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Kontroverse

Film "Cuties" löst Netflix-Boykott und Debatte um Sexualisierung junger Mädchen aus

Screenshot/Netflix
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Der französische Coming-of-Age-Film ist wegen seiner Darstellung junger Mädchen unter Beschuss geraten. Doch das wirft die Frage auf: Wie zeigt man Missstände auf, ohne derer selbst bezichtigt zu werden?

Junge Mädchen, die knapp bekleidet laszive Tanz-Choreografien einüben. Es sind Szenen aus dem französischen Film „Cuties“, im Original „Mignonnes“. Seit September wird er auf Netflix gezeigt und hat direkt eine zum Teil heftige Kontroverse ausgelöst.

Zum Inhalt: Die 11-jährige Amy Diop, gespielt von Fathia Youssouf Abdillahi, ist mit ihrer Familie von Senegal in ein ärmliches Viertel von Paris gezogen. An ihrer Schule lernt sie eine Mädchengruppe kennen, deren Tanzgruppe „Cuties" sie sich anschließen möchte. Schon bald gerät sie in einen Konflikt zwischen zwei Welten: Zuhause wird sie streng konservativ erzogen, auf muslimischen Gebetstreffen wird ihr eingetrichtert, Gehorsam zu zeigen und sittsam zu sein, sich bloß nicht zu reizvoll zu kleiden, sondern „ehrenwert“ zu bleiben. Doch ihre Outfits und Twerk-Einlagen während der Vorbereitungen auf den Tanzwettbewerb sprechen eine andere Sprache. Es beginnt eine Gratwanderung zwischen rebellischem Erwachsenwerden, aufkeimender Weiblichkeit, dem Drang zur Selbstbestimmung und den traditionellen Werten ihrer Familie.

Medialer Aufschrei und Netflix-Boykott

Seine Premiere feierte der Film beim Sundance Film Festival im Jänner - dort wurde er auch für seine Regie prämiert - und kam im August in die französischen Kinos. Als Netflix die Aufnahme in sein Programm ankündigte, wurde die Kritik dann laut, eine Debatte entzündete sich auf Basis des Filmplakats.

Kritisiert wurden an den Plakaten die knappen Outfits, die anzüglichen Posen, die „Sexualisierung junger Mädchen“. Der Streaming-Dienst entschuldigte sich daraufhin für das Marketing: „Wir entschuldigen uns für die unangemessene Illustration des Filmplakates für „Mignonnes/Cuties“. Es war nicht in Ordnung und es steht auch nicht für den auf dem Sundance prämierten französischen Film.“

Doch dem Skandal konnte nicht der Wind aus den Segeln genommen werden. Der Aufschrei in den sozialen Medien ist enorm. Von „Kinderpornografie“ ist die Rede. Wie könne nur zugelassen werden, dass ein Film Pädophilie normalisiere, fragen entsetzte User, der Film würde Vorlage für pädophile Fantasien liefern, meinen sie, und: „unsere Kinder werden Kranken halbnackt auf dem Silbertablett serviert“.

Eine ins Leben gerufene Petition fordert nun, dass der Film aus dem Programm genommen wird. Es dürfe nicht sein, dass Pädophilie eine derart große Bühne geboten werde. Über 350.000 Menschen haben sie bereits unterzeichnet.

Und in den sozialen Medien ist eine Bewegung entstanden, die sich nicht nur gegen den Film, sondern gleich ganz gegen Netflix richtet: Unter dem Schlagwort #CancelNetflix wird dafür plädiert, sein Netflix-Konto zu kündigen. „Cancellation confirmed“, bestätigen zahlreiche Nutzer auf ihren Kanälen, ihr Abo beendet zu haben.

Zeige Übersexualisierung der Gesellschaft auf

Doch es finden sich auch Stimmen, die sich für Regisseurin Maïmouna Doucouré einsetzen. Es handle sich um einen autobiografisch inspirierten Film, die Regisseurin erzähle von ihren eigenen Erfahrungen als Immigrantin und gibt ihre Sicht auf das Aufwachsen in einer sexualisierten Gesellschaft wieder. Auch habe sie selbst die Unterdrückung weiblicher Selbstbestimmung in traditionell geprägten Gesellschaften erlebt.

Andere sind der Meinung, die Sexualisierung junger Mädchen werde nicht befördert, sondern im Gegenteil, angeprangert und kritisiert. Der Film vermittle eine aktivistische Botschaft und halte unserer Gesellschaft nur einen Spiegel vor. Außerdem würden junge Leute mit solchen Inhalten längst auf den sozialen Medien wie etwa auf TikTok oder Instagram in Berührung kommen.

"Dieser Film zeigt auf, wie einschränkend es in der heutigen Gesellschaft sein kann, wenn Frauen als Objekte wahrgenommen werden; und dass Erfolg von einer objektivierten Frau herrührt", sagt Regisseurin Doucouré gegenüber dem „Time Magazine“. Während ihrer Recherche hätten Mädchen zu ihr gesagt, sie könnten nicht glauben, dass sie eine Regisseurin sein - sie wäre viel zu hübsch für diesen Beruf. „Für mich ist es gefährlich, so zu denken. Diese Mädchen sehen einige Karrieren als nicht mit ihrer Weiblichkeit vereinbar an“, sagt sie. "Wir müssen ihren Horizont erweitern, damit sie sich eine größere Rolle vorstellen können.“ Außerdem hoffe sie, dass sich alle Kritiker ihren Film zur Gänze ansehen, bevor sie urteilen. „Sie werden verstehen, dass ich den gleichen Weg gegangen bin.“ (bsch)