Der eminente Historiker Tony Judt ist am Freitag in New York am Lou-Gehrig-Syndrom gestorben. Der renommierte Professor der New York University war für seine scharfsinnigen Essays bekannt, aber auch gefürchtet.
Sein Vater stammte aus Belgien, seine Mutter aus Russland, Tony Judt wurde 1948 in London als Sohn nichtgläubiger Juden geboren. Er war ein intimer Kenner des französischen Geisteslebens. Bei seinen Aufenthalten in Wien (zum Beispiel als Fellow des Institutes für die Wissenschaften vom Menschen) konnte man beschämt erfahren, dass er Mitteleuropas Geschichte besser kannte als die meisten Ansässigen hier, dass sein Wissen aber ein beinahe globales war.
Dieser renommierte Professor der New York University war für seine scharfsinnigen Essays in den besten intellektuellen Blättern der USA und Europas, etwa in der „New York Review of Books“ oder dem „Times Literary Supplement“, bekannt, aber auch gefürchtet. Er belebte den Diskurs, scheute keine Konfrontation, bewahrte aber mühelos bei aller Liebe zum Detail den Gesamtüberblick. Tony Judt formulierte polemisch, wenn er Supermächte, den Staat Israel oder, mit skeptischem Blick auf die EU, die Zustände in Europa analysierte.
Seine intellektuelle Entwicklung ist ebenfalls interessant, er wandelte sich vom linkslastigen Zionisten, der in seiner Jugend mehrere Sommer in einem Kibbuz arbeitete, zum „universalistischen Sozialdemokraten“; letztlich war ihm aber wohl jede extreme Ideologie suspekt. Das konnte auch auf die USA zutreffen, wo er Jahrzehnte unterrichtete.
Von solch einem vielseitigen Gelehrten war zu erwarten, dass er ein Jahrhundertbuch schrieb. Für seine gut 1000 Seiten starke, 2005 veröffentlichte Abhandlung „Postwar“ (in deutscher Übersetzung: „Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“) wurde er mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2006 ausgezeichnet. Als Ergänzung zu diesem Opus magnum ist „Das vergessene Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen“ (2010) zu verstehen, eine Demonstration für die Belesenheit dieses Mannes, dessen Karriere in Cambridge mit einer Dissertation über die französischen Sozialisten nach dem Ersten Weltkrieg begann (1972). Zwei große Studien über das französische Geistesleben im 20. Jahrhundert folgten. Seine Favoriten: Camus und Aron, auch sie Verweigerer von allzu platter Ideologie. Modische Typen wie Sartre mit ihrer „moralischen Feigheit“ kamen bei ihm schlecht weg.
An der New York University, wo er seit 1987 (nach kürzeren Tätigkeiten in Cambridge, Berkeley und Oxford) lehrte, wirkte er 1995 an der Gründung des Remarque-Institutes mit. Unter seinem Direktorat wurde es ein wichtiges Zentrum zur Erforschung der europäischen Geschichte. Bis zuletzt war er dort aktiv.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2010)