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Opernkritik

„Simon Boccanegra“: Der Opernalltag hat uns wieder

Unermüdlich: Plácido Domingo als Doge von Genua.
Unermüdlich: Plácido Domingo als Doge von Genua.Staatsoper/Michael Pöhn
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Plácido Domingo wird mehr für seine Lebensleistung als für seinen Dogen von Genua bejubelt; Günther Groissböck bietet ihm als neuer Fiesco die Stirn.

„Der große Mann ist ein öffentliches Unglück“: So lautet eine angebliche Weisheit des Konfuzius, die Thomas Mann in „Lotte in Weimar“ seinem Goethe in den Mund legt. Der Hofstaat des Dichterfürsten amüsiert sich über das kuriose Bonmot und widerspricht ihm dadurch pflichtschuldigst; einzig Charlotte spürt fröstelnd die auch auf Goethe zutreffende Wahrheit hinter diesen Worten. Plácido Domingo ist ein großer Mann der Oper. Er hätte sich für seine Leistungen als Tenor mit einem sicheren Platz in den Geschichtsbüchern zur Ruhe setzen können – aber Aufhören können ist eine Gabe, über die nicht jeder verfügt. Der schwindenden Höhe begegnete der Unermüdliche bekanntlich mit einem Wechsel ins Baritonfach. Der gebrochene Titelheld von Verdis „Simon Boccanegra“, der leidgeprüfte und schließlich an Gift dahinscheidende Dogen von Genua, er war Domingos Einstiegsdroge für seinen Karriereherbst. Er hat den Simone 2011 erstmals in Wien präsentiert und kehrte nun in dieser Rolle zurück – nach MeToo-Vorwürfen, die ihm außerhalb Europas das Wasser abgegraben haben, und noch dazu nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung.