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Opferschutz

„Wie ist Ihnen das passiert?“: Spitäler sollen Zeichen von Gewalt besser erkennen

Das Krankenhaus als "empfänglichster Punkt" für Opfer von Gewalt: Medizinisches Personal soll besser im Umgang mit Betroffenen geschult werden, findet man im Sozialministerium. (Symbolbild)
Das Krankenhaus als "empfänglichster Punkt" für Opfer von Gewalt: Medizinisches Personal soll besser im Umgang mit Betroffenen geschult werden, findet man im Sozialministerium. (Symbolbild)(c) imago images/Westend61 (Daniel Gonzalez via www.imago-images.de)
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Das Sozialministerium legt eine Online-„Toolbox“ auf, die Gesundheitspersonal mit standardisierten Vorlagen helfen soll, Fälle von Gewalt in Familien und Partnerschaften besser zu erkennen.

Jede fünfte Frau in Österreich ist in ihrem Leben mindestens ein Mal von Gewalt betroffen, physisch und/oder sexuell. Nur 16 Prozent der Betroffen meldeten den schwerwiegendsten Übergriff bei der Polizei. „Das ist eher die Ausnahme- als die Regelsituation“, erklärte Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) am Montag bei einer Pressekonferenz. Sein Ressort will Opfern von Gewalt nun verstärkt niederschwellig helfen: Für die gesetzlich verpflichtenden Opferschutzgruppen in akutmedizinischen Einrichtungen legt das Ministerium eine Online-„Toolbox“ auf, in der medizinisches Personal standardisierte Leitfäden für den Umgang mit möglichen Fällen von Gewalt in Familien und Partnerschaften findet. Erstellt wurde dieser Werkzeugkoffer in Kooperation mit Gewaltschutzeinrichtungen und Opferschutzgruppen.

Akutmedizinischen Einrichtungen – Krankenhäusern also – komme in der Hilfe für Gewaltopfer eine Schlüsselrolle zu, sagte der Minister. Viele medizinische Fachrichtungen seien oft die ersten Ansprechpartner für Betroffene – und blieben häufig auch die einzigen. Die gesetzlich verpflichtenden Opferschutzgruppen sollten daher in ihrer Arbeit unterstützt werden. „Gleichzeitig ist es ein Versuch, um noch einmal Schwung aufzunehmen, um die zentrale Rolle des Gesundheitswesens im Opferschutz auszubauen“, so Anschober, der auf die „Erfahrungen des Lockdowns“ verwies. Dieser habe insbesondere in Städten zu einer Steigerung der Meldungen von Gewalt geführt.

„Wir hatten auch vor Covid schon viel Gewalt“ 

Anschober sieht sich selbst hier übrigens im Einklang mit seinen Ministerkollegen. Erst vergangene Woche hatten Frauenministerin Susanne Raab und Innenminister Karl Nehammer (beide ÖVP) eine Studie zu häuslicher Gewalt während des Lockdowns präsentiert. Die Zahlen des Bundeskriminalamts zeigten in den bisherigen Corona-Monaten einen leichten Anstieg der gemeldeten Gewaltakte - wenn auch nicht in einem Ausmaß wie anfangs befürchtet. Gewalt gegen Frauen, so Raab damals, liege in Österreich allerdings generell auf einem hohen Niveau. In eine ähnliche Kerbe schlug auch Anschober: „Wir hatten auch vor Covid schon viel Gewalt.“

Das betonte auch Rosa Logar am Montag. Die Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, wo im Jahr 6000 Frauen betreut werden, schilderte ihren Eindruck, dass während der Coronakrise noch häufiger Konflikte in Familien und Partnerschaften ausgebrochen seien: etwa wegen mangelnder Ressourcen und des Drucks am Arbeitsmarkt, Stichwort Jobverlust und Kurzarbeit. „Aber die Opfer sind nicht immer an die Öffentlichkeit gegangen“, so Logar, manche hätten nicht das Gefühl gehabt, während der Krise nicht um Hilfe bitten zu können – „natürlich kann man auch in solchen Zeiten Hilfe rufen“. „Wir wollen, dass mehr Menschen, die Gewalt erleben, Hilfe suchen“, erklärte sie, „wir wollen die Dunkelziffer senken.“ In Fällen von Gewalt gebe es häufig Vorzeichen, Spitäler und Ärzte hätten hier eine wichtige Rolle, diese zu erkennen; im Gesundheitsbereich, ergänzte Anschober, werde in puncto Gewaltschutz „noch viel zu tun sein“.

„Unerträglich peinlich“ 

Das bestätigte auch Sabine Sramek, die seit fünf Jahren die Opferschutzgruppen der Barmherzigen Brüder leitet. Werde Betroffenen im Spital mit ihrer Gewalterfahrung geholfen, sei das in der Regel der „empfänglichste Punkt in der Gewaltspirale“. Sramek berichtete auch von mehr Patientinnen mit schweren Verletzungen während der Coronakrise. „Die Gewalt nimmt zu, das merken wir alle.“

Sie betonte die Wichtigkeit eines respektvollen Umgangs mit Betroffenen. „Sehr vielen Frauen ist es unerträglich peinlich, zuzugeben, dass sie von ihrem Partner geschlagen oder misshandelt werden“, so Sramek. „Die Früherkennung von Gewalt ist das Ziel“, die Sensibilisierung von Mitarbeitern in Gesundheitsberufen der Weg; Gewaltschutz sei noch wenig verankert in medizinischen Ausbildungen. Sramek sagte hier, dass der neue Opferschutz-Werkzeugkasten mit standardisierten Unterlagen medizinischem Personal helfe – etwa mit Standard-Bögen zur (Foto-)Dokumentation und zur Gefährlichkeitsabschätzung.

„Ort des Respekts“ 

Auch einen Leitfaden für eine patientenorientierte Gesprächsführung gibt es: So solle jeder Behandlungsschritt im Vorhinein erklärt werden und nur mit Zustimmung der Betroffenen erfolgen. Sramek verwies auch auf drei Fragen, die von der Universitätsklinik Innsbruck entworfen worden seien: „Gibt es jemanden, der weiß, dass Sie hier sind? Gibt es jemanden, der nicht wissen soll, dass Sie hier sind? Gibt es jemanden, der Ihnen Unbehagen bereitet?“

Sramek erklärte auch, dass medizinisches Personal nicht nach dem Warum einer Verletzung fragen sollte. Besser sei die Frage: „Wie ist Ihnen das passiert?“ Die Frage nach dem Warum sei bereits wertend. Das Krankenhaus müsse ein Ort des Respekts sein. „Der erwiesene Respekt vor ihrer Entscheidung wird sie wieder zu uns zurückbringen“, so Sramek.


>> zur Online-„Toolbox“ des Sozialministeriums

Kontakt bei Fällen von Gewalt

Polizei: 133

Polizei-SMS, Notruf für Gehörlose: 0800 133 133

Frauen-Helpline: 0800 222 555

Help-Chat: www.haltdergewalt.at

Frauenhäuser: www.aoef.at

Hilfe für Männer: www.dmoe-info.at