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Im Kino

„Persischstunden“: Des Nazis Liebe zum falschen Farsi

Hauptsturmführer Koch (Lars Eidinger) will nicht glauben, dass sein Persischlehrer ein Hochstapler ist.
Hauptsturmführer Koch (Lars Eidinger) will nicht glauben, dass sein Persischlehrer ein Hochstapler ist.(c) Alamode
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Ein SS-Offizier, ein jüdischer Häftling und eine gemeinsame Fantasiesprache: Mit „Persischstunden“ glückte Regisseur Vadim Perelman eine kluge, sensible Parabel.

In „Persischstunden“ gibt es eine Stelle, die von Wilhelm von Humboldt erträumt sein könnte, dem humanistischen Bildungsreformer aus der Zeit der Weimarer Klassik, der vor circa 200 Jahren meinte, das Erlernen einer fremden Sprache mache den Menschen weltoffener und sozialer. Ein deutscher Koch, von dem man bereits weiß, dass er eines Tages nach Teheran auswandern will, hört von seinem ausländischen Persischlehrer eine neue Vokabel. Genussvoll behält der Küchenchef das exotische Wort wie eine köstliche Süßspeise im Mund, bevor er es mit schwärmerischer Stimme in die Luft haucht.

Wie es verbal weitergegeben wird, emotional Verzückung auslöst und eine Verbindung zwischen den beiden Männern unterschiedlicher Herkunft herstellt, gibt ein romantisches Bild für gelingende Völkerverständigung ab: Eine zu Abwehr und Vorurteilen neigende Grundeinstellung gegenüber Fremden weicht einer freieren Haltung der Empfänglichkeit und Neugier. Aber das täuscht. Denn die Szene spielt 1942 in einem Durchgangslager der SS, der Deutsche trägt eine Nazi-Uniform, während ihm sein Lehrer als Gefangener gegenübersitzt. Ein ungleiches Machtverhältnis par excellence.

Die auf einer originellen Ausgangsidee basierende Verfilmung einer Kurzgeschichte von Wolfgang Kohlhaase (Drehbuchautor von „Solo Sunny“) umkreist die Frage, ob die hehre Vorstellung vom Fremdsprachenerwerb als aufklärerisches Projekt weiter Gültigkeit hat, wenn sie sich in einem Nazi-Lager gegen ein System der strengsten Hierarchisierung in „Rasse“ und Rang zu behaupten hat. Dass die Antwort ambivalent ausfällt, macht das Kammerspiel des US-Ukrainers Vadim Perelman („Haus aus Sand und Nebel“) interessanter als viele Werke über die Shoah, die sich nur auf die historische Rekonstruktion beschränken.

Eine weitere Schlüsselfrage des Films, der ab Freitag in den österreichischen Kinos zu sehen ist: Wie ist es um das Verhältnis zwischen Fiktion und Wahrheit bestellt, wenn die Wahrnehmung der Täter von Verleugnung und die der Opfer von Todesangst geprägt ist? Trotz mehrfacher Warnungen durch seine Kameraden will Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) nämlich einfach nicht glauben, dass sein Farsi-Lehrer aus dem Orient ein jüdischer Hochstapler sein soll. Reza wiederum, der eigentlich Gilles (Nahuel Peréz Biscayart) heißt und wirklich ein belgischer Jude ist, macht sich den sturköpfigen Eskapismus seines Gönners zunutze. Ohne jede Kenntnis von seiner Unterrichtssprache erfindet er ad hoc eine eigene und gibt sie als Persisch aus. Vom Erfolg des Schwindels, der in Gang kommt, als ihm auf dem Weg zu einer Exekution ein arabisches Buch in die Hände fällt, hängt in jeder Sekunde sein Überleben ab.

 

Gefangenenregister als Spickzettel

Die Beschreibungen von Gilles' Arbeitsalltag als Betrüger sind zum Teil irrwitzig. Er muss die Küchengeräte an seinem Arbeitsplatz bereits mit fernöstlich klingenden Begriffen getauft und sich alle gemerkt haben, bevor er sie Klaus zum Pauken vorlegt. Später – zum Sekretär aufgestiegen – erweitert er den Wortschatz durch die Anfangsbuchstaben der Namen aus dem Gefangenenregister des Lagers, das ihm beim Abfragen als Spickzettel dient. Die geteilte Fantasiesprache schweißt Opfer und Täter zusammen. Während sie aber den Faschisten noch stärker zur geistigen Flucht in seine narzisstische Nachkriegsfantasie vom erfolgreichen Leben im Exil treibt, bewegt sie seinen privilegierten Günstling zum Blick nach draußen, auf andere Häftlinge, die weniger Glück haben als er.

Obwohl Regisseur Perelman mitunter auf Spannungsdramaturgie und Pathos setzt, bleibt er in der Darstellung von Gräueltaten und Leichenbergen diskret, zeigt sie nur im Vorbeilaufen, auf Distanz oder halb von Nebel verhüllt. Befremdlich anzusehen ist nur die missglückte Nebenhandlung über ein paar abgebrühte junge Wachleute. Die saloppe Inszenierung ihres kindischen Intrigenspiels – ausgerechnet vor dieser heiklen Kulisse! – lässt an triviale Highschool-Soaps denken. Ein verkraftbares Manko in einer ansonsten sehr sensiblen und klugen Parabel über die Abgründe und Möglichkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation zu Zeiten eines Zivilisationsbruchs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2020)