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Historischer Rückblick

Zwischen Brüderlichkeit und Sozialversicherung

Karl Marx.
Karl Marx.(c) Getty Images (Roger Viollet Collection)
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Die Beschäftigung mit den theoretischen Grundlagen des solidarischen Handelns begann bereits im frühen 19. Jahrhundert.

Mit der Solidarität verhält es sich genauso wie mit der Pornografie – zumindest wenn man die Angelegenheit so betrachtet wie Potter Stewart Anfang der 1960er-Jahre. Der besagte Herr war einer der Obersten Richter der USA und in einem Rechtsstreit 1964 damit befasst, eine klare juristische Grenze zwischen Obszönität und Anständigkeit zu ziehen. Der Maßstab, den Richter Stewart anlegte, um Pornografie und freie Meinungsäußerung voneinander zu unterscheiden – und der seither zum geflügelten Wort avanciert ist –, lautete wie folgt: „Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“

Was Solidarität ist und was nicht, liegt ebenfalls weitgehend im Auge des Betrachters. Wer in der politikwissenschaftlichen Theorie nach Beschreibungen sucht, kann aus dem Vollen schöpfen. Die Bandbreite der Definitionen reicht von eng umrissenen Handlungsanweisungen, die auf den westeuropäischen Sozialstaat zugeschnitten sind und die materielle Absicherung im Vordergrund haben, bis hin zu weltumspannenden Konzepten, in denen es eher um das Teilen von ethischen Grundprinzipien geht und nicht primär um die konkrete Teilhabe am Wohlstand einer Gesellschaft.

Das Standardwerk zu diesem komplexen Thema hat der norwegische Sozialwissenschaftler Steinar Stjernø im Jahr 2005 publiziert: In „Solidarity in Europe“ (siehe Buchtipp unten) zeichnet Stjernø die Evolution des europäischen Verständnisses der Solidarität nach. Seine (ebenfalls nicht allgemeingültige, aber doch recht solide) Definition lautet folgendermaßen: Bei Solidarität handelt sich um die Bereitschaft, Ressourcen zu teilen, und zwar mittels staatlicher Organisation – also über den Umweg von Steuern. So verstanden ist Solidarität keine individuelle Angelegenheit, sondern impliziert kollektives Handeln. Und sie erfordert zweitens eine Demarkationslinie zwischen der eigenen Gruppe, innerhalb der Prinzipien der Solidarität Anwendung finden, und der Außenwelt. Anders ausgedrückt: Solidarität braucht Mitbürger bzw. Genossen, um sich von einem die Welt umarmenden Altruismus zu unterscheiden.

Karl Marx sah Solidarität als Grundbedingung für die kommunistische Revolution.

Die Revolution als Geburtshelferin

Apropos Genossen: Als politisches Konzept taucht Solidarität zum ersten Mal während der Französischen Revolution von 1789 auf – als fraternité, letzte Komponente des revolutionären Dreiergespanns „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Der Frühsozialist Charles Fourier griff diese Idee Anfang der 1820er-Jahre in seiner „Théorie de l'unité universelle“ auf und erklärte die Solidarität zu einem der Grundprinzipien seiner idealen Gemeinschaft, der sogenannten Phalanx.

Fouriers Vorstellung hatte allerdings den Nachteil, dass sie auf kleine gesellschaftliche Strukturen zugeschnitten und für das Zeitalter der industriellen Revolution, der Massenmigration in die Städte und der damit einhergehenden sozialen Konflikte nicht geeignet war. Eine Antwort auf dieses Dilemma lieferte Karl Marx, der Solidarität als gemeinschaftliche Bande innerhalb einer Klasse – nämlich der Arbeiterschaft – definierte. Die Slogans „Hoch die internationale Solidarität!“ und „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ belegen, dass Marx und die frühen Kommunisten den Zusammenhalt innerhalb der Arbeiterklasse als Conditio sine qua non für die gesellschaftliche Evolution bzw. Revolution – in Richtung einer klassenlosen Gesellschaft – angesehen haben.

Der Ansatz hatte erhebliche politische Sprengkraft – und eine Schwachstelle. Im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierten sich nämlich nicht nur neue soziale Klassen, sondern auch nationale Identitäten. Und die Nation als solidarische Klammer erwies sich schlussendlich als stärker: Überlegungen diverser europäischer Sozialisten, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 durch grenzüberschreitende Generalstreiks zu verhindern, scheiterten am Patriotismus ihrer Parteimitglieder. Als es darauf ankam, setzte sich Nationalität gegen Klassenzugehörigkeit durch.

 

Zuerst mechanisch, dann organisch

Theoretisch begleitet wurde diese Entwicklung von einem Ahnvater der modernen Soziologie: ?mile Durkheim. Der Franzose führte Ende des 19. Jahrhunderts die Unterscheidung zwischen organischer und mechanischer Solidarität ein. Unter mechanischer Solidarität verstand er den reflexartigen Zusammenhalt einer kleinen, homogenen Gruppe (beispielsweise einer mittelalterlichen Dorfgemeinschaft), die nicht auf Freiwilligkeit basierte, sondern auf existenzieller Notwendigkeit und räumlicher Nähe. Als organische Solidarität definierte er das soziale Zusammenspiel in einer entwickelten (Industrie-)Gesellschaft, in der die Rollenverteilung flexibler ist und deren Mitglieder durch ein komplexes, schwer zu überblickendes Netz aus gegenseitigen Abhängigkeiten verbunden sind.

Die Verfestigung nationaler Identitäten und die Schaffung sozialer Sicherheitsnetze machten den Nationalstaat im Laufe des 20. Jahrhunderts zum primären Schauplatz solidarischer Praxis. Solidarität zwischen Europäern findet heute vor allem im Rahmen ihrer Sozialstaaten statt. Welchen Platz – wenn überhaupt – hat darin die Europäische Union? Auf diese Frage gibt es bis dato keine definitive Antwort. Solang die EU über keine finanziellen Mittel größeren Ausmaßes verfügt, kann sie keine Ressourcen verteilen – und fällt damit als Organisator eigener solidarischer Maßnahmen aus. Andererseits verfügt die EU mit der EU-Staatsbürgerschaft über ein eigenes (wenn auch brüchiges) Gefäß, das sich mit solidarischem Inhalt füllen ließe.

 

Unser Geld für unsere Leut'?

Ob die EU-Bürger damit einverstanden wären, steht auf einem anderen Blatt. Wissenschaftlich gut dokumentiert ist jedenfalls das Phänomen des Wohlfahrt-Chauvinismus. Damit gemeint ist eine subjektive Hierarchie der Bedürftigkeit, die hierzulande die FPÖ mit dem Wahlslogan „Unser Geld für unsere Leut'“ simplifiziert und eindeutig auf den Punkt gebracht hat: Man ist eher bereit, das Steuergeld mit Mitbürgern zu teilen als mit Ausländern – wobei es innerhalb der Mitbürger ebenfalls eine subjektive Skala gibt. Ist damit das letzte Wort in Sachen europäische Solidarität gesprochen? Mitnichten. Jüngste Untersuchungen legen nämlich nahe, dass Europäer konkrete Solidarität nach wie vor als nationale Angelegenheit sehen – doch zugleich sind sie eher dazu bereit, sich mit anderen EU-Bürgern zu solidarisieren als mit Drittstaatsangehörigen.

(c) Cambridge University Press

Buchtipp

„Solidarity in Europe. The History of an Idea“ ist das Standardwerk zur Ideengeschichte der europäischen Solidarität. In dem 2005 erstmals erschienenen Buch (Cambridge University Press, 408 Seiten, 39 Euro) zeichnet Autor Steinar Stjernø die Evolution des Konzepts seit dem frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart nach.