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Schwarmintelligenz

So kamen sie im Frühjahr über Kenia, wie seit 70 Jahren nicht mehr. Der größte Schwarm maß 60 mal 80 Kilometer.
So kamen sie im Frühjahr über Kenia, wie seit 70 Jahren nicht mehr. Der größte Schwarm maß 60 mal 80 Kilometer.REUTERS
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Heuschrecken wie die, die heuer über Ostafrika herfielen, vergesellschaften sich mittels eines Pheromons. Sein Fund weckt Hoffnungen auf milde Abwehr.

Sie zählen zu den Kleinsten auf der Erde, und sind doch klüger als die Weisen“, staunte der Weise Agurs (Sprüche 30, 24): „Sie haben keinen König, dennoch ziehen sie aus in Ordnung.“ „Keiner wird den anderen drängen, jeder zieht seinen Weg daher“, ergänzte der Prophet Joel (1, 4), und was am Ende dieses Weges steht – Schrecken statt Staunen –, wusste er auch: „What the cutting locust left, the swarming locust has eaten. What the swarming locust left, the hopping locust has eaten“, dann kommt noch ein „destroying locust“. So steht es in einer englischen Übersetzung. Luther, von dem die deutschen Zitate stammen, kannte sich nicht so gut aus in der Tierwelt der Region, in der der Himmel sich verdunkelte, wenn das Heer der gefräßigen Mäuler anrückte, auch der Pharao und die Seinen bekamen es zu spüren.

Die damaligen Verheerungen in Ägypten mögen eine propagandistische Übertreibung der Verfasser des Buch „Exodus“ gewesen sein und den Heuschrecken einen allzu üblen Ruf eingetragen haben, vermutete beim vorletzten großen Schwärmen (in Marokko 2004) Philip Symmons, ein Veteran der Abwehrschlachten; und die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die im Mittleren Osten ein Vorwarnsystem aufgebaut hat, stimmte ihm zu: Seit geraumer Zeit habe es keine Hungersnöte durch Heuschrecken mehr gegeben (Science 306, S. 1880).

Denn die Bedrohung konnte in den letzten Jahrzehnten in immer engeren Grenzen gehalten werden, die letzten gigantischen Schwärme waren in den 1960er-Jahren unterwegs. Aber wenn Heuschrecken heute doch über eine Region herfallen, können sie so viel anrichten, dass sie für die Uno-Welternährungsorganisation FAO „die gefährlichste wandernde Plage“ geblieben sind, sie bedroht 20 Prozent der Erde bzw. ihrer Bewohner. Im Frühjahr traf es den Nordosten Afrikas, Kenia insbesondere, dort kamen sie – Wüstenheuschrecken, Schistocerca gregaria – wie seit 70 Jahren nicht mehr, ein Schwarm maß 60 mal 40 Kilometer: 2400 km2. Groß geworden waren seine Mitglieder auf der Arabischen Halbinsel, dort war ihnen das Klima günstig, es regnete viel in den Wüsten, die Weibchen legen gern in nassen Sand.

Dann schlüpfen die Jungen, als Nymphen bzw. Hüpfer, sie ziehen allein herum – „solitary“ – und richten wenig an. Aber wenn es wieder trocken wird und das Futter knapp, kommen sie miteinander in Berührung, mit den Hinterbeinen. Das löst eine verstärkte Produktion des Neurotransmitters Serotonin aus, Stephen Simpson hat es bemerkt (Pnas 98, S. 3895). Dann verwandelt sich alles, Gestalt und Verhalten: Sie ändern ihre Farbe – von Graugrün zu Pink und Gelb – und wappnen sich, produzieren ein Gift, das durch den Geruch Vögel abschreckt und sie bei Missachtung der Warnung zu Tode bringt (Science Advances 5:eaav5495).