Sie geht vor allem morgens spazieren, wenn noch nicht viele Leute unterwegs sind: Evelyn Wimmers Lungenvolumen beträgt nur 65 Prozent.
Coronavirus

Ein Leben im Konjunktiv

Kein Einkaufen, kein Spaziergang in der Stadt, selbst die Eltern sind auf Abstand: Wie es sich anfühlt, als Corona-Risikopatientin zu leben – und seit Monaten isoliert zu sein.

Corona hat in vielen Menschen den Wunsch nach Landleben verstärkt, die Sehnsucht nach mehr Raum und mehr Grün. Evelyn Wimmer zog schon vor zwei Jahren weg aus Wien, in eine kleine niederösterreichische Stadt. Im Nachhinein betrachtet eine sehr wichtige Entscheidung: So hat sie nun zumindest ein wenig Bewegungsraum. „Wir wohnen abseits des Geschehens; in einer Sackgasse“, erzählt sie. Eine Beschreibung, die auch auf ihr Leben zutrifft.

Man sieht Evelyn Wimmer nicht an, dass Corona für sie eine weit größere Gefahr ist als für andere Menschen. Sie steht mitten im Leben, ist erst 38 Jahre alt, wirkt auf den ersten Blick gesund. Doch im Gespräch ist eine gewisse Atemlosigkeit bemerkbar: Sie ringt nach Luft. Es gibt Menschen, die gern über ihre Krankheiten sprechen, die Operationen und Behandlungen in den Small Talk einfließen lassen. Wimmer gehört nicht dazu. Sie sei „immer defensiv“ mit ihrem Gendefekt umgegangen: „Das ist vielleicht anerzogen. Ich spreche nicht gern darüber, weil es ja eine Schwäche ist.“ Ihren echten Namen will Wimmer auch deshalb nicht in der Zeitung lesen. Vor Corona wussten nur einige Arbeitskollegen Bescheid, jene, denen sie vertraute. Jetzt geht sie davon aus, dass „es“ wahrscheinlich alle wissen, immerhin hat sie seit März das Büro, in dem sie arbeitet, nicht mehr betreten.

„Es“ bedeutet, dass Wimmer zur Hochrisikogruppe gehört. Der Name ihrer Erkrankung lautet primäre ciliäre Dyskinesie, kurz PCD. Sie ist recht unbekannt und unterschiedlich schwer ausgeprägt. Die Flimmerhärchen in den Atemwegen arbeiten nicht ordentlich und Bakterien oder Viren werden nicht von selbst heraustransportiert, der Abtransport von Schleim ist gestört. Hinzu kommt bei Wimmer noch eine chronische Bronchitis.
Normalerweise hat sie etwa 65 Prozent Lungenvolumen, das könne aber auch weiter hinuntergehen, „je nach bakteriologischer Situation“, erzählt sie. Was genau passieren würde, wenn sie sich mit dem Coronavirus infiziert? Ihre Ärztin sagte, das „Risiko, dass es Komplikationen gibt“, sei „sehr groß“. Genauer wollte Wimmer es wohl auch nicht wissen.