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"Rezessionsgefahr": Fed macht wieder Geld locker

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Die US-Konjunktur bremst unerwartet stark. Die Notenbank belässt daher die Zinsen nahe Null und investiert Rückflüsse aus auslaufenden Papieren neu. Österreich profitiert unterdessen vom deutschen Aufschwung.

Wien/New York (red./ag.). Stark unterschiedlich entwickelt sich offenbar die Konjunktur: Während sich das US-Wirtschaftswachstum so stark einbremst, dass die Federal Reserve von San Francisco (die kalifornische „Filiale“ der US-Notenbank) schon die „erhebliche Gefahr einer neuen Rezession“ heraufdämmern sieht, kommt die österreichische Wirtschaft im Windschatten des neuen deutschen „Wirtschaftswunders“ überraschend stark in Fahrt.

Die beiden Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS haben zuletzt für heuer ein Wirtschaftswachstum von 1,2 beziehungsweise 1,5 Prozent prophezeit und ihre Vorhersagen noch nicht korrigiert. Aufgrund des sehr starken Exportwachstums der vergangenen Monate und der stark angezogenen Industrieproduktion erwarten einige Wirtschaftsexperten aber bereits ein deutlich höheres Wachstum. Optimistisch stimmt die Experten vor allem, dass Deutschland als wichtigster Handelspartner Österreichs nach den jüngsten Prognosen ein Realwachstum von stolzen 2,6 Prozent erreichen könnte.

Allerdings: Die größten Zuwächse gibt es heuer bei den Ausfuhren nach Asien (plus 21,5 Prozent) und in die USA (plus 32 Prozent). In beiden Regionen gibt es aber erhebliche Unsicherheiten für die kommenden Monate. Der Asien-Export könnte unter den bewussten Wachstums-Bremsmanövern leiden, mit denen China eine drohende Überhitzung seiner Wirtschaft verhindern will. Und in den USA hat sich der Aufschwung zuletzt geradezu dramatisch eingebremst. Schlechte Konjunkturdaten und Katastrophenmeldungen vom Arbeitsmarkt (die Arbeitslosigkeit ist seit dem Winter kaum gesunken) haben Sorgen vor einem neuerlichen Rückfall in die Rezession hochkommen lassen.

Wissenschaftler der Federal Reserve of San Francisco haben in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick festgehalten, dass es „erhebliche“ Gefahren für einen Rückfall in die Rezession innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monate gebe, der Aufschwung also noch lange nicht selbsttragend sei.

Kurzfristig, so schränkten die Notenbankexperten ein, sei eine neuerliche Rezession aber sehr unwahrscheinlich. Zumindest ein paar Monate noch werde man Wachstumsraten sehen. Das deckt sich auch mit dem Befund des Wifo, wo man meint, die positive Entwicklung in Österreich werde „zumindest bis in den Herbst“ anhalten – danach sollten die Unsicherheiten wieder zunehmen.

Die gegenläufige konjunkturelle Entwicklung zwischen Europa und den USA muss man freilich etwas relativieren: Nach der gestern veröffentlichten aktuellsten Konjunkturprognose vom Schweizer Bankhaus Syz & Co. könnte die US-Wirtschaft trotz der jüngsten Verlangsamung heuer „im Bereich ihres langfristigen Wachstumspotenzials“ zulegen. Das wären immer noch 2,5 bis 2,8 Prozent BIP-Wachstum – und damit ungefähr gleich viel, wie Deutschland im derzeitigen „Wirtschaftswunder“ erwartet.

Zinsen bleiben nahe Null

Weil der Aufschwung in den USA (und wohl auch in Europa) noch nicht selbsttragend ist, gibt es weiter Stimuli für die amerikanische Wirtschaft – voerst in Form einer weiterhin expansiven Geldpolitik. Die US-Notenbank Fed hat Dienstag Abend wie erwartet die Zinsen in einer Spanne zwischen null und 0,25 Prozent belassen – und betont, dass sie „noch für einen längeren Zeitraum extrem niedrig bleiben“ werden.

Fortgesetzt wird aber auch die Politik des „lockeren Geldes“. Die Fed hatte zuletzt in großem Stil Liquidität in das System gepumpt, indem sie direkt Staatsanleihen angekauft hat. Dieses Programm, das die Bilanz der Fed um 1700 Mrd. Dollar aufgeblasen hatte, ist zwar unterdessen ausgelaufen, der Fed-Bestand an Staatsanleihen und Hypothekenpapieren wurde zuletzt sogar leicht zurückgefahren.

Die Verlangsamung des Aufschwungs bringt die Fed nun aber dazu, die Mittel, die aus ablaufenden Hypothekenpapieren zurückfließen, wieder in Staatsanleihen zu investieren – also das abgezogene Geld zurück ins System zu pumpen. Es geht um relativ kleine Summen (in nächster Zeit werden aus auslaufenden Hypothekenpapieren „nur“ 9,7 Mrd. Dollar frei). Aber die Fed spekuliert eher mit dem psychologischen Effekt: Es soll ein Signal gesetzt werden, dass der Staat die Konjunktur weiter stützt.

Der Direktkauf von Staatsanleihen durch die Notenbank ist unter Ökonomen umstritten, weil er im Prinzip ein direktes Anwerfen der Notenpresse darstellt. Die damit verbundene Überschwemmung des Marktes mit Liquidität könnte eine schwer beherrschbare Inflation auslösen. Die US-Notenbank sieht die Gefahr einer ausufernden Inflation in nächster Zeit nicht. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) beruhigt und will keine Inflationsgefahr erkennen.

Buffett fürchtet Inflation

„Spekulanten“, die eigenes Geld (oder das ihrer Klienten) einsetzen, sehen das freilich anders: Warren Buffett, der legendäre US-Großinvestor, der mit einer Spekulation gegen das britische Pfund schon einmal die Bank of England in die Knie gezwungen hatte, verkürzt nun definitiv die Laufzeit der von seinem Investmentvehikel Berkshire Hathaway gehaltenen Staatsanleihen.

Seine Begründung: Lang laufende Staatsanleihen würden von hohen Inflationsraten besonders stark getroffen – und die massiv laufende Notenpresse in den USA werde die Inflation stark hochtreiben.

AUF EINEN BLICK

Österreich profitiert vom deutschen Aufschwung. Die Exporte sind zuletzt stark gewachsen. Dadurch könnte das Wirtschaftswachstum heuer höher ausfallen als die prophezeiten 1,2 bis 1,5 Prozent. Ein Unsicherheitsfaktor ist die Entwicklung in den USA, wo sich die Konjunktur unerwartet stark abbremst. Die US-Zentralbank hat daher die Zinsen nahe Null belassen und Rückflüsse aus auslaufenden Papieren neu investiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2010)