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Aphrodisiaka: Wirksam bis gefährlich

(c) APA (HELMUT FOHRINGER)
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Aphrodisiaka sollen nicht nur die männliche Potenz, sondern auch die weibliche Lust steigern. Viele davon kommen aus der Natur und haben eine lange Geschichte. Untersucht wird, welche Rolle der Placebo-Effekt spielt.

Aphrodisiaka allein als Mittel zur Steigerung männlicher Potenz zu sehen ist nur die halbe Seite der (mitunter umstrittenen bis gefährlichen) Medaille: „Das ist nur ein Teilaspekt, Aphrodisiaka wirken bei Männern und Frauen, sollen bei beiden Geschlechtern Liebesbegehren erzeugen“, vermerkte die Pharmakologin Univ.-Prof. Dr. Sabine Glasl-Tazreiter bei ihrem Vortrag „Geschichte der Aphrodisiaka“ auf der heurigen Sommerakademie der österreichischen Apothekerkammer.

Die Geschichte der Aphrodisiaka ist unzertrennlich mit der Liebesgöttin Aphrodite verbunden. „Bei den Festen ihr zu Ehren, den sogenannten Aphrodisien, war es gang und gäbe, anregende Rauschmittel einzunehmen, Aphrodisiaka eben“, erwähnte Glasl-Tazreiter. Und wie Aphrodite gehören auch Austern in jedes Lexikon der Liebesrezepte, auf die auch Giacomo Casanova schwor – er konsumierte nach eigenen Angaben 50 Austern pro Tag, um seine Manneskraft zu stärken. Wissenschaftlich betrachtet ist eine aphrodisierende Wirkung nicht nachzuweisen. Nachgewiesen ist indes: Das Schlürfen von Austern kann eine starke Placebowirkung hervorrufen.

Sellerie & Ginseng

Wie Austern, so Glasl-Tazreiter, sind auch die meisten anderen (vermeintlichen) Aphrodisiaka natürlicher Herkunft oder spiegeln diese zumindest vor. Vorspiegelung falscher Tatsachen kann aber für den Konsumenten ganz schön gefährlich werden.

Kleiner Schwenk zu Potenzmitteln: Herba GRA® wurde im Internet als „100-prozentig natürlich“ angepriesen. Analysen zufolge enthielt das Mittel jedoch pro Tablette 35 Milligramm Sildenafil (Wirkstoff von Viagra). Doch: Durch die gleichzeitige Einnahme von Sildenafil mit nitrathaltigen Medikamenten (zum Beispiel dem bei älteren Leuten weitverbreitete Nitrolingual-Spray) oder NO-Donatoren (Einsatzgebiete sind die Herzinfarkt-Prophylaxe und Angina Pectoris) kann es zu einem akuten lebensbedrohlichen Blutdruckabfall kommen.

Wie aber kann man diese Kontraindikation beachten, wenn man doch nichts vom Sildenafil weiß? Es droht also auch gewisse Gefahr von „natürlichen Liebesmitteln“. „Auch die Tatsache, dass der Wirkmechanismus der Aphrodisiaka meist ungeklärt ist, stellt ein Risiko dar“, betonte die Pharmakologin.

Und selbst, wenn die Wirkweise bekannt ist, können Aphrodisiaka (lebens-)gefährlich werden. Beispiel die altbekannte Spanische Fliege, die aufgrund der lokalen Reizung der Schleimhäute im Urogenitaltrakt bis in die heutige Zeit Anwendung findet. Wer zu viel des Wirkstoffs Cantharidin (führt zu einem erwünschten Blutstau im Penis) erwischt – und da genügen schon Mengen von zehn bis 50Milligramm –, kann an inneren Blutungen und akutem Nierenversagen sterben. Glasl-Tazreiter: „Es ist noch gar nicht so lange her, da war es üblich, Stoffe der Spanischen Fliege in Bonbons zu verarbeiten. Die wurden dann als ,diabolische Pastillen‘ bei Festen zum Dessert gereicht. Da ist es immer wieder zu erotischen Exzessen mit Todesfällen gekommen.“

Harmlos ist dagegen die Sellerie, deren ätherisches Öl die Durchblutung im urogenitalen Trakt steigern könnte. Auch Ginseng könnte ersten wissenschaftlichen Hinweisen zufolge die Potenz beim Manne bessern. „Wir brauchen aber noch mehr Studien mit besserem Design, um das wirklich behaupten zu können.“

Yohimbin hilft und schadet

In den Kinderschuhen steckt auch noch ein Mittel zur Förderung der weiblichen Lust. „In den USA und Europa wurde Flibanserin an rund 2000 Frauen mit Sexualfunktionsstörungen in der Prämenopause getestet“, weiß Glasl-Tazreiter. Mit mäßigem Erfolg: Bezüglich der sexuellen Befriedigung konnte in Studien zwar eine statistische Überlegenheit gegenüber Placebo gezeigt werden, eine Verbesserung des Sexualverlangens wurde jedoch nicht nachgewiesen. Und weil Flibanserin vergleichsweise schlecht vertragen wurde (Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit bei bis zu 15Prozent der Probandinnen), forderte die US-Arzneimittelzulassungsbehörde Food &Drug Administration weitere Wirksamkeits- und Sicherheitsbelege für Flibanserin, das im Lustzentrum des Gehirns wirkt und ursprünglich als Antidepressivum in den Wechseljahren eingesetzt werden sollte.

Bei Frauen wie Männern soll das Alkaloid Yohimbin, vornehmlich aus der Rinde und den Blättern des Yohimbebaumes gewonnen, der Liebesfähigkeit zumindest teilweise auf die Sprünge helfen. „Bei Männern bewirkt es einen verstärkten Bluteinstrom in den Penisschwellkörper und so eine mögliche Erektion“, sagte Glasl-Tazreiter. „Da Yohimbin auch psychoaktiv ist, lassen sich damit auch psychogen bedingte Erektionsprobleme behandeln.“ Die weibliche Libido profitiert insofern davon, als die Durchblutung der gesamten Leistengegend gefördert wird.

Allerdings hat auch das Aphrodisiakum vom Baum seine Schattenseiten: Erstens tritt die Wirkung erst nach zwei bis drei Wochen regelmäßiger Einnahme ein. Und die bleibt oft nicht ohne unerwünschten Folgen! Zu den Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Herzjagen, Blutdruckprobleme, Unruhe, Zittern, Schlafstörungen, Angstgefühle. Koffein verstärkt diese Nebenwirkungen noch.

 

Maca-Wurzel: Viagra der Natur

Derlei negative Seiten sind von der Maca-Wurzel, seit 2000 Jahren in Höhenlagen Perus oder Boliviens angebaut und als Grundnahrungsmittel verwendet, nicht bekannt. Sie enthält Eiweiße, viel Eisen, Zink, Magnesium, Kalzium, Kohlenhydrate, Phosphor, Zucker, Stärkestoffe, wichtige Mineralstoffe und nahezu alle Vitamine. „Die Maca-Wurzel ist daher auch ein gutes Kräftigungsmittel und zudem ein gering, aber signifikant wirkendes Aphrodisiakum bei Mann und Frau“, berichtete die Expertin.

Nahrungsergänzungsmittel, die Maca-Pulver enthalten, werden in Europa und den USA seit einiger Zeit als „Viagra der Natur“ vermarktet. Die Zufuhr über handelsübliche Nahrungsergänzungsmittel liegt jedoch deutlich unter der Ernährungszufuhr der Peruaner und Bolivianer. Studien aus Südamerika und den Vereinigten Staaten zufolge berichteten die Probanden dennoch von einer Steigerung der sexuellen Lust und Leistungsfähigkeit, einem gestärkten Immunsystem und mehr Energie. Der Neurologe Dr. Fernando Cabieses untersuchte ebenfalls die potenzfördernde Wirkung von Maca und stellte fest: Die Pflanze steigert nicht nur die Erektionsfähigkeit, sondern langfristig auch den allgemeinen Antrieb, sich sexuell zu betätigen.

„In Lateinamerika braut man ein aphrodisisches Bier aus Maca-Wurzeln“, ergänzte Glas-Tazreiter, riet aber dringend von Bestellungen von Aphrodisiaka im Internet ab. „Diese Mittel sind in keinster Weise registriert und können schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.“ Da ist es schon bekömmlicher, sich auf den Placeboeffekt von Austern zu verlassen...

AUF EINEN BLICK

Ein Aphrodisiakum ist ein Mittel zur Belebung oder Steigerung der Libido von Mann und Frau. Es wirkt auf das sexuelle Verlangen, das sexuelle Lustempfinden sowie manchmal auch auf die Geschlechtsorgane.

Der Wirkmechanismus ist häufig nicht bekannt, die Wirkung nur teilweise wissenschaftlich erwiesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2010)