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Wort der Woche

Das Wohlbefinden im Zentrum aller Strategien – ein Allheilmittel?

Der Club of Rome fordert, das Wohlbefinden der Menschen und des Planeten ins Zentrum aller Strategien zu rücken. Dies ist allerdings – zumindest kurzfristig – kein Allheilmittel.

Seit fast 50 Jahren mahnt der Club of Rome einen bedachteren Umgang mit Ressourcen und der Umwelt ein. Ohne durchschlagenden Erfolg. Nun nimmt der legendäre Thinktank einen neuen Anlauf: Diese Woche wurde ein Konzept für eine „transformative Ökonomie des Wohlbefindens“ veröffentlicht (vorerst für Europa). Im Kern geht es dabei um eine Abkehr vom „linearen Denken“ der kurzfristigen BIP-Maximierung hin zu einer systemischen Sichtweise, die das Wohlbefinden („well-being“) der Menschen und des Planeten im Fokus hat (www.clubofrome.org).

Der Grundgedanke, das Wohlbefinden ins Zentrum aller Entwicklungsstrategien zu rücken, ist nachvollziehbar und reiht sich nahtlos in die Liste von Ideen für eine Post-Wachstums-Ökonomie ein. Doch dies scheint kein Allheilmittel für alle Probleme zu sein, wie eine aktuelle Studie von Jan-Emmanuel De Neve (University of Oxford) und Jeffrey D. Sachs (Columbia University) nahelegt (Scientific Reports, 15.9.): Bei der Analyse des Zusammenhangs zwischen dem Wohlbefinden der Menschen (Gallup World Poll) und den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen der UNO (SDG Index) fanden sie zwar wie erwartet eine stark positive Korrelation. Doch diese ist überraschenderweise regional sehr unterschiedlich ausgeprägt: Während etwa in Lateinamerika die Gesundheit der mit Abstand wichtigste Faktor für das Wohlbefinden ist, spielen in ex-sowjetischen Ländern wirtschaftliche und in Afrika soziale Aspekte die Hauptrolle.

Gänzlich den obigen Überlegungen zuwider läuft, dass bei den Umweltzielen kein signifikanter Zusammenhang zum Wohlbefinden erkennbar ist; beim materiellen Fußabdruck und beim Klimaschutz gibt es sogar eine stark negative Korrelation mit dem Wohlbefinden. Mit anderen Worten: Global betrachtet gehen Umwelt- und Klimaschutz (zumindest kurzfristig) zulasten des Wohlbefindens – was auch die Schwierigkeiten bei der Durchsetzung solcher Maßnahmen erklärt.

Langfristig seien Verbesserungen der Umweltsituation aber sehr wohl im Interesse der Menschen, sind De Neve und Sachs überzeugt. Sie blicken daher hoffnungsvoll auf Länder wie Kanada, Costa Rica oder Brasilien, wo dieser negative Zusammenhang nicht besteht. Diese Beispiele zeigten, dass es offenbar – regional unterschiedliche – Wege gebe, um einen negativen „trade-off“ zwischen Umwelt und Wohlbefinden zu vermeiden, so die Autoren. Und diese wollen sie nun in weiteren Studien identifizieren. ⫻

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2020)