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Quergeschrieben

Italiens vermeidbare Katastrophe & der einsame Tod des Signor Rossi

Das Totalversagen der Behörden und der Politik verursachten vielen Italienern unvorstellbares Leid. Langsam kommt dessen Ausmaß ans Licht.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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Signor Rossi, so wollen wir ihn nennen, 84 Jahre alt, war ein rüstiger alter Herr. Seit Jahrzehnten wohnte er mit seiner Frau in Mailand. Als er vor zwei Jahren Anzeichen einer Demenz zeigte und ihn dann noch ein leichter Schlaganfall beeinträchtigte, übersiedelte er in ein Pflegeheim. Eines der besten in Mailand, mit allem Komfort, nettem Personal und ausgezeichnetem Essen. Seine Frau besuchte ihn täglich, brachte ihm frisch gebügelte Hemden, sie gingen in die Cafeteria, an schönen Tagen spazieren oder saßen auf der Terrasse und plauderten. Es gefiel ihm im Heim.

Dann kam Corona. Mailand wurde zur „roten Zone“ erklärt, am 9. März ein landesweiter Lockdown verfügt. Die Menschen durften nur in den nächstgelegenen Supermarkt, mit Masken und Handschuhen standen sie Schlange. Zwei Wochen nach dem Beginn des Lockdowns wurde ein Besuchsverbot in Heimen erlassen, auch Telefonate waren kaum möglich.

Frau Rossi hatte Sorge um ihren Mann, aber sie erfuhr nichts von der Heimleitung. Eine Pflegerin, mit der sie sich angefreundet hatte, hielt sie auf dem Laufenden. Ihr Mann konnte nicht verstehen, warum sie ihn plötzlich nicht mehr besuchte. Nach einigen Wochen erfuhr sie von ihrer Bekannten, dass Coronafälle im Heim aufgetreten seien, viele alte Menschen seien bereits gestorben. Alle Patienten mussten fortan in ihren Zimmern bleiben. Es sei wie im Gefängnis, der reinste Horror, erzählte die Pflegerin erschüttert.

Doch woher kam das Virus, es war ja Besuchsverbot? Es seien Covidfälle ins Pflegeheim verlegt worden, erfuhr sie zu ihrem Entsetzen. Ihre Sorge wuchs, dass sich ihr Mann anstecken könnte. Tatsächlich hatte der Regionalpräsident der Lombardei bereits im März angeordnet, dass leichtere Fälle in Pflegeheime verlegt werden müssten. Die Spitäler müssten entlastet werden, da die Nachbarregionen sich weigerten, Kranke aus der Lombardei zu übernehmen. Das Personal in den Heimen verfügte jedoch über keinerlei Schutzkleidung, in etlichen wurde diese sogar verboten, weil sie anderswo dringender gebraucht würde. Das Ergebnis: Ein Drittel der Heimbewohner war bis Ende April infiziert, jeder sechste Heimbewohner verstarb in dieser Region.

Herr Rossi infizierte sich nicht, aber er war in einer Art Isolationshaft. Nach viereinhalb Monaten durfte Frau Rossi ihren Mann endlich besuchen, allerdings im Krankenhaus. Sie musste einen Schutzanzug anziehen und war entsetzt über seinen Zustand. Er hatte eine Lungenentzündung entwickelt und wirkte verwirrt. Es ginge allen Patienten schlechter, berichtete die Pflegerin, durch den Bewegungsmangel im Zimmerarrest und die Isolation. Sein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Er wurde wieder ins Pflegeheim verlegt. Einige Tage später erhielt sie die Todesnachricht. Sie durfte ihn selbst in seinen letzten Tagen und Stunden nicht mehr sehen. Frau Rossi ist traurig, aber auch erbittert. Sie kann nicht verstehen, warum Politik und Behörden so gehandelt haben. Warum man vorsätzlich alte Menschen gefährdet, isoliert und in Vereinsamung sterben lässt?