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Die Ich-Pleite

Über Ampeln und Situationselastizität

Carolina Frank
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Bei Rot soll man wieder mehr stehen bleiben, sag ich. Außer es kommt weit und breit kein Auto.

Bei den meisten von uns ist es ja schon eine Weile her, seit wir erfahren haben, dass man bei Rot nicht über die Straße geht. Ich würde sagen: Anhand des Ampelbeispiels hat man uns das Gehorchen von Gesetzen beigebracht. Ich habe das von meiner Mutter gelernt, da habe ich noch gar nicht gewusst, was eine Ampel ist. In dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es heute noch keine Verkehrsampel. Und trotzdem war ­­ mir klar: Bei Rot geht man nicht über die Straße.

Ich war bestimmt schon zehn Jahre alt, als ich merkte, dass man in bestimmten Ausnahmefällen schon bei Rot über die Straße gehen kann. Zum Beispiel, wenn gerade ­niemand schaut. Oder weit und breit kein Auto kommt. In den nächsten Jahren lernte ich, diese Ausnahmefälle weiter auszufeilen: Es kommt zwar ein Auto, aber es ist noch ziemlich weit weg. Oder: Es schauen schon Leute, aber keine, die einen aufhalten ­würden. Oder sie würden einen ­vielleicht aufhalten, aber man ist schneller weg, als sie ihren wütenden Gehstock schwingen können. Und ich war noch ein bisschen älter, als sich auf einmal das schlechte Gewissen regte, wenn ich beim Rot-über-die-Straße-Gehen von kleinen Kindern beobachtet wurde.

Sicher, es sind nicht die eigenen Kinder, denen man da das Prinzip der Situationselastizität vor Augen führt, aber will man in 30  Jahren einmal von einem Arzt einen Stent gesetzt bekommen, der sagt: Die Atmung während der OP ­kontrollieren ist schon gut, aber wenn keiner schaut, lass ich’s? Genauso wenig will man neben jemandem im Verkehrsmittel sitzen, für den der Mund-Nasen-Schutz gut ist, aber tragen sollen ihn die anderen. Bei Rot soll man wieder mehr stehen bleiben, sag ich. Außer es kommt weit und breit kein Auto.