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Studie

Österreichs Liebe zum Osten wird wieder riskant

Ein Viertel der Arbeitskräfte in heimischen Pflege-, Alten- und Behindertenheimen kommt aus Südosteuropa.
Ein Viertel der Arbeitskräfte in heimischen Pflege-, Alten- und Behindertenheimen kommt aus Südosteuropa.Bilderbox
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Jahrelang verdiente die heimische Wirtschaft gut an ihrer Nähe zu Osteuropa. In der Krise wird die enge Verstrickung mit den Nachbarn zur Gefahr. Landwirte und Spitäler zittern um ihre Arbeiter, Banken um ihre Kredite.

Wien. Wie geht es Osteuropa? Die Antwort auf diese Frage hat seit Jahren einen entscheidenden Einfluss auf das wirtschaftliche Wohlergehen Österreichs. Seit den 1990er-Jahren haben sich heimische Banken und Betriebe dort breitgemacht, sie vollzogen ihre Globalisierung vor der Haustüre – und lebten davon sehr gut. Doch 30 Jahre nach der Ostöffnung bekommt das Erfolgsmodell Risse. In der Covid-Krise treten die Risken der großen Nähe wieder einmal in den Vordergrund.

Zur Ausgangslage: Österreich ist in zwölf Ländern der Region unter den fünf größten Investoren. In Weißrussland sind heimische Betriebe etwa der drittgrößte Investor nach Russland und Zypern. Die allermeisten Staaten in der ehemaligen Boomregion wurden vom wirtschaftlichen Zusammenbruch während der Pandemie kalt erwischt und dürften sich langsamer erholen als Österreich, erwarten die meisten Ökonomen. Das hat auch Folgen für die heimische Wirtschaft. Die ersten Nebenwirkungen der Krise im Osten seien schon heute in Österreich zu spüren, schreibt die Ökonomin Julia Grübler in einem aktuellen Bericht des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

 

Notleidende Kredite steigen

Am schnellsten habe sich die Abhängigkeit von Arbeitskräften aus Ost- und Südosteuropa gezeigt. Trotz Reisebeschränkungen holte die heimische Landwirtschaft von März bis Mai 2020 im Schnitt über 60 Prozent ihrer Arbeiter, etwa Erntehelfer, aus Südosteuropa. Auch in den heimischen Pflege-, Alten- und Behindertenheimen liegt der Anteil bei einem Viertel. Die 24-Stunden-Pflegerinnen sind da noch gar nicht inkludiert. Die Covid-Krise habe gezeigt, wie rasch hier ein Engpass entstehen könne, warnen die Studienautoren.

Für die österreichischen Unternehmen in Osteuropa, allen voran für die vielen Banken in der Region, werde der „tatsächliche Kriseneffekt erst ab dem Jahr 2021 sichtbar werden“, heißt es in dem Bericht. Das liegt daran, dass auch die meisten osteuropäischen Staaten Zahlungsaufschübe für Zins- und Kapitalrückzahlungen eingeführt haben, um Insolvenzen vorzubeugen.

Die Moratorien gelten teils deutlich länger als in Österreich. Betroffene im Tourismussektor in Kroatien können sich etwa „bis zur nächsten Saison“ Zeit lassen, bevor sie ihre Zahlungen wieder begleichen. Das stützt zwar die Betriebe, verschiebt die große Insolvenzwelle aber nur nach hinten. Die Kreditbombe in Osteuropa beginnt damit langsam wieder zu ticken. Die Zahl der notleidenden Kredite werde in den kommenden Jahren ansteigen, so das WIIW.

 

Banken sind vorsichtiger

Den großen Zusammenbruch wie nach der Finanzkrise 2008/09 prophezeien die Ökonomen aber nicht. Denn erstens war der Anteil notleidender Kredite der österreichischen Tochterbanken in der Region im Vorjahr mit 2,4 Prozent auf einem sehr niedrigen Niveau. Und zweitens sind die Banken heute auch besser vorbereitet als während der Finanzkrise: Sie haben mehr Eigenkapital als Puffer und sind auch deutlich vorsichtiger geworden. Einen Kreditboom wie damals bis kurz vor 2008 habe es seither nicht gegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2020)