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Plattenkritik

Marilyn Manson: Jetzt lässt er den Satan hinter sich

Ganz wertkonservativ sieht er noch nicht aus: Brian Warner vulgo Marilyn Manson.
Ganz wertkonservativ sieht er noch nicht aus: Brian Warner vulgo Marilyn Manson.(c) Universal
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Auf seinem elften Album, „We Are Chaos“, klingt der ehemalige Comic-Brutalist stellenweise richtig menschlich – und manchmal nach gutem alten Glamrock.

„I can stick a needle in the horror and fix your blindness“: So beginnt „Red Black and Blue“, der Opener des elften Marilyn-Manson-Albums. Das ist vertraut markant. Er sei eine Königsbiene, singt er, die alle Blumen unter ihrem Rüssel zerstört. Lieb. Außerdem will er den Baum des Lebens anzünden, um mithilfe von dessen Brandgeruch high zu werden . . . Ein richtiges Schatzerl ist dieser Marilyn Manson, der unter seinem Kindernamen Brian Warner einst in einer streng christlichen Schule in Sachen Gut und Böse unterwiesen worden ist. Er dürfte später ein bisserl was durcheinandergebracht haben, spielte sich doch seine Kunst von Anbeginn in der thematischen Triade „Fear, Filth and Fury“, also Angst, Schmutz und Wut, ab.

Das ist selbstverständlich auch auf „We Are Chaos“ so, wirkt aber stellenweise nicht mehr so vital wie in den Neunzigerjahren. Sehr gut gelungen ist der Titelsong. Dessen Refrainzeile „We are sick, fucked up and complicated, we are chaos, we can't be cured“ klingt, wohl ungewollt, wie eine Beschreibung der Welt in Zeiten der Pandemie.

Erinnerung an David Bowie

Die Musik ist auf delikate Weise kontrapunktisch zum düsteren Text. Ja, sie ist nachgerade hymnisch, regt zum Mitsingen an. Und weil sie gar so suggestiv ist, wird sie von Manson auch noch ein zweites Mal bemüht, in Form einer akustischen Version. Da ist es dann ein Song, der nach David Bowie und Steve Harley in deren besten Glamrockzeiten klingt. Manson ist so gut bei Stimme wie nie zuvor. Kehlig und doch mit einer Art kühlen Innigkeit geleitet er durch seine zuweilen auf seltsame Art tröstlichen Szenarien. „But once you've inhaled death, everything else is perfume“, heißt es da einmal. Das ist Goth-Rock de luxe.

Manson, in den vergangenen Jahren Stammgast auf den Sofas der amerikanischen TV-Talkshows, beginnt mit dem neuen Opus offenbar sein Alterswerk. Immer noch rekurriert er auf seinen diabolischen Zeichenvorrat, aber eine gewisse Doppelbödigkeit wird merkbar. An manch einer Stelle schimmert der Mensch durch die Kunstfigur. So etwa in der butterweichen Mörderballade „Paint You With My Love“, die innerweltliche Erlösung beschwört. „But a death dream for you, it's not a life sentence.“

Im wirklichen Leben hat er seine Damen zeitlich auch nie zu sehr belastet. Ein paar verrückte Jahre an seiner Seite, die reichen, um später schaurige Anekdoten erzählen zu können. Der Magie des Schreckens geht aber Manson selbst am leichtesten auf den Leim. Umso besser, dass er auf dem neuen Album mit Shooter Jennings, dem Sohn von Country-Superstar Waylon Jennings, ein Korrektiv zur Seite hat, das Mansons Intentionen mal verstärkt, mal abschwächt. Auf einer Wellenlänge befanden sich die beiden beim unfreundlichen „Infinite Darkness“, einem Song, der die Binsenweisheit, dass man länger tot als lebendig ist, trefflich überhöht. Die sinistren Sounds illustrieren die bei beiden Herren ähnlich ausgeprägte Angstlust perfekt.

Was er mit Cat Stevens gemeinsam hat

Im wüsten „Perfume“ kehren verdrängte Bibelverse zurück. „Get behind me Satan!“, grölt Manson geradezu zärtlich. Wenn man den Teufel beschwört, rät er, möge man dazu sehen, dass man für ihn ein Bett frei hat. Es wirkt, als ob hier ein reifer Wüstling versuche, sein längst im Orkus verschwundenes, junges Ich zu beraten. Eine ähnliche Situation praktiziert ja Cat Stevens auf seinem kürzlich erschienenen Remake von „Tea For The Tillerman“: Da singt er „Father And Son“ als Duett mit seinem jüngeren Selbst. Wenig überraschend, dass er damit der Ruhe näher kommt als Marilyn Manson. Der ist immerhin auf dem Weg zu ihr.

Marilyn Manson: We Are Chaos
Marilyn Manson: We Are Chaos(c) Universal

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2020)