Handel: Die Ex-Nomaden in Fosters Shoppingzelt

Handel ExNomaden Fosters Shoppingzelt
Handel ExNomaden Fosters Shoppingzelt(c) Reuters
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Khan Shatyr ist Kasachstans Attraktion mit Palmenstrand, aber auch der vielen geschlossenen Läden. Die silbrige „Königin der Zelte“ scheint über dem Boden zu schweben, allein im grünen Rasenteppich verankert.

Astana .Könnte „Khan Shatyr“ in einem Steppensturm vielleicht sogar abheben? Unmöglich ist hier gar nichts. Die silbrig glänzende „Königin der Zelte“ scheint über dem Boden zu schweben, allein im grünen Rasenteppich verankert. Im Inneren spannen Metallstangen die filigran wirkende Plexiglashülle auf; außen reckt der 140Meter hohe Riesenkegel seine weitere zehn Meter lange Spitze in den Himmel.

Schon während der Bauphase war zu erahnen, dass man sich hier später mit der angemessenen Beschreibung schwertun würde, sogar unter Zuhilfenahme einer Reihe von Superlativen. Nichts anderes, könnte man sagen, war auch Zweck der Übung.

Worte zu finden für Khan Shatyr mag schwierig sein – verwunderlich ist der Bau freilich nicht. Denn Astana ist eine Stadt der Superlative, eine Wunderwelt. Und so bat der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew, der Astana 1998 als Hauptstadt in der Steppe ausrief, den britischen Stararchitekten Norman Foster nach seinem ersten Bauwerk, der gläsernen Pyramide, um ein Zweites, ein Zelt des Kommerzes. Eine wagemutige Referenz an die frühere Nomadenkultur der Kasachen, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch als Viehhirten durch die Steppe zogen. Zwar wohnten sie in dunklen Jurten und nicht in lichtdurchfluteten Glaszelten. Referenzen an die Tradition malt man in Astana aber so unbekümmert wie Graffitis an die Wände, wenn auch der Bau des 260Mio. Dollar teuren Projekts fast vier Jahre dauerte.

Shoppingtempel als Ausflugsziel

Nun ist das 150.000Quadratmeter große Zelt mit seinen fünf Etagen also fertig. Nicht weniger als 10.000Menschen sollen in ihm Platz finden, und damit sie auch tatsächlich in Scharen herbeiströmen, hat man sich einiges einfallen lassen: Neben den hochpreisigen Boutiquen mit ihren internationalen Marken findet man im Khan Shatyr eine Fastfood-Abteilung, Cafés, eine Kinderwelt samt Karussell und einen Supermarkt im Keller.

Knapp einen Monat in Betrieb, wird die Freizeit- und ShoppingMall noch immer von Besuchern überrannt. Vor allem abends nutzen die Einwohner Astanas das Zelt als Ausflugsziel. Einziger Wermutstropfen: „Erst 60Prozent der Läden sind geöffnet“, erklären Julia und Assel, die vor Ort Besucher informieren. „Darüber beschweren sich die Leute.“ Bis Herbst, so hofft man, sollen alle Verkaufsflächen vergeben sein.

Wirklich Außergewöhnliches ist hier aber erst auf Deck vier und fünf zu finden: ein Spa samt Swimmingpools – mit Sand aus Malaysia. Doniyor Khudayberganow managt den Bereich. „Es ist eine Oase. Bei minus 35Grad Außentemperatur im Winter können die Gäste hier baden“, sagt der junge Mann.

Besonders voll ist es an diesem Samstagabend allerdings nicht, nur ein paar Besucher planschen vor karibischen Palmen herum. Berührungsängste? Mitnichten. In den ersten Tagen strömten so viele Neugierige durch die Tropenszenerie, dass man das Areal seither nur noch für zahlende Besucher öffnet. 10.000Tenge, umgerechnet 50Euro, kostet der Tageseintritt. „Vielleicht müssen wir da etwas nachlassen“, gibt Khudayberganow zu bedenken, „um nicht zu exklusiv zu sein.“ Ein Lehrer verdient monatlich etwa 300Euro.

Der Manager ist sich jedenfalls sicher, dass die Kundschaft noch eintrudeln wird. Spätestens dann, wenn der Sommer vorüber ist: „Denn es ist hier viel zu kalt im Winter.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2010)

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