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Kino

Esel-Alarm bei „David Copperfield“

Alte Schulfreunde: James Steerforth (Aneurin Barnard, links) und David Copperfield (Dev Patel).
Alte Schulfreunde: James Steerforth (Aneurin Barnard, links) und David Copperfield (Dev Patel).eOne Germany
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An Verfilmungen des großen Bildungsromans von Charles Dickens mangelt es nicht. Regisseur Armando Iannucci gelang mit einem tollen Ensemble eine fantastische Version.

Wie spielt man filmreif einen Hass auf Esel? Am besten so wie die britische Charakterdarstellerin Tilda Swinton. Sie hat in „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ eine neue Bestmarke fürs Vorführen dieser Abneigung der resoluten englischen Tante in dem berühmten Longseller von Charles Dickens gesetzt. Der Londoner Romancier hatte darin vor 170 Jahren Autobiografisches abgearbeitet. Er erzählt von Kindheit und Jugend bis zur steilen Karriere danach, in allen Schattierungen. Zurück zur Tante: „Esel!“ schallt der Warnruf durchs Landhaus der von Swinton gespielten Betsey Trotwood in Dover. Ein Gong ertönt. Die störrischen Tiere bleiben in der Wiese stehen. Da stürmt die Frau querfeldein zu ihnen. Pardauz! Schon hat sie die Reiterin mit roher Gewalt vom Esel gefegt.

Wir befinden uns hier bereits mitten im Buch und mitten im Film des italo-schottischen Regisseurs Armando Iannucci, haben bereits eine Fülle an Figuren kennengelernt. Zeuge der Esel-Szene wird Trotwoods eben in Dover angekommener Neffe David Copperfield. Der Teenager ist aus Not zu ihr geflüchtet, er hat bereits mehrere Schicksalsschläge hinter sich. Sein Vater starb vor der Geburt des Sohnes. Die Mutter (Morfydd Clark) heiratete dann einen Sadisten. Der Bub ist diesem Mr. Murdstone (Darren Boyd) und dessen kaltherziger Schwester (Gwendoline Christie) hilflos ausgesetzt. David muss in einer Flaschenfabrik in London arbeiten und lernt dort tiefes Elend kennen. Die Mutter? Tot. Er flüchtet zur Tante. Sie lässt ihn zum Gentleman ausbilden.

 

Der Erzähler sieht die eigene Geburt

Viel Stoff? Längst noch nicht alles aus diesem prallen Werk mit all seinen verwickelten Handlungssträngen. Nun beginnt erst der Aufstieg, dem Niedergang und erneutes Hocharbeiten folgen. Iannucci („The Death of Stalin“) ist dabei ein echtes Kunstwerk gelungen. Seine Dramatisierung hält sich nicht strikt an die Vorlage, aber er bringt sie mit einem exzellenten, multikulturellen Ensemble auf den Punkt. Das zeigt sich schon in der ersten Szene: Copperfield, von Dev Patel („Slumdog Millionaire“) kongenial als Sympathieträger mit kleinen Fehlern gespielt, tritt in einem Theater auf, beginnt aus seinem Roman zu lesen, wendet sich dann um und tritt ins Bühnenbild, das sich in die „Filmrealität“ verwandelt.

Dieser Icherzähler erlebt nun als stummer Zeuge die eigene Geburt. Die herzensgute Bedienstete Peggotty (Daisy May Cooper) schusselt aufgeregt durch den Raum, bis endlich der alte Doktor kommt. In rascher Folge treten einprägsame Charaktere auf, jeder und jede darf hier Kabinettstücke abliefern. Die geraten manchmal zum Slapstick. Meisterhaft wird er von Hugh Laurie (Star der TV-Serie „Dr. House“) als Mr. Dick vorgeführt. Peter Capaldi und Bronagh Gallagher sind ihm ebenbürtig, als stets bankrottreifes und dennoch liebenswürdiges Ehepaar Micawber mit seiner wachsenden Kinderschar. Höchst präsent, selbst bei kurzen Auftritten, ist Ben Wishaw. Er beherrscht die Kunst der Verstellung, die den erst unterwürfigen, dann bitterbösen Uriah Heep auszeichnet. Dessen Intrigen könnten doch so viele Arglose ins Verderben stürzen!

Zwischen den Szenen gibt es zuweilen handgeschriebene Ankündigungen, wie im Stummfilm. Die Musik weckt ebenfalls Erinnerungen an die gute alte Zeit. Immer wieder wird jedoch daran erinnert, dass es sich ums Geschehen im Kopf des Autors handelt (sein Ringen um die Sprache durchzieht diesen Film). Da greift etwa eine riesige Hand nach Figuren in einen Salon, der so zum herzigen Puppenhaus wird.

Und was passiert mit Davids erster Liebe? Sie wird – oh Freud, oh Ödipus! – von Clark gespielt, die anfangs Davids Mutter gab. Dora, das simple Mädchen mit dem Schoßhund, das nicht recht zum Helden passt, wird surreal auf eigenen Wunsch rausgenommen. Gestrichen! So einfach geht das manchmal im Film. Wie bei Ianucci auch, wenn das Happy Ending naht: Der Weg wird frei für Agnes Wickfield, die wie ihr Vater durch Uriah Heep fast ins Verderben gestürzt wäre. Verwandte Seelen finden sich. Es wird geheiratet. Rosalind Eleazar spielt die Agnes berückend. Benedict Wong macht die Rolle ihres Vaters, der eine Schwäche für Alkohol hat, zur Lachnummer, bei der nur ein Rest von Traurigkeit bleibt.

 

Anarchie in der Flaschenfabrik

Die Schattenseiten werden in diesem Film stets von einer beinahe fröhlichen Anarchie überlagert. Selbst die Welt der Arbeit und Ausbeutung wirkt nicht so düster wie in manchen früheren Verfilmungen, sondern putzig überladen wie ein Wimmelbild. Die Abenteuer in der Schule sind satirisch überzeichnet, die Episode in der Flaschenfabrik endet in einer Zirkusnummer. Und wenn David Mrs. Peggottys gastfreundliche Familie in Yarmouth besucht, sieht man trotz all der Unglücksfälle, die sich auch hier ereignen werden, vor allem ein Märchen: ein umgestürztes blaues Boot, das merkwürdigen Bewohnern als Haus dient. Kindheitserinnerungen, die langsam verblassen, während die Idylle mit Agnes anhält.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2020)