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Große Bühne ist er nicht gewöhnt, aber für Freilufttheater sind wir immer zu haben.
Mit Patina

Meine Referenzkiste: 1974er-Land-Rover

Manchmal sperrt sich der Kapitän in seiner Kajüte ein, um etwas Bestimmtes in der Geheimkladde nachzulesen.

Zuerst muss man festhalten, dass das ALTE AUTO an sich fast völlig verschwunden ist. Es gibt nur noch laufende Leasingverträge oder Oldtimer. Die heißen jetzt auch nicht mehr so, sondern Classic Cars oder Youngtimer. Kategorisiert, lizenziert, hochpoliert, überrestauriert und überbewertet.

Umso mehr schätze ich die hatscherte Patina meines Land Rover Pickup. Der ist alt und funktioniert, aber das ist schon alles. Mit ihm ist nichts anzufangen außer zu fahren, gern zum Müllplatz (wo ich dann oft mehr hole als ich hingebracht habe) oder zum Picknick im Grünen. Ich rumple damit ins Unterholz, um Brennmaterial für meinen Küchenkachelofen zu holen. Auch als Gerüst rund ums Haus kann er sehr praktisch sein.
Vor allem aber ist er meine Referenzkiste.

Als Motorjournalist fahre ich ständig neueste, bestausgestattete und durchelektronifizierte Modelle.

Aber so, wie der Kapitän hin und wieder in seiner Kajüte verschwindet, wo er in einer dreifach versperrten Schatulle eine alte Geheimkladde aufbewahrt, so verschwinde ich hin und wieder hinter dem seltsam wasserlöslichen Lenkrad meines 1974er-Land-Rover, um dem Motor Leben zu entlocken, die Kupplung laut klappend niederzutreten und den langen Schalthebel elastisch durch die vier Vorwärtsgänge zu führen oder, mit noch mehr Elastik, in den Retourgang. Zwei weitere Hebel reduzieren die Übersetzung auf Zeitlupenfahren, aktivieren den Allradantrieb, wodurch sich das Auto zu einer Muskelfaust verfestigt. Die Handbremse wirkt direkt auf die Kardanwelle, was tatsächlich eine Wucht ist. Bremst wie ein Anker.

Der Typ 88 (die Zahl steht für den kurzen Radstand im Unterschied zum Typ 90) besitzt die Schönheit planer Scheiben, ein Paradoxon der raffiniertesten und gelungensten Karosserien: VW Käfer, Jaguar E und XJ, Austin Mini, und zuletzt noch Mercedes G. Ist neuerdings aber auch bombiert, wie natürlich auch beim neuen Defender, wo das prüfende Auge ebenfalls Wölbungen entdeckt. Meine planen Scheiben lassen sich schieben wie Mid-Century-Vitrinengläser, sogar die beiden im Heck. Gleiten ganz gut und lautlos in der dicht bemoosten Führung.

Außerdem kann ich das Fahrzeug mit zwei Schraubenschlüsseln zerlegen bis auf die Grundmauern. Dach weg, Türen weg, Windschutzscheibe umklappen. Macht man aber nur einmal im Leben. Im Zulassungsschein steht übrigens, dass drei Menschen vorn sitzen dürfen. Gurte sind obsolet.

Großer Vorteil bei Land Rover: Die Aluminiumkarosserie. (Werbespruch aus den Siebzigern: „Ist seine eigene Garage“.) Nachteil: Die vielen Zerklüftungen, in denen sich Wespen zu Hause fühlen. Angeblich baut eine Wespe kein Nest, wo schon andere sind. Ein Blick in meinen Motorraum lässt die gesamte naturwissenschaftliche Erkenntnis zusammenkrachen. Es sind aber Feldwespen, die stechen nicht, beißen nur. Kann aber auch schmerzen.

Übrigens, in der Geheimkladde des Kapitäns steht: Backbord = links. Steuerbord = rechts.

Mein Vater hat das gebrauchte Auto vor Jahrzehnten bei einem Händler in Unterstinkenbrunn gekauft. Der hatte dieses Modell selbst und direkt aus Solihull importiert, mühsam auf Linkslenker umgebaut. Einziges Relikt: Der Blinkerhebel sitzt rechts an der Lenksäule. Das ist durchaus von Vorteil: Meist, wenn man blinkt, schaltet man auch runter. So geht das mit der Rechten in einer Handbewegung.

In meiner Fahrschule, als ich den C-Schein auf Steyr 480 machte, war Zwischengas noch ein zwingendes Thema. Im LandRover praktiziere ich das bis heute, denn es schont die Synchronringe im Getriebe. Außerdem erzeugt es ein vertieftes Gefühl fürs Auto. Gern kokettierte ich mit dem großzügigen Spiel der Lenkung, aber inzwischen ist alles technisch einwandfrei.

Dem Vorbesitzer ist irgendwas aufs Dach gefallen, vielleicht das ganze Auto. Aluminium lässt sich nicht ausdengeln, also trägt der Land Rover seine Schrammen mit Markanz. Wenn es auf das Dach regnet, also trommelt, dann ergibt sich drin so ein heimeliges, behagliches Gefühl, das sehr viel mit dem zu tun hat, warum ich Autos grundsätzlich schätze.
Dieses aber liebe ich. Und ich nenne es nie Landy.

(c) Andi Riedmann

Drei Farben Grün

Hierzulande seltene Pick-up-Ausführung des Typ 88 Serie III. Perfekte Proportionen.

Name: Land Rover Serie III T.88 Pickup
Preis: deutlich unter 10.000 Euro
Motor: 2,25-Liter-R4-Zylinder
Leistung: 73 PS
Gewicht: 1390 kg, Nutzlast 680 kg
0–100 km/h: So schnell wird er kaum
Vmax: 100 km/h mit Anlauf
Verbrauch: Tanke immer nur um 10 Euro
CO2: Gab es damals noch nicht

("Die Presse - Fahrstil", Print-Ausgabe, 26.09.2020)