly im Rihm-Schwerpunkt.

Das war eine Art „Versöhnungskonzert“. In Salzburg ging einst die ohnehin stets nur sanfte Verbindung zwischen den Wiener Philharmonikern und dem Dirigenten Riccardo Chailly in Brüche, weil dieser sich gegen den Brauch des Musikerwechsels im Rahmen einer Festspiel-Opernserie ausgesprochen hatte.

Und das den Philharmonikern! Und das bei einem Stück von Rossini!

Chaillys Karriere hat sich jenseits von Wien und Salzburg nicht übel entwickelt. Nun fand man wieder zusammen, für eine sehr schön ausbalancierte, gut und sicher aufgebaute Aufführung von Anton Bruckners „Romantischer“ Symphonie und für eine Wiedergabe von Wolfgang Rihms mittlerweile fast 20 Jahre altem Violinkonzert „Gesungene Zeit“.

 

Rihm-Aufführung: „Suche Karte“

Was sich bei den Festspielen in den vergangenen Jahren so alles verändert hat, studiert man am allerbesten bei solchen Gelegenheiten. Früher einmal wäre die Kombination Rihm/Bruckner tödlich für den Kartenverkauf gewesen. Auch wenn prominente Interpreten am Werk gewesen wären, wären kaum unzählige Musikfreunde mit „Suche Karte“-Schildern vor dem Festspielhaus gestanden.

Heute ist das anders. Der Salzburger Rihm-Schwerpunkt ist ein voller Erfolg, und der Komponist muss bereits vor dem Konzert Autogramme geben. „Ich bin sehr glücklich“, sagt er gesprächsweise im Pausenfoyer, „vor allem, weil hier künstlerisch so gut gearbeitet wird.“

 

Philharmonisch, tröpfchenweise

Prominente Interpreten in solcher Ballung wie in Salzburg findet ein zeitgenössischer Komponist tatsächlich nicht leicht. „Gesungene Zeit“ also, eine Wiederbegegnung – auch das gehört zum Festspielgedanken. „Gesungen“ wird wenig in diesem statischen Stück. Vielmehr gibt die Geige kurze Phrasen an, von deren Einzeltönen sich dann Echos wie Tropfen ablösen. So baut sich langsam aus vielen Einzelteilen um die Solostimme ein Klangraum auf.

Die Orchesterstimmen verselbstständigen sich gegen die Mitte des Werks zu, bringen – vor allem aus den tieferen Registern – Bewegung, auch ein wenig Dramatik ins Geschehen, ehe sich die Stille wieder einstellt, in der man dem einzelnen Ton nachlauscht.

Wenn Widmungsträgerin Anne-Sophie Mutter musiziert, dann sind diese Einzeltöne von großer Schönheit. Mit solch klanglichem Ebenmaß halten die Philharmoniker mühelos mit. Chailly organisiert den Ablauf und rettet den Schönklang in Bruckners Vierte herüber: Er oktroyiert dem Orchester nichts, lässt die Musik fließen.

 

Chaillys Natürlichkeit

Er inszeniert nicht, horcht tatsächlich in die Klänge hinein, gibt einem natürlichen symphonischen Ablauf die nötigen Impulse. Bruchlos schwingen sich auf diese Weise die Steigerungsbögen auf. Nichts wirkt gekünstelt. Schon das Eingangstremolo ist keine Pianissimo-Studie, sondern eine simple Klangfläche, aus der heraus sich das Horn und danach viele wunderbare Bläsersoli abheben. An den Höhepunkten demonstriert das Blech, was wienerische Klangkultur ist, weich und rund auch im äußersten Forte. Chailly sollte öfter ans philharmonische Pult wiederkehren. Uneitle Animatoren wie ihn haben wir nicht zuhauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2010)