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Hoffnung auf Freiheit: Demonstration gegen Lukaschenko.
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Reportage aus Belarus

Die Rebellion gegen den letzten Diktator Europas

Hunderte Frauen wurden am Samstag bei neuen Protesten in Belarus festgenommen. Doch die Demonstranten lassen sich nicht einschüchtern. Denn die Hoffnung auf Erneuerung ist groß: eine Reportage aus Minsk.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch einmal in meinem Land erlebe, diese Freude, das Ende der Angst“, erzählt der Minsker Fotograf Andrei Liankiewitsch. Der eingesperrte Banker und weißrussische Präsidentschaftskandidat Wiktor Babariko hat ein paar von Liankiewitschs Projekten und auch Ausstellungen im Ausland finanziert. „Nun ist es viel wichtiger, hier zu sein“, sagt Liankiewitsch.

Mittendrin zu sein sei ein tolles Gefühl, aber wieder heil herauszukommen oft nicht sicher, warnt eine Verkäuferin im patriotischen Modegeschäft LSTR Adiadzanie unweit der Komarouski-Markthalle in der weißrussischen Hauptstadt, Minsk. Der linke Arm der jungen Frau ist bandagiert, auch sie wurde bei einer Demo von den Sicherheitskräften des weißrussischen Präsidenten, Alexander Lukaschenko, geschlagen. Verkaufshit sind die rot-weiß-roten Oppositionsflaggen. Das Gefängniswagen-T-Shirt in den offiziellen Landesfarben Grün-Rot mit Aufschrift „Welcome“ ist ausverkauft.

Der Moskauer Verleger Boris Pasternak – nicht zu verwechseln mit dem sowjetischen Schriftsteller – zeigt auf einer nächtlichen Fahrt quer durch Minsk die zentralen Orte des Protests. Etwa zwölf Stunden vor der sonntäglichen Massenkundgebung gegen Lukaschenko herrscht dort noch Normalzustand. Auf dem Siegesboulevard werden gerade die Fahrbahnen geputzt. Einzig beim neuen protzigen Präsidentenpalast verweist eine fast unscheinbare Stahlkonstruktion auf jene weit über mannshohen Gitter, die bald hier angebracht werden, um den Diktator vor jenem Volk zu schützen, das ihn angeblich immer noch liebt.

Die Emotionen dieser Märsche lasse er sich trotz seines Alters und der Gefahren nicht nehmen, sagt der 75-jährige Herausgeber der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexiewitisch. Als letztes Mitglied von Swetlana Tichanowskajas oppositionellem „Koordinationsrat“ ist die Schriftstellerin noch in Weißrussland und dort auf freiem Fuß. Das Regime würde es wohl nicht wagen, Alexiewitsch etwas anzutun, sagt ihr Moskauer Verleger. Pasternak gehört dennoch nicht zu den euphorisierten Optimisten. Der Aufstand könne wie in Polen 1980 und 1989 durchaus zehn Jahre dauern. Der Moskauer Verleger unterstreicht auch die Signalwirkung dieser belarussischen Proteste für Russland. Noch habe Putin die Mehrheit hinter sich, so wie sie bis vor Kurzem auch Lukaschenko. Doch das könne sich schnell ändern.

Zeit gewinnen. Lukaschenkos Dialogangebot über eine Verfassungsänderung dient deshalb auch Putin, Zeit zu gewinnen, nicht nur für einen russlandfreundlichen Kurs, sondern auch, um einen loyalen Alternativkandidaten für 2022 aufzubauen. Dann sollen in Belarus vorgezogene Präsidentenwahlen stattfinden. Lukaschenko hat durchblicken lassen, dass auch er dann erneut antreten will. „Beide spielen auf Zeit, doch die Belarussen interessiert dieses Angebot nicht, sie wollen die Wende hier und jetzt“, beschreibt der in Minsk aufgewachsene Pasternak die Stimmung.

Deutlich wird das im Innenhof eines Minsker Hochhauses im Stadtteil Kamennaja Gorka. Die kleinen Abfalleimer aus Gussbeton rund um den Spielplatz sind weiß-rot-weiß angepinselt. Es ist ein kleines Zeichen des Widerstands gegen das Regime. Die fünf riesigen Wohnblocks wurden alle vor rund zehn Jahren gebaut. „Viertel der Solidarität“ prangt in roten Lettern auf weißem Grund an einem Transformatorhäuschen. Jemand hat ein Graffito der beiden Minsker DJs aufgesprüht, die es kurz vor den Präsidentschaftswahlen gewagt haben, auf einer Veranstaltung für Lukaschenko statt der vorgesehenen Hymne den sowjetischen Rocksong „Peremen“ („Wende“) von Wiktor Tsoi aufzulegen. Die vom Staat angestellten DJs wurden wegen Hooliganismus inhaftiert. Und wurden zu den ersten Helden des belarussischen Volksaufstands.

Die sowjetische Rocklegende Tsoi und die Farben Weiß-Rot-Weiß bringen im „Solidaritätsviertel“ die Generationen zusammen. Dazu kommen Luftballons in den Farben der oppositionellen verbotenen Landesflagge, was den Kindern gefällt. Die Leute haben Tee und Glühwein in Thermoskannen in den Innenhof gebracht, dazu Gebäck. „Es ist das erste Mal, dass wir uns zu so einem lockeren Plausch treffen, bisher kannte ich meine Nachbarn kaum“, sagt ein junger IT-Fachmann. Zu den Demonstrationen gehen weder er noch seine Frau.

Noch beschränkt sich ihr Widerstand auf den Innenhof. Doch dies ist viel in Belarus, dessen eingeschüchterte, verängstigte 9,5 Millionen Einwohner 26 Jahre lang den Sowjetnostalgiker Lukaschenko schweigend ertragen haben. Zu den Wahlen seien sie früher einfach nicht hingegangen, so wie zuvor ihre Eltern in der Sowjetunion, sagen die beiden. „Erst wenn meiner Familie Böses geschieht, gehe ich auf die Straße“, sagt die Frau. „Dann hält mich nichts mehr zurück.“