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Datenautobahn über den Dächern von Wien

(c) Reuters
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Während die großen Telekommunikationsanbieter Milliarden in ihre Netze stecken, treibt eine idealistische Communityseit 2003 den flächendeckenden Aufbau eines unabhängigen, nicht kommerziellen Netzwerks voran.

Wenn sich Aaron Kaplan ins Internet einloggt, kostet ihn das keinen Cent. Er kennt weder eine monatliche Pauschale, noch fallen irgendwelche Kosten für den Datentransfer an. Einzig eine Anfangsinvestition von rund 100Euro war zu tätigen; seitdem steht ihm sein Breitbandzugang ins weltweite Netz völlig gratis zur Verfügung.

 

„Wir sind das Netz“

Kaplan ist Gründungsmitglied und Obmann des gemeinnützigen Wiener Vereins FunkFeuer, einer Initiative, deren Wurzeln bis in die 1990er-Jahre zurückreichen und die seit 2003 den flächendeckenden Aufbau eines unabhängigen, nicht kommerziellen Netzwerks vorantreibt. Die Vision dahinter: Statt eines zentralen Providers sollen die Nutzer selbst dafür sorgen, dass die Datenpakete dort ankommen, wo sie gerade gebraucht werden. „Wir wollen nicht ins Netz, wir sind das Netz“, sagt der Freifunk-Pionier.

Die technische Grundlage hierfür bietet WLAN (Wireless Local Area Network). Damit lassen sich nicht nur Daten per Funk übertragen, sondern überdies ein engmaschiges Netz an Knoten knüpfen, über die die elektronischen Signale von einem Punkt zum anderen weitergereicht werden. „Mesh Routing“ nennt sich dieses, aus der Militärtechnik entlehnte System, bei dem jeder User zugleich als Empfänger und Sender im Netzwerk fungiert. Mitmachen kann jeder, der bereit ist, eine entsprechende Antenne samt Router auf dem Dach oder Balkon (freie Sicht vorausgesetzt) zu montieren, und dafür zwischen 100 und 200 Euro auszugeben. Die Anbindung dieses Netzes an das WWW erfolgt dann über die zentralen Server von FunkFeuer. Technische Beratung hierfür gibt es jeden Montag ab 20Uhr im FunkFeuer-Vereinslokal „Metalab“ in der Rathausstraße6 im ersten Wiener Gemeindebezirk, fallweise bieten versierte Vereinsmitglieder auch praktische Hilfe bei der Installation an. Zuweilen kämpft man allerdings mit einem Problem, gibt Kaplan zu: „Nicht jeder Hausbesitzer erteilt die Erlaubnis zur Antennenmontage.“

 

Genossenschaftlicher Gedanke

Mit seinen fast 500 Knoten sei Wien inzwischen recht gut abgedeckt, berichtet der Freifunk-Aktivist, „aber je engmaschiger das Netz wird, desto stabiler und schneller läuft es“. Ableger davon gibt es mittlerweile in Graz, Teilen des Weinviertels sowie in Bad Ischl. Auch international „expandiert“ die Freifunk-Bewegung kräftig: Berlin etwa verfügt bereits über knapp 1000 Knoten, Athen über rund 5000, und im Raum Barcelona hat sich Guifi.net mit seinen 10.000 Knoten sogar zu einer veritablen Konkurrenz des lokalen kommerziellen Kommunikationsanbieters Telefonica gemausert. Als Gratis-Internetprovider sieht sich die Freifunknetz-Bewegung dennoch nicht: Im Vordergrund stehe der genossenschaftliche Gedanke, „den digitalen Graben zwischen den sozialen Schichten zu überbrücken und so Infrastruktur und Wissen zur Verfügung zu stellen“, betonen die Initiatoren von FunkFeuer auf ihrer Homepage. Was, abgesehen von den geringen (Installations-)Kosten, noch weitere Vorteile mit sich bringt: Frei organisierte Netze können beispielsweise zur Übertragung von lizenzfreiem Community-Radio, von lokalen Ereignissen oder im Rahmen von privaten Tauschbörsen genutzt werden. Auch der Betrieb eines privaten Web- oder Mailservers, sonst meist Unternehmen vorbehalten, ist möglich. Für „Paranoiker“ zudem interessant: Die für kommerzielle Internetanbieter verpflichtende Datenspeicherung fällt hier weg. „Allerdings handelt es sich bei FunkFeuer um kein anonymes Netz“, betont Kaplan. „Da jedem neuen Mitglied von uns eine eigene IP-Adresse zugewiesen wird, kann er bei Bedarf auch jederzeit identifiziert werden.“

www.funkfeuer.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2010)