„Theater heute“ führt eine ernste deutsche Debatte: Was bedeutet Theater im Einwanderungsland?
Die Staatstheater sind noch in den großen Ferien, das Schauspiel hat sich in die Dörfer verzogen oder zu großen Festivals. Dort kann man darüber diskutieren, ob etwa Salzburgs Premieren nur Stadttheaterniveau haben (die schwerste Beleidigung im deutschen Feuilleton), ob sie noch immer vom „Regisseurtheater“ korrumpiert oder gar der reine Schwank seien. Man kann auch, wie Peter Kümmel in der „Zeit“, mit großer Eleganz die berechtigte und längst fällige Frage stellen, ob es nicht besser wäre, wenn auf der Bühne wieder mehr gespielt statt erzählt werde.
Oder man initiiert eine gründliche deutsche Debatte, deren Slogans mit hoher Wahrscheinlichkeit bald jeder aufgeschlossene Kulturstadtrat von Flensburg bis Villach in Reden über die integrative Bedeutung seines Ressorts einfließen lassen wird. Das Referenzblatt „Theater heute“ fragt im Doppelband August/September, wie das heimische Theater mit der Migrationsgesellschaft umgehen solle, weil ja „nationale Leitkulturen in einer globalisierten Welt zunehmend fragwürdig werden“. Wie könne man diese Communitys, die zum Teil nicht einmal die Sprache verbindet, erreichen, „ohne sich anzubiedern“?
Die Fachzeitschrift lässt Spezialisten aus Freiburg, Aalen, Essen und Berlin zu Wort kommen. Vielstimmig ist das Ergebnis und gar nicht harmonisch. Barbara Mundel und Josef Mackert (Theater Freiburg) nehmen das soeben erschienene Buch „Interkultur“ von Mark Terkessidis zum Anlass, um gravierende Änderungen der Kulturpolitik zu empfehlen. Die Hälfte der eingeschulten Kinder in Deutschland habe derzeit einen Migrationshintergrund, schreibt Terkessidis. Da habe das Konzept der Integration keinen Sinn mehr, stattdessen sei ein Programm der Interkultur zu empfehlen, meint dieser Gegner von Leitkultur.
Die Freiburger schreiben dazu: „Für uns bedeutsam ist vor allem seine Forderung nach einem Umbau staatlicher oder durch staatliche Gelder finanzierter Institutionen ,im Hinblick auf die neue Vielfalt der Gesellschaft‘.“ Holland oder England seien im Vergleich weit voran. Dort werde die aktive Teilnahme der Zuseher gefördert. Den Theatern sei „der Rückweg zum Musentempel eines auf Eigenrepräsentation bedachten Bildungsbürgertums definitiv verschlossen“, zugleich aber wird gewarnt, dass Politik die Kultur gerne als „Schmiermittel der Integration“ verstehe. Auch das sei ein fragwürdiges Kulturverständnis.
Raus aus dem Ghetto, rein in die interkulturelle Alphabetisierung, bei der sich Laien und Profis auf der Bühne treffen? Das Schauspiel Essen hat viel Verständnis dafür. Intendant Anselm Weber und seine Dramaturgen sehen die Arbeit mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft „im Zentrum des eigenen Selbstverständnisses“. Auch Ulrich Khuon (Leiter des Deutschen Theaters Berlin) plädiert für Durchlässigkeit. „Das Wesen von Kultur ist Lernen, nicht Lehren, Zerbrechlichkeit, nicht Stabilität.“ Man müsse die Balance finden „zwischen Teilnahme und Teilgabe“.
Nur Katharina Kreuzhage (Theater der Stadt Aalen) bleibt skeptisch gegenüber partizipativen Projekten. Gut gemeint sei das Gegenteil von Kunst. Die brauche Distanz, Widerstand gegen die Anpassung an den gesellschaftlichen Zweck. „Das Zentrum des Theaters ist der differenzierte, verdichtete Text, der zum theatralen Ereignis wird.“ Das ist heute offenbar bereits ein Minderheitenprogramm.
„Raus aus dem Ghetto, rein in die interkulturelle Alphabetisierung!“, sagen die Erneuerer der Bühne.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2010)