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Gastkommentar

Himmelschreiendes Unrecht

Corona und Österreichs Kirchenpolitik.
Die kritische Analyse des Papstes berührt auch Konflikte in Österreichs Kirche.

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In den Diskussionen über die Coronakrise wurden die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte der Pandemie wie die drohenden Ungerechtigkeiten bei ihrer Bekämpfung kaum beachtet. Wieder einmal scheint es Papst Franziskus zu sein, der eine radikale kritische Analyse solcher Zusammenhänge vorlegt. In einer Generalaudienz Ende August prangerte er die wachsende soziale Ungleichheit durch die Coronakrise an, die im Vergleich zum „kleinen“ Coronavirus ein „großes Virus“ sei. Die Pandemie habe viele Probleme erst wieder bewusst gemacht und „die sozialen Probleme und die Ungerechtigkeiten noch mehr verschärft“. Die angestrebte „Normalität“ dürfe nicht die alte sein, nämlich die einer „kranken“ Wirtschaft, die durch Maßlosigkeit und ungerechte Verteilung gekennzeichnet sei. Aus Krisen solle man lernen und nicht zum Zustand vor der Krise zurückkehren.

Bei allem Verständnis für ein Wiederhochfahren der Wirtschaft müsste es dabei um eine Wirtschaft gehen, die wirklich „den Menschen“, besonders die Ärmsten auf der Welt, in den Mittelpunkt stellt. Dass wenige Reiche mehr besäßen als der Rest der Welt, führe auch zu ungleichen Behandlungschancen, was ein „himmelschreiendes Unrecht“ und eine „soziale Krankheit“ sei. Niemals dürften Impfstoffe ungerecht verteilt werden, forderte der Papst. Der „Homo sapiens“ sei zu einem berechnenden „Homo oeconomicus (...) im schlimmsten Sinn geworden“; dazu dürften Christen nicht schweigen.

Oder sollten sie das doch? Besondere Brisanz erhält dieser aufrüttelnde Appell nämlich insofern, als er in Österreich (wie in anderen Ländern) einen Konflikt zwischen sozialkritischen katholischen Initiativen und konservativen politischen Kräften berührt. Letztere scheinen mit der kritischen sozialpolitischen Linie des Papstes wenig Freude zu haben.