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Glaubensfrage

Der Papst im Dilemma

Franziskus will eine Enzyklika vorlegen – zur Neuorientierung nach der Coronapandemie. Ob die je kommt?

Der Beginn hat sich für ein Lehrschreiben eines Papstes erstaunlich uneben gestaltet. Nicht ein Kapitel, kein Absatz, nicht einmal eine Zeile der neuen Enzyklika von Franziskus lag und liegt vor, und schon setzte es die erste Kritik. Bitte nicht zu fragen, wie das denn möglich ist. Wenn es um Kritik an die eigene Adresse geht, sind Katholiken, jedenfalls im Vergleich zu allen anderen Glaubensgemeinschaften, Weltmeister. Ob das erstaunliche Phänomen ein ferner Hall der Flagellanten-Tradition ist?

Der Titel der zu erwartenden Enzyklika war es, der manchen missfiel. Tutti fratelli, alle Brüder wird er laut vatikanischer Ankündigung lauten. „Und was ist mit den Schwestern?“, wurde sogleich gefragt. Das Pech dabei: Tutti fratelli ist der Beginn eines Zitates von Franziskus – dem anderen, dem Ersten, dem Heiligen. Der hat sich an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert mit eben diesen Worten an seine Ordensbrüder gewendet. Ordensschwestern hatte er eben keine. Eilfertig wurde vom Vatikan auf den Untertitel der Enzyklika hingewiesen, „über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft“. Nun gut. Kurve gerade noch schleudernd genommen.

Kritik wird aber auch schon darüber laut, was zum Inhalt sickert. In dem Dokument, das nächsten Sonntag (4. Oktober, Festtag des Heiligen Franziskus!) veröffentlicht werden soll, wolle sich der Papst zu einer globalen Neuorientierung nach der Coronapandemie äußern, wie Vatikansprecher Matteo Bruni erklärte. Ob eine neue Weltordnung nach Art des Vatikans tatsächlich das Kerngeschäft der katholischen Kirche ist? Ob es dafür auch ausreichend Fachkompetenz gibt? Skepsis hinsichtlich beider Fragen ist angebracht. Und vor allem: Wer sagt denn, dass es zu so etwas Ähnlichem wie einer vom Vatikan prophezeiten oder erhofften oder herbeigebeteten globalen Neuorientierung auch nur in Ansätzen kommen wird oder überhaupt kommen soll? Auch hier gilt das zuvor Festgestellte. Skepsis ist geboten.

Über den konkreten Anlass hinaus ist Skepsis ein passendes Wort. Mit Skepsis bis brutaler Ablehnung treten manche, gerade auch in dessen Kurie, noch immer dem Papst gegenüber, die ihn bis heute als Nachfolger des zurückgetretenen Benedikt XVI. nicht und nicht akzeptieren wollen. Ihnen kann es Franziskus nicht recht machen. Das Dilemma ist unauflöslich: den einen ist er zu wenig fromm, zu progressiv, sich zu sehr im Biotop des in diesen Kreisen verachteten Mainstreams bewegend, der sich aus dem Einsatz für Flüchtlinge, Umwelt und für eine gerechte(re) Welt (lang wäre zu diskutieren, was darunter zu verstehen, noch länger, wie sie denn zu erreichen wäre) speist. Den anderen ist er in Fragen, die die innere Verfasstheit der Kirche betreffen, zu zögerlich, zu mutlos. Eines stimmt schon: Wer von der Welt nicht weniger als eine Neuorientierung einfordert, sollte dazu auch im eigenen Verantwortungsbereich bereit sein. ⫻

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2020)