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Interview

Thomas Oberender: "Angela Merkel ist unsere oberste Schamanin"

Thomas Oberender
Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele(c) Fabian Schellhorn
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Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, erzählt vom gesamtdeutschen Lächeln, als 1989 die Berliner Mauer fiel. Und auch von Ernüchterungen danach.

Sie haben sich in Ihrem neuen Buch „Empowerment Ost“ mit der Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren beschäftigt. Ihre Erinnerungen setzen mit den immer größer werdenden Demonstrationen von DDR-Bürgern 1989 ein. Bei einer waren Sie in Leipzig zufällig dabei. Was aber haben Sie beim Fall der Mauer am 9. November in Berlin erlebt?

Thomas Oberender: Wir hatten das Gefühl, hier passiert etwas, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Kurioser Weise haben wir die abrupte Grenzöffnung an diesem Abend gar nicht mitbekommen. Erst am nächsten Tag schaltete meine Frau vormittags den Fernseher ein, und plötzlich sahen wir Leute auf der Mauer tanzen! Wir wollten sofort losrennen, aber ich konnte nicht aus der Wohnung, weil mein Vater aus Leipzig zu uns unterwegs war, und Mobiltelefone hatte noch keiner. Während also ganz Ostberlin den Westteil stürmte, saßen wir daheim wie auf heißen Kohlen, und als wir endlich zur Grenze gingen, kamen uns bereits die ersten Rückkehrer entgegen – einer trug einen Schlafanzug unter dem Regenmantel. Der hatte wahrscheinlich Angst, dass fünf Minuten später wieder alles zu ist. Ich habe an diesem Tag einen weggeworfenen DDR-Ausweis gefunden, den ich später Ingo Schulze geschenkt habe, weil er in „Simple Storys“ dieser verwirrenden und aufregenden Zeit ein Denkmal setzte.

In Ihrem Essay, der ursprünglich im Vorjahr als Rede in Athen gehalten wurde, dort wo einst Platons Akademie stand, verklären Sie die Monate vor der Wende und danach bis im Frühjahr 1990 als Chance für einen Dritten Weg . . .