Fokus auf
Wien-Magazin

23 Thesen zu Wien

Eine Vermessung der Stadt anlässlich der Wien-Wahl zu Politik, Verkehr, Stadtplanung, Tourismus, Wirtschaftsstandort, Kultur und Gesundheit.

Wahlen in der Bundeshauptstadt gehören seit jeher zu den interessantesten, turbulentesten und innenpolitisch folgenreichsten Entscheidungen. Doch die Ausgangssituation für den 11. Oktober ist in vielerlei Hinsicht noch einmal eine besondere: Statt Langzeitbürgermeister Michael Häupl stellt sich Neuling Michael Ludwig das erste Mal den Wienerinnen und Wienern. Seine Landespartei ist längst die letzte verbliebene Machtbastion der heimischen Sozialdemokratie in Dauerkrise. Die FPÖ, zuletzt mit knapp einem Drittel der Stimmen erster Herausforderer, hat mit dem Ibiza-Skandal nicht nur ihren Frontrunner Heinz-Christian Strache verloren, sondern nach allen Umfragen auch einen Großteil ihrer Wähler. Die Grünen müssen durch die Regierungsbeteiligung im Bund plötzlich eine Zwei-Firmen-Strategie mit ungewissem Ausgang fahren. Und die ÖVP hofft durch den Rückenwind im Bund und die blaue Selbstversenkung auf der bisher für sie so schmachvollen Wiener Bühne auf einen Achtungserfolg. Als wäre das nicht schon genug, wird das erste Mal seit Ausbruch der Pandemie gewählt, was organisatorisch neue Herausforderungen und politisch eine erste Bewertung der Coronamaßnahmen durch die Bevölkerung bringen wird. Die „Presse“-Redaktion trägt diesem Ereignis neben der gewohnt intensiven aktuellen Berichterstattung in Print und online mit einem neuen Magazinformat Rechnung. Nach dem großen Erfolg der „Presse“-Geschichte-Reihe werden künftig politische Großereignisse in unregelmäßigen Abständen mit einer eigenen Politmagazinreihe begleitet. Den Anfang macht das Wien-Magazin. Darin vertreten „Presse“-Autorinnen und -Autoren aus verschiedensten Ressorts ihre Thesen zu Wien und zeichnen damit ein facettenreiches Bild der Donaumetropole im Herbst 2020. Der ideologische Wandel in einzelnen Gesellschaftsgruppen ist Thema wie der Wirtschaftsstandort, die Entwicklung von kritischer Infrastruktur für Verkehr oder Gesundheit wird ebenso untersucht wie Stadtplanung, Kultur oder die internationale Sicht auf Wien. Die „Presse“-Fotografen Clemens Fabry und Daniel Novotny haben die Autorinnen und Autoren dafür eigens in den Bezirken fotografiert. Ergänzt werden diese Essays durch einen von unserem Wien-Ressort, dem Report-Team und Haus- Historiker Günther Haller nach Bezirken gegliederten Teil, der sich mit aktuellen und historischen Aspekten des Grätzels beschäftigt und dazu detaillierte Grafiken liefert. Ich darf mit ausgewählten Lokaltipps zum Besuch und Verweilen in den Bezirken ermuntern. Die Gestaltung des Magazins stammt von Matthias Eberhart (Art Director), Petra Winkler und Gregor Käfer (Grafik), Lukas Görög (Daten), Pasha Rafiy (Bild), Konzept und Redaktion verantworten Florian Asamer und Tina Stani. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen und hoffe, das Magazin sorgt für neue Sichtweisen auf und Orientierung in Wien – auch abseits der aktuellen Wahlentscheidung.

Rainer Nowak

1. Innere Stadt

Das vielleicht spannendste Dorf der Welt

Auf wenigen Quadratmetern drängen sich Touristenattraktionen, Ministerien, Altwiener und Neuwiener. Im Ersten lässt sich die Entwicklung des bürgerlichen Wiens wunderbar nachvollziehen. Von Rainer Nowak

Der erste Bezirk ist eigentlich keiner, er ist nur ein Sammelsurium von Touristenattraktionen, Schanigärten, Regierungsgebäuden und austauschbaren Fußgängerzonen. Der Erste, eine Schimäre. Echte Einwohner gibt es eigentlich auch gar nicht, sie setzen sich aus einer internationalen Gemeinde zusammen, die auch jede andere Weltstadt bewohnen könnte, aber zufällig gerade hier arbeitet, zur Schule geht, studiert oder die Pension erduldet. Dazu kommen ein paar Einheimische, die Altmietverträge mit Zähnen und Klauen verteidigen, und zugezogene Wohlhabende aus den Bundesländern, die sich zwar für den Inbegriff des kosmopolitischen Innenstadtbohemiens halten, aber genau genommen nur eine mondäne Airbnb-Phase ihres Lebens genießen. Der Erste, ein Geisterbezirk.

Dann gibt es die politische Innenstadt, deren Wähleranzahl lächerlich gering ist, deren Bedeutung überschätzt wird und deren bürgerliche Symbolkraft längst erloschen ist...

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2. Leopoldstadt

Wien bleibt nicht Wien – und das ist gut so

Wie stark sich die Stadt verändert, zeigt sich nirgends so klar wie beim fröhlichen Treiben am Donaukanal im Zweiten. Von Karl Gaulhofer

Sie lagern am Donaukanal, an der Ausgehmeile in der Leopoldstadt. Schüler, Studenten und Freunde des Feierabends, zu Hunderten, zu Tausenden. Hart ist der Stein am Quai, man muss einen jungen Rücken haben, um dort den ganzen Abend zu verbringen. Es ist kein Picknick im Grünen, sondern im Beton. Die Gegend um den Schwedenplatz, im Krieg zerbombt, ist bis heute braungrau und schäbig geblieben. Die barocke Pracht, der imperiale Prunk lauern gleich um die Ecke, scheinen aber ganz weit weg. Es ist eine willkommen schlichte Bühne für zur Schau gestellte Lebenslust. Beine baumeln prekär mehrere Meter überm Wasser. Ambulante Verkäufer versorgen die Menge mit Bier aus ihren Rucksäcken. Sie machen nicht den Eindruck, als hätten sie beim Magistrat um eine Lizenz angefragt.

Unter der Brücke legen Gitarre und Schlagzeug los, das Publikum tanzt dazu, beherzter als beim Tangokurs eine Brücke weiter. Kinder umringen den Jongleur. Beim „Urban Gardening“ erntet man Gemüse, das allen gehört, und huldigt so einer kollektivistischen Utopie im Schrebergartenformat. Nebenan schnitzen einige Freaks an Holzskulpturen herum....

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3. Landstraße

Straches langer Weg zurück in den Dritten

Ob Kanzleramt oder Klosterneuburg: Heinz-Christian Strache verlor Wien nie aus den Augen. Schafft er hier ein Comeback? Von Iris Bonavida

Es ist wahrscheinlich die Beschreibung, gegen die sich Heinz-Christian Strache am heftigsten wehren würde: durchschnittlich. Der 51-Jährige 
wollte schon immer etwas Besonderes sein. Strache liebt die Extreme: Der meistbekämpfte Politiker, das lauteste Sprachrohr für die Österreicher, die größte Gefahr für die Regierung. So sieht sich Strache gern. Dort, wo er aufgewachsen ist und offiziell auch heute noch lebt, ist es aber eben ziemlich durchschnittlich: Es gibt schönere Ecken im dritten Wiener Gemeindebezirk als die Keinergasse, aber auch hässlichere Orte. In Straches Stiegenhaus bröckelt der Verputz, wie in vielen Häusern Wiens. Auf der Straße trifft man wenig Autos, dafür ein paar Kinder mit einem Fußball. Die Gebäude sind in Grau und Beige gehalten. Nur ein Haus leuchtet mutig in Lachsrosa.

In  der „Presse“ kennt  man  die  Gegend gut. Die Redaktion liegt um die Ecke. An Wahl- tagen reicht ein Spaziergang von hundert Metern, um den langjährigen FPÖ-Chef bei der Stimmabgabe in der benachbarten Mittelschule zu beobachten. Ansonsten begegnete man ihm nie. Wenn eine Runde Journalisten früher in Remy’s Beisl Spritzer trank, traf man aber Straches Mutter. Höflich, rauchend und ab und zu auch etwas unglücklich ...

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4. Wieden

Im Epizentrum der Bürokratie

Wien ist im internationalen Vergleich sehr gut verwaltet, aber auch sehr heftig. Das gilt auch für die im 4. Bezirk beheimateten großen Sozialpartner. Von Josef Urschitz

Als der begnadete Wiener Grantler Kurt Sowinetz in einem seiner destruktiven Chansons „Himmel, Fegefeuer und Hölle“ beschrieb, war seine Vorstellung von der Hölle wirklich fürchterlich: Dort existiere nichts. Kein Wirtshaus, kein Tröpferlbad, „ka scheene Leich“. Nur der Amtsweg!

Man sieht, der gute Mann muss mit der Wiener Bürokratie Erfahrungen gemacht haben. Dabei hat es zu Sowinetz-Lebzeiten noch gar keine Anwohnerparkzonen gegeben. Er konnte also gar nicht in die Verlegenheit kommen, sein Auto beispielsweise unter dem Verkehrszeichen mit der Zusatztafel „Anwohnerparken 4./5. Bezirk lt. Amtsblatt Wien 41/2018“ abzustellen. Und dabei feststellen zu müssen: „Verdammt, jetzt habe ich den Band mit den Amtsblättern von 2018 nicht dabei! Wie soll ich wissen, ob ich da parken darf oder nicht?“ Man hätte die Information also auch wesentlich effizienter und wohl auch billiger mit der Tafelaufschrift „Schmecks!“ kundmachen können.

Das ist eine Form der Bürokratie, wie sie der „kleine Mann“ häufig erlebt. Außer natürlich, er hat komplexere „Vorbringungen“ wie etwa ein Ansuchen um Baugenehmigung. Dann stößt er schnell in das Herz der Sowinetz’schen Hölle vor.

Denn Wien ist, wie das übrige Österreich auch, recht gut verwaltet. Jeder, der ein bisschen in der Welt herumgekommen ist, wird das bestätigen. Aber leider auch sehr heftig! Vielleicht noch ein bisschen heftiger als das übrige Österreich. Rund 30.000 Mitarbeiter in 70 Magistratsabteilungen halten das Werkel am Laufen, insgesamt beschäftigt die Stadt (ohne Landeslehrer) an die 65.000 Menschen. Annähernd doppelt so viele wie die Europäische Kommission.

Viele davon in Jobs, die mit direkter Bürokratie wenig zu tun haben. Aber eben noch genug, die sich „Vurschriften“ wie auf der oben beschriebenen Verkehrstafel ausdenken. Oder Schlimmeres. Denn der Hinweis auf das Amtsblatt auf Verkehrszeichen ist nur kurios. Bürokratische Hürden bei Förderungen oder Betriebsgenehmigungen können dagegen ins Geld gehen. ...

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5. Margareten

An der Ringstraße des Proletariats

In Margareten war die Partei der Arbeiter einst zu Hause. Von Günther Haller

Der gestrige Wahltag hat einen Sieg auf ganzer Linie gebracht. Wien ist sozialdemokratisch. Zu Ende ist das bürgerliche Klassenregime. In voller Souveränität ergreift nun das Volk die Herrschaft, die soziale Demokratie zieht in das Rathaus ein. Rot flammt es am Horizont und kündigt den herrlichen, unwiderruflichen Sieg des Sozialismus an.“ Zeilen, die typisch sind für die Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit. Sie waren zu lesen in der Arbeiterzeitung vom 5. Mai 1919.

Gedruckt wurde die Zeitung damals in der Wienstraße 89a (sie hieß ab 1911 Rechte Wienzeile) im Wiener Arbeiterbezirk Margareten. Hier hatte die SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei) schon in der Monarchie, 1909 und 1910, ein Druckerei- und Büroge- bäude für die Organisation von Partei und Gewerkschaft errichten lassen. 24 Jahre lang, bis 1934, war hier der Sitz der Parteizentrale. Die Liegenschaft schien gut geeignet, da sich im Hinterhof bereits ein Druckereige- bäude befand. „Vorwärts“ war der Name des Gebäudes ...

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6. Mariahilf

Die Königin der Einkaufsstraßen

Eine Milliarde Euro wird auf der 1,8 Kilometer langen Mariahilfer Straße jährlich umgesetzt. Doch mitunter stehen Geschäfte leer. Das liegt weniger an Corona, sondern vielmehr an Amazon und Co.

Minus 50 Prozent auf alle Waren“, steht in großen roten Lettern geschrieben. Und klein darunter:c„Wir schließen für immer.“ Ob das Coronavirus daran Schuld ist, oder Amazon und Co.? In den Wiener Geschäftsstraßen geben sich immer öfter neue Händler die Klinke in die Hand. „Hier auf der Mariahilfer Straße ist es noch nicht so schlimm“, sagt Roman Schwarzenecker. Er leitet die Beratungsgesellschaft Standort + Markt und gilt quasi als Handelsguru. Zur Mariahilfer Straße hat er eine besondere Beziehung. „Ich habe einst meine Dissertation über sie geschrieben“, erzählt er.

Auf den ersten Blick hat sich auf den 1,8 Kilometern der inneren Mariahilfer Straße wenig verändert. Auch Corona und Social Distancing sind hier kaum zu bemerken. Jetzt, wo die Geschäfte wieder offen haben, herrscht geschäftiges Chaos wie eh und je. Manchem ist es schon zu viel. Immer mehr Radfahrer schlängeln sich abseits der Einkaufsstraße durch den sechsten Bezirk. Schmalzhofgasse, Liniengasse, wenn’s sein muss auch die Gumpendorfer Straße. Alles besser als der Spießrutenlauf durch die „Mariahü“...

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7. Neubau

Im Versuchslabor der neuen Stadt

Wien verändert sich, bzw. wird zur klimaangepassten Stadt umgebaut. Wie die Stadt in Zukunft aussehen könnte, lässt sich nirgends so gut erahnen wie in Neubau. Von Christine Imlinger

Jetzt ist auch die nächste Begegnungszone fertig. Die letzten Pflastersteine in der Neubaugasse sind verlegt, Anfang September ist die neu gestaltete Gasse mit einem mehrtägigen Reopening-Fest gefeiert worden. Die Neubaugasse wurde zur jüngsten Begegnungszone der Stadt umgebaut, neben der Verkehrsberuhigung geht es um Kühlung, und so werden bald 30 Bäume gepflanzt, die Neugestaltung beinhaltet Nebelstelen, Wasserspiele, Rankgerüste für Pflanzen, Sitzgelegenheiten, Tempo 20, Platz für Schanigärten, Radabstellanlagen usw. Das, was man eben in den letzten Jahren in Sachen Gestaltung kennt. Nicht nur in Neubau, aber in keinem anderen Bezirk sieht man so deutlich, wohin der (grüne) Weg in Sachen Planung und Verkehr geht, wie die an den Klimawandel angepasste Stadt aussehen könnte. Und, es ist ein Bezirk, in dem man vieles gerade erst austestet. ...

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8. Josefstadt

Wie bürgerlich sind Bürger?

Altbürger, Neubürger, Bobos haben unterschiedliche Interessen. Die Leidenschaft für Kultur verbindet sie und der Streit darum. Von Barbara Petsch

ind Sie bürgerlich?“ „ Ja“, sagt die 22-jährige Caroline, die gerade ein Praktikum bei einer Wiener Bühne macht. „Konservativ?“ „ Ja“, bestätigt die Studentin der Germanistik und Publizistik. Wenn die Eltern eher unkonventionell sind, vertraue der Nachwuchs auf alte Werte, überlegt Caroline. Wer sind die Eltern? Der Vater Immobilienmakler, die Mutter Juristin, in der Luxusartikelbranche tätig. Einmal im Jahr gehen Caroline und sie ins Theater, in ein Stück, das Caroline aussucht. Danach sei die Mama froh, dass sie die Pflichtübung wieder für eine Zeit lang hinter sich habe, berichtet die junge Frau.  Theaterbegeistert ist aber die Oma, sie besucht mit ihrer Freundin regelmäßig Vorstellungen. „Die Liebe zur Bühnenkunst hat eine Generation übersprungen“, schmunzelt Caroline.

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9. Alsergrund

Metropole der Salonmode

Die Geschichte eines Modelabels zeigt: Eine internationale Karriere muss nicht sein, auch eine treue lokale Klientel verhilft nachhaltig zum Erfolg. Von Daniel Kalt

Zwischen den Magnolien – das ist zugegebenermaßen eine für Wiener Verhältnisse etwas unübliche Präzisierung einer Adressangabe. Im gegebenen Zusammenhang ist das nicht unstimmig: Auch das im Luxussegment positionierte Salonmodelabel, das in der Hahngasse im Servitenviertel mit diesem Adresszusatz zu finden ist, entspricht schließlich nicht ganz dem Wiener Habitus. Zudem fügt sich der floralpoetische Charakter dieser botanischen Note stimmig zur Ästhetik der Kollektionen; diese sind häufig angelehnt an filmische Poolszenen der Sechziger- und Siebzigerjahre, ein vages Riviera-Feeling, oder, wie Designerin Franziska Fürpass frei assoziiert: „Nonchalance, der Stil der Seventies, der Glamour des alten Hollywood.“ Femme Maison, so heißt ihre Modemarke, existiert in der aktuellen Konstellation seit 2014. Fürpass hatte zuvor in der Modeklasse der Angewandten studiert,  mit einem Studienkollegen – dem Georgier George Bezhanishvili, der später in die USA ging – ein Label gegründet. Seine künstlerische Sensibilität drückte das Designerduo damals durch Bezugnahme auf Arbeiten von Louise Bourgeois aus, nämlich die Werkserie der „Femme Maison“. An Schöngeistigkeit ist auch die neue Konstellation nicht ärmer; an Fürpass’ Seite wirkt nun ihr Ehemann Sia Ali-Pour- Kermani. Die Qualität der gemeinsamen Arbeit und die hohen gestalterischen Ansprüche weiß jene Klientel ausgiebig zu schätzen, die sich in den letzten sechs Jahren um die Marke versammelt hat.

Untypisch für die Wiener (Avantgarde-) Modeszene ist die Erfolgsgeschichte von Femme Maison aus folgendem Grund ...

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10. Favoriten

Favoritens verlorene Arbeiter

„Vielfalt“, nennen es die einen. „Das ist nicht mehr unser Favoriten“, sagen die anderen. Über das Dilemma der SPÖ am Beispiel des zehnten Bezirks. Von Thomas Prior

Wer Favoriten sagt, denkt nicht an die südlichen Teile des Bezirks, an das 32 Hektar große Weinbaugebiet in Oberlaa, an die Heurigen, den Böhmischen Prater, das Naherholungsgebiet am Wienerberg. Nicht einmal die Per-Albin-Hansson-Siedlung kommt einem in den Sinn, obwohl dort fast so viele Menschen leben wie in Eisenstadt, und schon gar nicht das Sonnwendviertel gleich hinter dem Hauptbahnhof, das ein wenig an die neuen Stadtteile in Oslo erinnert oder wenigstens an die Hafencity in Hamburg.

Wer Favoriten sagt, denkt an die Favoritenstraße und den immer vollen Sechser, der – an türkischen Friseuren, Bäckern und Supermärkten vorbei – die Quellenstraße hinuntertingelt bis ins Kreta-Viertel; an den Verteilerkreis, die Austria und die Eismarillenknödel vom Tichy. Vor allem aber denkt er an den politisch umkämpften Viktor-Adler-Markt und an die ethnischen Spannungen, von denen immer wieder zu lesen und zu hören ist. ...

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11. Simmering

Schöner wird’s nimmer

Aktuelle bauliche Qualitäten Wiens zeigt nicht so sehr das aktuelle Stadtbild. Sondern eher ein Blick auf den sozialen Wohnbau. Von Norbert Philipp

Zu fast allem kann man sich Expertenmeinungen einholen. Sogar zur Frage: „Was ist schön?“ Vor allem in der Architektur. „Schön“, das bestätigen wiederum andere Experten, die Architekturpsychologen nämlich, das könne für Laien und Experten ganz etwas anderes bedeuten. Der eine sieht ein plumpes Kastl mit Fenstern. Der andere erkennt ganz besondere Qualitäten im Grundriss, mit dem sich auch noch in 25 Jahren Patchworkfamilienbiografien räumlich abbilden lassen. „Schön“ zumindest für jene, die in diesen Wohnungen günstig, weil gefördert, wohnen. Eines kann man aber architektonisch prognostizieren: Wien wird vielleicht grüner, verkehrsberuhigter, smarter, effizienter. Aber kaum mutiger, radikaler, außergewöhnlicher. Stadtbild, das ist doch etwas für Touristen. ...

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12. Meidling

Warum Kurz (auch) Großstadt kann

Die Volkspartei gewinnt auch in früheren Arbeiterbezirken. Jung und konservativ kommt in der Großstadt wieder gut an. Am Beispiel Wien-Meidling. Aber nicht nur.

Wer an Meidling denkt, hat es eilig. Entweder muss man dort umsteigen – in die Schnellbahn, die U6, die U4 oder die Badner Bahn. Oder man braust mit dem Auto über den mehrreihigen Asphalt der Breitenfurter, Altmannsdorfer oder Hetzendorfer Straße mit ihrem Autowerkstatt-Pfandhaus-Susis-Barpanorama. Und kommt dabei nicht auf die Idee, einmal etwas anderes zu tun. Wie: stehen zu bleiben.

Wobei: So stimmt das nicht. Denn die Zahl derer, die nicht bloß stehen bleiben, sondern bleiben, wächst. Vor allem junge Familien zieht es in den mittig gelegenen Bezirk, der nicht so teuer, aber auch nicht mehr ganz billig ist. Kransilhouetten künden von baulicher Betriebsamkeit. Rund um den Meidlinger Markt (mit der kleinsten Konditorei und dem entspanntesten Hund der Stadt) entstehen Penthäuser, auf den Kometgründen wächst ein Wohn-Shopping-Büro-Komplex und die Wildgartensiedlung am Rosenhügel wird über 2000 Menschen Platz bieten.

Aus SPÖ-Familie

Mehrere davon werden künftig die ÖVP wählen, glaubt Ernst Zlabinger. Zlabinger – 61, Poloshirt, graues Haar. Er ist Bezirksparteiobmann in Meidling und ein seltener werdendes Exemplar. Der Beamte stammt aus einer „sozialistischen Familie“, die Mama, sagt er, habe ein Bild von Leopold Gratz (roter Minister, Bürgermeister) am Nachtkastl gehabt. Zur ÖVP bekehrte Zlabinger die Liebe. Zum SPÖ-Hasser wurde er nie: „Ich finde es für Österreich wichtig, dass es die Sozialdemokratie gibt. Unter 20 Prozent sollte sie nicht fallen.“ Seine Lebensgefährtin ist Bürgermeisterin – allerdings im Burgenland.
Um den Bürgermeister geht es der ÖVP in Wien freilich nur in der Theorie. Siegen wird sie trotzdem. Platz zwei in Wien, Platz zwei in Meidling, sich mehr als verdoppeln. Ja, das sei drin, sagt Zlabinger. Und zwar irgendwie auch dank der vielen Bauprojekte. Denn die jungen Familien, die dort einziehen, gehören zur türkisen Zielgruppe. Dass diese automatisch rot wählen, nur weil etwa die Stadt geförderten Wohnbau hinstellt, hat sich ja schon in der Seestadt Aspern als SPÖ-Denkfehler entpuppt.

Es helfe auch, dass die ÖVP im Bezirk mittlerweile selbst so jung sei, sagt Ernst Zlabinger. Wobei: heikles Thema. Habe es doch eine „Phase des Jugendwahns“ gegeben, in der die alten Funktionäre en bloc ersetzt worden sind.

Die Kinder, der Job

„Auch ich bin gefährdet gewesen“, sagt der 61-Jährige, der heuer als Bezirksrat aufhört. Obmann bleibt er aber noch – auf expliziten Wunsch der Partei und auch der Jungen. Die hätten nämlich oft noch gar nicht so viel Zeit für die politische Arbeit: „Die haben ja viel zu tun. Die Kinder, der Job.“ Und so moderiert Zlabinger eben nun den Übergang der Partei: „Ich komme mir vor wie Moses, der seine Leute aus Ägypten ins gelobte Land führt.“
Ein Scherz? Nicht ganz. Denn Türkis überwindet heuer wohl das langjährige Wien-Trauma der Schwarzen. Und das sind drei Gründe, warum es klappen wird.

Erstens: Wien ist konservativer als gedacht. Über das Naheliegende muss man nicht viel reden. Bei der vergangenen Wien-Wahl kam die FPÖ auf über 30 Prozent. Jetzt liegen FPÖ und Team Strache laut Meinungsforscher Peter Hajek gemeinsam bei 12 bis 13 Prozent. Da ein Wähleraustausch zwischen links und rechts (abgesehen vom Burgenland) kaum gelingt, ist es klar, wohin die Wähler wandern – oder, so korrigiert Hajek, seit Ibiza bereits gewandert sind. Wobei man sagen muss: Die ÖVP war auf diesen Moment schon auch sehr gut vorbereitet.
Migrationskritik gibt es eben schon länger nicht mehr nur in grellem Blau, sondern auch in dezentem Türkis im Angebot. Und das auch in Wien. Die Zeiten, als sich die Schwarzen noch eine eigenwillige, bunte Großstadtfiliale geleistet haben, sind vorbei. Eh schon länger.

Blau? Oder Pink?

Erinnert sich noch jemand an den unfreundlichen Sicherheitswahlkampf der freundlichen Christine Marek? Nach einer ungelenken Metamorphose, während der man nicht so wusste, ob da nun eher etwas Blaues oder Pinkes schlüpft, ist nun seit fünf Jahren klar: Türkis steht für konservativ. Im Bund. In Wien. Punkt. Und das sei auch richtig, sagt der frühere Wiener ÖVP-Obmann Bernhard Görg: „Kurz hat den Mut gehabt, das Schmuddelthema Migration anzufassen.“ Und das zur rechten Zeit. Letzteres sei kein unwichtiges Detail. Görg erinnert sich an jenen ÖVP-Bezirksvorsteher, der einst Jörg Haider beigesprungen ist: „Der ist von den Wählern abgewatscht worden.“
Auch Erhard Busek, früherer ÖVP-Bundesparteiobmann und Ex-Wiener ÖVP-Chef, und als solcher Erfinder der „bunten Vögel“, sagt: „Wäre ich heute für die Wiener ÖVP verantwortlich, würde mir nichts anderes übrig bleiben, als denselben Weg zu gehen, auch wenn es mich persönlich nicht so freuen würde.“ Und auch wenn er – Nachsatz – doch sehr anders über Migration reden würde.

Intellektuelle

Und er findet auch nach wie vor: Eine Stadtpartei müsse großstädtisch sein. Sie müsse aufgeweckte Debatten führen, kulturelle Schichten und Intellektuelle anziehen. Das fehle der ÖVP – allerdings auch allen anderen. „Die ÖVP war nie eine intellektuelle Partei“, kontert Görg. Aber unter Kurz verstehe sie nun wenigstens etwas von Kommunikation. Und das sei das Wichtigste.

Und was sagt man im Bezirk? Konservativer? Ja, ja das stimme, sagt Zlabinger. Aber das seien jetzt alle in Europa. Und was meint er zum Thema Migration? In Meidling hat immerhin ein Drittel der Bevölkerung nicht die hiesige Staatsbürgerschaft. Zlabinger meint nicht viel. „Integration ist ein Thema der Bundesregierung, keine Bezirksgeschichte. Wenn wer glaubt, er muss die FPÖ rechts überholen . . .“ Hier kann man eventuell seine Kollegen und Kolleginnen aus Favoriten einsetzen.

Die Relevanz

Apropos Bundessachen und Bezirksgeschichten. Das führt zu Erfolgsformel Nummer zwei, nämlich: Nur Relevanz ist relevant. „Egal, ob liberal oder konservativ, man muss in erster Linie relevant sein“, sagt Görg. Und das war die ÖVP Wien lange nicht. Doch seit Kurz im Kanzleramt sitzt, trudeln auch bei den Meidlinger Türkisen mehr Briefe mit Bitte um Hilfe ein. Und während früher „ganze Bücher“, wie Görg sagt, zwischen die Bundespartei und die Wiener Partei gepasst hätten, sei heute nicht einmal mehr Platz für ein knisterndes Blatt Seidenpapier.
Gernot Blümel hat immerhin vor fünf Jahren statt und für Kurz die Landespartei übernommen. Das verbindet. Dass ein Finanzminister für den Gemeinderat kandidiert, dazu gibt es verschiedene Meinungen: Görg applaudiert. „Endlich Augenhöhe im Wahlkampf.“ Busek dagegen bleibt dabei: „Ein Wiener Obmann muss sich dann auch um Wien kümmern können.“ Aber muss ein ÖVP-Chef und Kanzler aus Wien auch Wien lieben? Offenbar nicht zu sehr.

Wien-Kritik

Denn drittens gilt: Wien-Kritik nutzt am Land, in der Stadt schadet sie nicht. Obwohl Kurz nicht Weinviertler, sondern Wiener und – jetzt muss es nachgetragen werden: auch Meidlinger – ist, gefällt ihm vieles hier nicht. Weder das Coronamanagement noch die Integration, noch dass die Wiener angeblich länger schlafen als der Rest von Österreich. In den Bundesländern kommt derlei gut an.

Aber hat es der ÖVP in Wien geschadet? Immerhin war die Kritik mitunter direkt an die Einwohner adressiert. „Bis dato nicht“, sagt Hajek, auch wenn der Ton nun leiser werde. Nein, sagt auch ein erfahrener Kampagnenstratege: In der Stadt gebe es mehrere Identitäten. Viele Zugereiste, zum Beispiel aus den Bundesländern, würden sich gar nicht als Wiener fühlen. Laut Görg hängt das schwierige Verhältnis der ÖVP mit Wien (mit anderen großen Städten fremdelt man durchaus weniger) nicht nur mit der Historie, sondern wieder mit der Relevanz zusammen: „Wenn man sich als Regierungspartei versteht und dann nur einen nicht amtsführenden Stadtrat hat, ist das ein Problem. Die ÖVP ist eine lausige Oppositionspartei.“

Wien-Liebe

Ob Kurz seine Wien-Liebe für den Wahlkampf noch entdeckt? In Meidling wird zwar indirekt mit ihm geworben, wenn man unter dem Motto „Kurz-Urlaub auf der Blümel-Wiese“ zum Familienfest in die Politische Akademie lädt (ja, die ist auch hier). Doch dass Zlabingers Wunsch in Erfüllung geht, dafür sieht es eher schlecht aus: „Es wäre toll, wenn er (Anm.: Kurz) zwei-, dreimal die Meidlinger Hauptstraße rauf und runtergehen würde.“ Doch seitens der Partei habe man abgewunken: „Man hat gesagt, dass man ihn eh im Spar sieht oder wenn er mit der Freundin zum Schlosspark spaziert.“ Ist das so? Ernst Zlabinger lächelt: „Ich habe ihn da noch nie gesehen.“

ERSCHIENEN

„23 Thesen zu Wien“ – das Magazin der „Presse“ zur Wiener Landtagswahl.

Erhältlich ab 9. 9. 2020 im Zeitschriftenhandel.
Zu bestellen unter DiePresse.com/politikmagazin; Preis 8,90 Euro (für „Presse“-Abonnenten 6,90 Euro), Versand kostenlos.

Der Artikel „Warum Kurz (auch) Großstadt kann“ ist diesem Magazin entnommen.

13. Hietzing

Sisi geht auf China-Reise

Das Schloss Schönbrunn liegt im Dornröschenschlaf. So wie der ganze Tourismus in Wien. Wenn die Chinesen nicht nach Wien kommen, muss Kaiserin Sisi eben nach China. Von Gerhard Hofer

Mozart kommt aus der Slowakei und ist verdammt einsam da oben auf seinem goldenen Sockel. Da steht er quasi als lebende Statue, ganz in Gold und kein Schwein kümmert sich um ihn. Normalerweise wird der Pantomime von Hunderten Schloss-Schönbrunn-Besuchern umringt, treibt seine Späßchen mit ihnen, vor allem, wenn sie eine Münze in die goldene Dose werfen. Jetzt ist hier nichts los. Jetzt stehen gerade einmal drei Autobusse auf dem fußballplatzgroßen Areal neben der U4-Station. Jetzt ist Coronazeit. Und nur das Brautpaar dort drüben genießt den gähnend leeren Platz vor dem Schloss. Fotoshooting ohne lästige Touristen. Voriges Jahr war das Schloss samt Park und Tiergarten noch der Besuchermagnet Nummer eins in Wien. Mehr als 4,2 Millionen Touristen waren hier. Und das war natürlich wieder neuer Rekord. So wie alles, was mit Tourismus und Wien zu tun hatte, von einem Rekord zum nächsten jagte. Die Sommerresidenz von Maria Theresia ist vor allem für chinesische Besucher eine Art Drive-in-Shop. ...

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14. Penzing

Wiens Klimaanlage in Gefahr

Der Wald um Wien ist ein Segen für die Städter, nie ist er so viel besucht worden wie in der Coronakrise. Aber der Respekt schwindet. Von Christine Imlinger

Man muss nicht weit aus der Stadt hinausfahren, nicht einmal die Stadtgrenze hinter sich lassen, schon steht man fast im Urwald. Jahrhunderte alte Buchen, daneben Totholz, das liegen bleibt, zerfallende Bäume, besiedelt von Moosen, Pilzen und Tieren. Wälder, konkret ist es ein Naturwaldreservat im Wienerwald, in Hütteldorf, in die seit Jahrzehnten kein Förster eingegriffen hat. „Echte Urwälder gibt es in ganz Europa keine mehr“, sagt Wiens Forstdirektor Andreas Januskovecz, der mit seinem 400-köpfigen Team die Wälder der Stadt, also fast ein Viertel der Fläche Wiens plus Waldgebiete außerhalb, im Gebiet Rax und Schneeberg etwa, verwaltet.

Und damit auch die besagten Naturwaldreservate, die nah an das herankommen, was man als Urwald versteht. Die Waldflächen werden sich selbst überlassen – als Rückzugsgebiet für gefährdete Arten oder als Forschungsgebiet, um zu sehen, wie sich der Wald ohne Eingriffe entwickelt. 2500 Hektar Naturwaldflächen gibt es in Wien, rund zehn Prozent der von der Stadt bewirtschafteten Waldfläche. Ausgeschildert sind sie bis auf unauffällige Markierungen an Bäumen nicht, sollen sie doch nicht von Spaziergängernzertrampelt werden. Schließlich besitzt die Stadt mit ihren Naturwaldreservaten einen echten Schatz – wie das der gesamte Wienerwald für die Stadt ist.

Den gilt es für die Wiener zu schützen – und vor ihnen zu bewahren. Denn nie war der Wienerwald für die Stadt wichtiger als in der Zeit der Klimakrise, nie wurde er mehr genutzt als in der Zeit der Coronapandemie.

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15. Rudolfsheim-Fünfhaus

Europa in Wien: Wie EU-Förderungen die Stadt verändern

Seit dem EU-Beitritt hat Brüssel mehr als eine Milliarde Euro in Projekte in Wien investiert. Förderpraxis am Beispiel des Gürtels und des 15. Bezirks. Von Gerhard Bitzan

In den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war Rudolfsheim- Fünfhaus, der fünfzehnte Wiener Gemeindebezirk, nicht wirklich ein Beispiel für einen aufstrebenden Wohnbezirk. Die Stadthalle gab’s, auch das angeschlossene Stadthallenbad. Und da war noch das Augustin, eines der wenigen frühen Szenelokale Wiens. Aber während sich andere Bezirke im Lauf der Jahre langsam zu urbanen Zentren entwickelten, hinkte der 15. hinten nach. Das hat sich mittlerweile deutlich geändert und ein bisschen beigetragen hat dazu auch die Europäische Union.

Mit dem EU-Beitritt 1995 hatte Österreich auch Anrecht auf Förderungen aus den verschiedensten EU-Fonds. In Wien ist bald erkannt worden, dass das auch für Städte gilt, und das erste Förderprojekt ist eingereicht worden – die Revitalisierung des Gürtels. „Für Wien ist das Neuland gewesen, wie mit der EU umzugehen ist“, erzählt Heinrich Weber vom Dezernat EU-Förderungen Urbanistik in der MA27 aus früheren Zeiten. „Unsere Verwaltungssysteme waren damals noch nicht auf solche Art von Kontakten und Verhandlungen ausgerichtet.“ Die Stadt habe damals das Förderprogramm direkt mit der EU-Kommission verhandelt. Es habe lediglich eine kleine Abteilung in Wien gegeben, die sich mit den EU-Förderungen befasst hat. Wien musste jedenfalls lernen, mit der großen Behörde in Brüssel effizient umzugehen

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16. Ottakring

Balkanstraße, neue Heimat

Las Vegas, Hill, West Zøne: So heißen Clubs der neuen Ottakringer Renommiermeile einer Szene, die sich selbst „Jugo“ nennt. Wie passt sie zum nahen Yppenplatz? Ein Lokalaugenschein. Von Thomas Kramar

Willst du einen hippen Platz, halte rein den Yppenplatz“, steht auf dem Plakat mit Umweltstadträtin und Bezirksvorsteher drauf, affichiert bei den großen, für Marktzwecke dienenden Mistkübeln. Kein eleganter Reim, mich nervt besonders, dass er voraussetzt, dass man Yppenplatz mit „I“ ausspricht, nicht mit „Ü“, und das glaube ich, besser zu wissen.

Mit welchem Recht? Nun, auch wenn ich selbst nicht dort wohne, ich fühle mich heimisch dort, seit über zwei Jahrzehnten. Nicht auf dem ganzen großen Platz, natürlich nicht, im alemannisch geprägten Eck gleich beim Brunnenmarkt fremdle ich leicht, aber vor allem auf der sogenannten Nordzeile spüre ich das, was die alten Rapper „meine Hood“ nennen, hier ist das C.I. (Club International), das erste und beste Lokal am Yppenplatz, das es schon gegeben hat, als von Hipness hier noch nicht die Rede gewesen ist, hier leben Menschen, mit deren Kindern meine Kinder gespielt und gelernt haben, hier präsentiert der georgische Künstler vor seiner Werkstatt, hier sitzen die ehemalige Verlagschefin, der einstige Kirchenorganist, der stets freundliche Polizist (in Zivil) und der Mann, der Einstein widerlegen wollte, beim Kärntner Stand oder im Café Horizont, hier hat der neue italienische Koch seine enge Küche und kocht gleich auch fürs lateinamerikanische Lokal nebenan, in dem es später vielleicht ein bisserl lauter wird, bis die Lateinprofessorin streng erklärt, dass sie noch Schularbeiten korrigieren muss ...

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17. Hernals

In den Außenbezirken schwächelt der öffentliche Verkehr

Wiens öffentlicher Verkehr gilt als vorbildlich. Doch abseits des gut erschlossenen Zentrums gibt es auch Gegenden, in denen davon nur wenig zu bemerken ist. Von Erich Kocina

Wien ist ein Dorf. Kann man das über eine Stadt sagen, die sich selbst als Weltstadt sieht? Die mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt im gesamten deutschsprachigen Raum ist? Und die in unterschiedlichen Rankings immer wieder als besonders lebenswert und gut ausgebaut gefeiert wird? Sagen wir so, es ist eine Frage der Perspektive. In den dicht verbauten Innenbezirken wird die Assoziation zum dörflichen Leben nicht ganz so oft auftauchen, selbst wenn im Namen mancher Grätzel noch das Erbe früherer Zeit als Endung mitgeführt wird – in Gumpendorf oder Matzleinsdorf zum Beispiel.

Außerhalb des Gürtels, da sieht es nicht immer so aus. Da stellt sich doch immer wieder das dörfliche Gefühl ein, als wäre man gerade nicht in einer Millionenstadt. Das kann positiv sein, wenn damit eine weniger dichte Verbauung gemeint ist, wenn es um den schnellen Zugang zu Grünraum geht oder wenn generell das Tempo des Lebens ein wenig niedriger, die Umgebung weniger betriebsam ist. Es kann aber auch bitter sein, wenn sich dahinter versteckt, dass man sich abgeschnitten fühlt vom Rest der Stadt. ...

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18. Währing

Das bürgerliche Derby

In Währing stehen sich die Koalitionspartner der Bundesregierung, die ÖVP und die Grünen, direkt gegenüber. Und haben es mit einer ähnlichen, um nicht zu sagen gleichen Klientel zu tun. Von Oliver Pink

Die Boboisierung machte auch vor dem Kutschkermarkt nicht Halt. Der kleine Markt zwischen Währinger Straße und Schulgasse, der jeder französischen Kleinstadt zur Ehre gereichen würde, durchlebte zuletzt einen gewissen Wandel. Zu den bulgarischen Obstund Gemüsehändlern, dem österreichischen Delikatessenladen und dem italienischen Ristorante und Eisgeschäft auf der anderen Seite der Währinger Straße – den Alteingesessenen gewissermaßen – gesellten sich türkische Fischrestaurants und neue Lokale und Geschäfte hinzu, die eine Klientel anzogen, wie man sie auch von anderen Wiener Märkten kannte. Eine Klientel, der man die Attribute studentisch (Alt-68er inklusive), urban (an sich zwar ein seltsamer Begriff, um Städter in einer Stadt zu charakterisieren, aber sei’s drum) und linksliberal zuschreiben könnte. Mit einem Wort vielleicht: Grün-affin. Seit 1946 war Währing schwarz, die ÖVP stellte durchgehend den Bezirksvorsteher. Doch die Grünen legten im Lauf der Jahre kontinuierlich zu. Und 2015 war es dann so weit: Die Grünen überholten die ÖVP und stellten seither die Bezirksvorsteherin. Die ÖVP, mittlerweile türkis, möchte den Bezirk nun zurückerobern. Denn Währing gilt gemeinhin noch immer als bürgerlicher Bezirk. Und das war früher einmal gleichbedeutend mit einer ÖVP-Bastion. ...

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19. Döbling

Wien ist ländlicher, als man denkt

Wien ist die einzige Weltstadt, die über ein Qualitätsweinbaugebiet verfügt. Auf gut einem Sechstel der städtischen Fläche wird Landwirtschaft betrieben. Von Karin Schuh

Die Städter verstehen nichts von der Landwirtschaft, glauben Radieschen wachsen auf den Bäumen und Kühe sind lila. Außerdem haben sie eine romantisierte Vorstellung davon, wie Lebensmittel hergestellt werden. Solche und andere Vorurteile werden den Wienern gern unterstellt. Aber genauso wenig, wie die Menschen am Land keine Ahnung von der Stadt haben, ist den Städtern die Landwirtschaft fremd. Im Gegenteil, in Wien gibt es mehr Landwirtschaft als man denkt. Was nicht nur mit fruchtbaren Böden und großen Außenbezirken zu tun hat, sondern auch mit den vielen Abnehmern, denen die Herkunft der Lebensmittel wichtig ist.

Wien hat derzeit rund 640 landwirtschaftliche Betriebe. Und dazu gehört nicht nur der Wein, mit dem sich so gut wie jeder Bürgermeister gern ablichten ließ und nach wie vor lässt. Oder auch das Wiener Gemüse. Immerhin stehen 40 Prozent der geschützten Anbauflächen (Glashaus und Folientunnel) in Wien. Es gibt aber auch Ackerbau, ebenso wie kleine Betriebe, die sich etwa auf schottische Hochlandrinder, Weinbergschnecke (der größte Viehbetrieb der Stadt), Pilze oder Fische spezialisiert haben. Ein Sechstel der städtischen Fläche (rund 5700 Hektar) wird landwirtschaftlich genutzt. Und diese Flächen werden seit 2005 mithilfe des Agrarstrukturellen Entwicklungsplans verteidigt. Denn natürlich braucht die Stadt auch Flächen für den Wohnbau. Die bekommt sie auch. Aber es wurden eben auch Flächen als landwirtschaftliche Vorranggebiete definiert. ...

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20. Brigittenau

Wien als Magnet für Mittel- und Südosteuropas Talente

Die Stadt ist wieder jene Metropole, in die man aus dem Donauraum geht, um etwas aus sich zu machen. Die Europäische Union hat dieses Phänomen verstärkt. Von Oliver Grimm

Zagreb an einem eisigen Jännerabend, Festgala zur Eröffnung des ersten EU-Ratsvorsitzes in der Geschichte Kroatiens. Auf der Bühne des Nationaltheaters, 1895 im Beisein von Kaiser Franz Joseph (hier in seiner Funktion als König von Ungarn) eingeweiht, stellt die Crème de la Crème der kroatischen Gesangskunst ihr Können vor einem internationalen Publikum unter Beweis. Der Blick in das Programmheft dieses offiziellen kulturellen Auftaktes des Ratsvorsitzes lässt erstaunen: Kaum einer der großteils ziemlich jungen kroatischen Sänger, der nicht in Österreich und vor allem in Wien studiert, Engagements oder eine Zeit in einem renommierten Ensemble absolviert hat. Nach Ende des Konzerts großes Getummel in den Gängen des Theaters, und wieder der Eindruck: Sobald man sich als österreichischer Korrespondent vorstellt, im Gespräch mit jungen Ministerialbeamten, Forschern oder Diplomaten, regnet es sofort freudige Anerkennung, das Angebot, statt auf Englisch auf Deutsch weiterzuplaudern, und die Erzählungen von Studien- und Arbeitsaufenthalten in Wien. ...

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21. Floridsdorf

Wiens Gesundheitspolitik nur notgedrungen?

Mit Regionalisierung im Spitalssektor und Wahlärzten im niedergelassenen Bereich versucht Wien, eine älter und kränker werdende Gesellschaft zu versorgen. Wie lang das noch funktioniert, ist unklar. Von Köksal Baltaci

Als das Krankenhaus Nord im Juni vergangenen Jahres endlich eröffnet wurde, sieben Jahre nach der Grundsteinlegung und begleitet von zahlreichen Verzögerungen, Skandalen (wie etwa dem 95.000 Euro teuren „Schutzring“ durch einen Energetiker) sowie explodierenden Kosten, schämte sich die Stadtregierung so sehr, dass sie den Namen kurzerhand in Klinik Floridsdorf umwandelte. Und damit das nicht so peinlich wirkt, haben in weiterer Folge auch alle anderen Spitäler und Pflegewohnhäuser des Krankenanstaltenverbunds, der mittlerweile Wiener Gesundheitsverbund heißt, neue Namen bekommen – und zwar der Bezirke, in denen sie sich befinden. Quasi als Alibi für die Klinik Floridsdorf, die letztlich 1,3 Milliarden Euro verschlungen hat und das Flaggschiff des Wiener Spitalskonzepts ist, das bis 2030 die Aufteilung der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung auf sechs Gemeindespitäler in drei Regionen vorsieht. Dabei arbeiten pro Region jeweils zwei Partnerspitäler zusammen. Ihre Leistungen werden nach und nach aufeinander abgestimmt, um einander so gut wie möglich zu ergänzen und die Wege für Patienten zu verkürzen. ...

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22. Donaustadt

Sisyphos muss ein Wiener Stadtplaner gewesen sein

Unsere neue Gründerzeit hat aus den Fehlern der alten nichts gelernt: Beobachtungen in Transdanubien. Von Wolfgang Freitag

Ein heißer Spätnachmittag in diesem Sommer. Mit einer Gruppe, geführt von den Architectural Tours Vienna, stehe ich in der Seestadt Aspern, genauer in einem ihrer umstrittensten Teile: der sogenannten Slim City. Und wer bei „Slim“ an die Slim-Fit-Herrenmode der jüngeren Vergangenheit denkt, diese Sakkos, Hemden, Hosen, die stets den Eindruck erwecken, der Betreffende habe irrtümlich Bekleidung des jüngeren, kleineren, schlankeren Bruders erwischt, der hat auch schon das rechte Bild im Kopf. Dieser Seestadt-Stadtteil, geplant von PPAG-Architekten, scheint aus allen Nähten zu platzen, wie sich hier Gebäude an Gebäude drängt, dass es einem auf den ersten Blick den Atem nimmt. Einen zweiten versucht die Fachfrau der Architectural Tours zu öffnen: jenen auf die raffinierte Ordnung, die den scheinbar willkürlich in- und gegeneinander geschobenen Wohnblöcken innewohnt, auf den Versuch, jeder Wohnung unterschiedliche Perspektiven – und damit Gegenlüftungsmöglichkeiten – zu öffnen, auf den Sinn dreieckiger Balkone genauso wie jenen der schmalen Freiflächen und den Nutzungsmix, den sie bieten. Der Tenor ihrer Zuhörer wird später dennoch lauten: Hier möcht’ man nicht einmal begraben sein.

„Die Städte werden dichter, keine Frage“, erläuterte PPAG-Architektin Anna Popelka zwei Jahre nach Fertigstellung, 2017, in der „Presse“. Womit sie recht hat. Und dennoch, eine Frage muss erlaubt sein: nämlich die nach dem Warum. ...

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23. Liesing

Die Flucht der Fabriken aus der Stadt ist vorbei

Den großen Abschied von der Industrie hat Wien bereits hinter sich. Die Metropole schlägt sich als Wirtschaftsstandort beachtlich, träumt aber weiter von der Rückkehr der Fabriken. Gibt es in der stark wachsenden Stadt noch Platz für Unternehmen? Von Matthias Auer

In der Liesinger Perfektastraße ist die Welt der Schlöte, Container und Paletten noch in Ordnung. Hier, wo es schon Industrie gegeben hat, bevor das Gebiet im Süden der Hauptstadt zum jüngsten Wiener Gemeindebezirk geworden ist, sammeln sich auch heute noch viele der verbliebenen Produktionsstätten der Stadt. Traditionsfirmen wie der Aufzughersteller Kone, der Edelmetallverarbeiter Ögussa oder der Industriegaskonzern Linde fertigen hier. Und dennoch ging der wirtschaftliche Strukturwandel der vergangenen 40 Jahre an Liesing nicht spurlos vorbei. Die Vertreibung der Fabriken aus der Stadt hat auch hier Lücken gerissen. Viele Lagerhallen, die bis zu den 1960ern aus dem Boden gestampft wurden, mussten dem Wohnbau weichen oder stehen leer. Was bedeutet der Rückzug des alten Beschäftigungsmotors für eine Stadt, die schneller neue Einwohner gewinnt als Jobs? Den Vergleich mit anderen europäischen Städten muss der Wirtschaftsstandort Wien nicht scheuen. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist beachtlich, Bildungsstand und Produktivität der Menschen überdurchschnittlich und die Dichte an internationalen Firmenzentralen hoch. „Nur eine klassische Industriestadt war Wien nie“, sagt der Ökonom Peter Mayerhofer vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). ...

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