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Literatur

Joachim Meyerhoff: Die Explosion der blonden Bombe

Joachim Meyerhoff schreibt eindrucksvoll über den Schock einer plötzlichen schweren Erkrankung.
Joachim Meyerhoff schreibt eindrucksvoll über den Schock einer plötzlichen schweren Erkrankung.Ingo Pertramer
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Persönlich waren alle von Joachim Meyerhoffs Erfolgsromanen. Keiner aber geht so unter die Haut wie »Hamster im hinteren Stromgebiet« über seinen Schlaganfall im Jahr 2018.

Auf manchen Büchern steht „Roman“ drauf, es ist aber etwas anderes drinnen. Etwas, das sich den Kriterien literarischer Rezension entzieht. Das gilt definitiv für „Hamster im hinteren Stromgebiet“, den fünften Teil der „Alle Toten fliegen hoch“-Serie des Schauspielers Joachim Meyerhoff. Zwar waren auch die bisherigen vier Bände sowohl biografisch als auch persönlich, keiner aber ging in seiner ungeschminkten Ehrlichkeit derart unter die Haut. Denn Meyerhoff verarbeitet hier die lebensverändernde Erfahrung seines Schlaganfalls 2018 sowie die darauffolgenden neun Tage im Krankenhaus.

Joachim Meyerhoff hat es zu seinem literarischen Markenzeichen gemacht, rund um biografische Tatsachen lustvoll zu fabulieren und Schweres mit Hilfe seines schwarzen Humors auf die leichte Schulter zu nehmen. Dabei entstanden köstliche Schilderungen ungewöhnlicher Lebenssituationen, schräger Erlebnisse und skurriler Verwandter, die Meyerhoff auch als Autor eine große, ihm treu ergebene Anhängerschaft bescherten.

In „Hamster im hinteren Stromgebiet“ funktioniert diese „Methode Meyerhoff“ nicht ganz. Denn um einen Schlaganfall, der im Leben eines fitten 51-Jährigen die Pausetaste drückt und das bisherige Selbstbild pulverisiert, kann man sich nicht herumwitzeln. Deshalb liegt auch kein bearbeiteter Charakter im Bett der Intensivstation in einem Wiener Krankenhaus und hadert mit seiner Situation, sondern der Autor als Patient: „Was machte ich nur hier? Ich war doch kein Alki, kein Druffi, kein Fetti, kein Depri und kein Opi. Ich war doch ein Drahti, ein Dünni, ein Fitti und ein Erstaunlichjunggebliebeni!“ Mittels Humor versucht Meyerhoff eine möglichst große Distanz zwischen sich und seine Mit-Patienten zu legen. Das liest sich zum Teil etwas gnadenlos und ist der Aspekt des Buchs, mit dem sich mancher unwohl fühlen dürfte.

Was bleibt? Was wird neu? „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist eben kein Roman, sondern eine Schilderung: über den Zusammenbruch im Beisein seiner beiden Töchter und die für einen Schlaganfall erstaunlich langwierige Einweisung in eine Stroke-Unit; über die Erkenntnis, dass es lästige Nebenwirkungen und längerfristige Einschränkungen geben wird; über die frustrierenden Anfänge der Therapie, über die emotionalen Konsequenzen, wenn einen der Körper so unerwartet im Stich lässt.

Gerade für Meyerhoff stellte dieser Insult tatsächlich eine Beleidigung seines Wesens ebenso wie seiner Form des Schauspiels dar: „Ich war schon immer nur durch Vehemenz in die Tiefe gelangt (. . .) Ich war die blonde Bombe. So hatten mich meine Brüder genannt, (. . .) da nur ein winziger Provokationsfunke genügt hatte, um mich hochgehen zu lassen. Selbstdetonation als Lebenselixier. Wenn ich nicht brannte, war ich niemand.“

Der Schlaganfall ist das Löschkommando im Leben von Joachim Meyerhoff. Er braucht nur eine halbe Stunde, um so viele Termine abzusagen, dass er drei Monate frei haben wird. Er freundet sich mit dem Gedanken an, Wien zu verlassen. Und er rechnet, ziemlich schonungslos, mit sich selbst ab. Dazu zählt nicht nur die Frage, ob er ein guter Vater ist, sondern auch das freimütige Eingeständnis der Schuld, die er als Mann fühlt, der seine Familie wegen einer neuen Liebe verlassen hat.


Reisen im Kopf. Joachim Meyerhoff hat mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ eines der einsichtsvollsten Bücher über den Schock und die Folgen einer schweren Erkrankung geschrieben; über den Kampf, zu dem zurückzukehren, der (oder die) man einmal war, und die schrittweise Einsicht, dass dieser Weg versperrt ist und man einen anderen suchen muss. Geradezu tröstlich sind da die Einschübe in Form früherer Reisen, die Meyerhoff im Kopf nochmal zurücklegt, auf der Flucht vor seiner Situation – sei es mit seinem Bruder nach Norwegen oder mit seiner zweiten Frau in den Senegal.

Neu Erschienen

Joachim Meyerhoff
„Hamster im hinteren Stromgebiet“

Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten
24,70 Euro