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Literatur

Jo Nesbøs neuer Roman: Die dunkle Seite von Os

Jo Nesbø ist Spezialist für vielfach gebrochene Antihelden, zu gleichen Teilen Gentlemen und Berserker.
Jo Nesbø ist Spezialist für vielfach gebrochene Antihelden, zu gleichen Teilen Gentlemen und Berserker.Stian Broch
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„Ihr Königreich" steht für sich allein, ist aber viele Dinge auf einmal: Psychothriller, Sozialstudie und Dorfkrimi de luxe.

Internationale Bestseller-Autoren wie Donna Leon, Stephen King oder John Grisham produzieren mehr oder weniger jedes Jahr ein Buch, das von ihrer treuen Fangemeinde zuverlässig gekauft wird, unbeschadet seiner Qualität. Deshalb liegen sie der Kritik auch nicht so am Herzen, weil sie ohnedies Selbstläufer sind.

Hin und wieder aber stößt man auf einen Roman, der aus dieser Masse herausragt. Das gilt etwa für das jüngste Buch des norwegischen Schriftstellers Jo Nesbø, bekannt vor allem für seine Krimis rund um Ermittler Harry Hole. „Ihr Königreich“ steht zwar für sich, ist aber gleichzeitig viele Dinge auf einmal: Psychothriller, Sozialstudie und eine Art Dorfkrimi de luxe.

Nesbø spielt in dem seltsam sperrig betitelten „Ihr Königreich“ ausgiebig seine Stärken aus: die Erschaffung vielfach gebrochener Männerfiguren, Antihelden aus dem hohen Norden, im selben Maße Gentlemen wie Berserker. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Opgard, Roy und Carl, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern den Hof außerhalb der kleinen Ortschaft Os übernommen haben, ganz oben auf dem Berg, abgeschieden und schwer erreichbar. In den letzten Jahren war vor allem der Eigenbrötler Roy für das Anwesen verantwortlich, der gleichzeitig auch die Tankstelle im Ort betreibt und mehr über Vögel als über Menschen weiß. Carl war 15 Jahre zuvor nach Minnesota, USA, gegangen, um Wirtschaft zu studieren. Der Kontakt zwischen den Brüdern war über die Jahre mehr als lose geworden.

Die Rückkehr des „Wizard“. Dann aber ist Carl überraschend wieder da – samt seiner kanadischen Ehefrau Shannon, einer Architektin, sowie Plänen für ein Wellnesshotel in den Bergen über Os. Um das Projekt ins Laufen zu bringen, muss er allerdings alle Dorfbewohner als Investoren gewinnen. Carl, gut aussehend und redegewandt, war schon immer der „Wizard“ von Os: umschwärmt von Frauen, umringt von Männern. Kein Wunder also, dass es ihm gelingt, die erst skeptischen, dann gierigen Dörfler zu überzeugen.

Doch Carl ist mehr Schein als Sein, ebenso blauäugig wie skrupellos. Seit jeher verlässt er sich letzten Endes darauf, dass sein großer Bruder ihm aus der Patsche hilft – wenn nötig auch mit Fäusten. Schon Vater Opgard hatte seinen Söhnen das Credo eingebläut: „Wir sind eine Familie. Wir haben einander und sonst niemanden. (. . .) Wir gegen alle anderen.“ Diese Wagenburg-Mentalität ist allerdings nicht der einzig Grund, warum Carl auf Roy zählen kann. Dieser trägt schwer an Scham und Schuld aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit.

Lügen und Geheimnisse. Der Ursprung dieser Schuld ist einer der Handlungsstränge, die Jo Nesbø nebeneinander auslegt und immer enger miteinander verflicht. Was hat es mit dem Unfalltod der Eltern Opgard auf sich? Warum lebt Roy seit Jahren allein, warum gab es nie eine Frau in seinem Leben? Dass er seinen kleinen Bruder vergötterte, war kein Geheimnis. Was ist mit den Missbrauchsgerüchten rund um Carl? Was geschah mit dem örtlichen Polizisten Sigmund Olsen, der all diesen Geheimnissen auf der Spur zu sein schien und dessen Verschwinden vor 15 Jahren seinen Sohn Kurt, mittlerweile selbst Polizist, nie losließ? Weshalb dieser die Opgard-Brüder mit grimmiger Verbissenheit verfolgt.

Als wäre dieses Gemisch nicht explosiv genug, wird mit dem Erscheinen von Carls Frau Shannon eine Lunte gezündet. Die zerbrechliche Frau mit der weißen Haut, den roten Haaren und einem hängenden Augenlid ist alles andere als der „Feger“, den das Dorf als die einzig mögliche Ehefrau von Carl Opgard erwartete. Aber Shannon hat definitiv das gewisse Etwas, das alle Männer zwei Mal hinsehen lässt. Und zwar wirklich alle Männer.
„Ihr Königreich“ gehört zu Jo Nesbøs gelungensten Büchern: ein Spannungsbogen über viele Ebenen, mit vielen falschen Fährten und Überraschungen; erzählt in dem lakonischen Ton aller guten Thriller; voller Sympathie für seine vom Leben gebeutelten Figuren, deren einzige moralische Instanz ihr Wohl und das ihres Rudels ist. Bis zum bitteren Ende.