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Der ökonomische Blick

Wir sollten unbezahlte Arbeit sichtbar machen

Peter Kufner
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Fünf Ökonominnen schreiben über unbezahlte Haus- und Sorgearbeit während des Lockdowns.

Neben Rekord-Arbeitslosigkeit, Kampf ums finanzielle Überleben und gesundheitlicher Sorgen, zeigte der Lockdown aufgrund von COVID-19 die Überlastung von Eltern. Die Ausgangsbeschränkungen erhöhten die unbezahlte Arbeit in Haushalten enorm. Institutionell zur Verfügung gestellte Leistungen, wie Kindergärten und Schulen, die Unterstützung durch Großeltern oder zugekaufte Leistungen, etwa Reinigungskräfte oder Babysitter, brachen weg. Hinweise, dass Tage keine 24 Stunden, sondern vielmehr 36 bis 42 Stunden hatten, waren Ausdruck dieser Belastungen. Ebenso wie das Gefühl „ich mache alles alleine“ von Müttern schulpflichtiger Kinder.

Im deutschsprachigen Raum resultierten diese Überlastungen in Protesten in sozialen Medien unter dem Hashtag #coronaeltern. Hier sammelten sich erschöpfte Eltern, die Transparenz, Pläne und Kommunikation zu (nicht) bevorstehenden Öffnungen von Kindergärten und Schulen forderten. In Deutschland listeten Mütter unter dem Hashtag #coronaelternrechnenab auf, welche Jobs sie während des Lockdowns gleichzeitig übernahmen und schrieben dafür Rechnungen.

Derartige Berechnungen finden sich auch in der Wissenschaft, um unbezahlte Arbeit und ihre Notwendigkeit als Vorleistung für die gesamte Volkswirtschaft sichtbar zu machen: Anhand der Zeitverwendung von 2008/09 aus Österreich zeigt sich, dass die jährlich anfallenden unbezahlten Arbeiten von neun Milliarden Stunden in verwandten Branchen einen Verdienst von 100 bis 105 Milliarden Euro bringen würden. 2008/09 waren dies zwischen 27 und 35 Prozent des BIPs.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Wieviel hätten Menschen in Österreich während des Lockdowns für ihre unbezahlte Arbeit an Werktagen verdienen können bzw. wieviel wäre diese Arbeit monetär wert?

Ausgangspunkt sind die Ergebnisse unserer Zeitverwendungserhebung, die wir Anfang Mai 2020 durchführten. So übernahmen Frauen in unserem Sample während des siebenwöchigen Lockdowns im Durchschnitt 210, Männer 145 Stunden unbezahlte Arbeiten. Eine Alleinerzieherin leistete 320 Stunden unbezahlte Arbeit. Eine Mutter von 2 Kindern, die in einem Paarhaushalt lebt, übernahm im Durchschnitt 340 Stunden, während ein dazugehöriger Vater auf 205 Stunden kam. In einem Haushalt mit Kindern unter 15, wo beide Eltern im Home-Office waren, beliefen sich ihre unbezahlten Arbeiten auf 300, seine auf 193 Stunden. Zum Vergleich arbeitete ein weiblicher Single 99 Stunden, ein männlicher Single 84 Stunden unbezahlt. Frauen leisteten grundsätzlich zwischen 15 und 89% mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Besonders deutlich war der Unterschied in Paarhaushalten mit Kindern unter 15.

Zur monetären Bewertung unbezahlter Arbeiten gibt es drei Ansätze: Generalisten-, Spezialisten- und Opportunitätskostenansatz. Beim Generalistenansatz wird ein Marktlohn gewählt, den eine Person erhalten würde, um sämtliche Haushaltsarbeiten zu erledigen, zum Beispiel eine Haushälterin. Beim Spezialistenansatz wird unbezahlte Arbeit in Tätigkeitsbereiche unterteilt. Für jeden Bereich wird der Lohnsatz herangezogen, den ein Spezialist am Arbeitsmarkt erhalten würde. Hier werden kollektivvertraglich geregelten Mindestlohntarife in verwandten Berufen verwendet: Eine Köchin hat beispielsweise einen kollektivvertraglich vereinbarten Mindeststundenlohn von 9,54 Euro, ein Kindergärtner von 13,58 Euro, eine Gärtnerin von 11,51 Euro, ein Nachhilfelehrer von 11,16 Euro usw.

Die Mutter zweier Kinder unter 15, in einem Paarhaushalt lebend, kochte während des Lockdowns 55 Stunden, putzte 47 Stunden und übernahm 16 Stunden sonstige Haushaltstätigkeiten wie Gartenarbeiten oder Tierpflege. Sie verbrachte 77 Stunden mit der Grundversorgung der Kinder, 48 Stunden lernend mit den Kindern und 97 Stunden mit Freizeitgestaltung für die Kinder. Entsprechend dem Spezialistenansatz entspräche dies zusammen einem Wert von etwa 3.860 Euro. Die Graphik zeigt, dass die unbezahlte Arbeit eines dazugehörigen Vaters 2.410 Euro wert wäre.

Generalisten- und Spezialistenansatz gehen davon aus, wieviel sich ein Haushalt erspart, wenn Arbeiten nicht über den Markt gekauft werden. Der Opportunitätskostenansatz, den auch #coronaeltern verwendeten, fokussiert auf das entgangene Einkommen. Es wird der Lohnsatz gewählt, den Personen am Arbeitsmarkt gemäß ihrer Qualifikation, Erfahrung und Branchenzugehörigkeit erhalten würden. Dieser Ansatz führt zu deutlich höheren Bewertungen, aber auch dazu, dass – aufgrund des Gender Pay Gaps – unbezahlte Arbeit von Frauen und Männern nicht gleich viel wert wäre.

Unabhängig von der Berechnungsart zeigt sich, dass das Ausmaß an unbezahlter Arbeit während des Lockdowns beträchtlich gewesen ist. Dabei übernahmen Frauen den überwiegenden Anteil dieser Arbeiten. Auch wenn unbezahlte Arbeit durch Bepreisung der Erwerbsarbeit angenähert werden kann, sind unbezahlte Arbeit und bezahlte Arbeit nicht zwingend gänzlich substituierbar. Wichtig ist das Sichtbarmachen der unbezahlten Arbeiten, auch oder gerade, wenn wir uns der Frage stellen müssen, wie Eltern, vor allem Mütter, einen zweiten Lockdown (inklusive Schulschließungen) durchhalten können.

Die Autorinnen

Katharina Mader (Institut für Heterodoxe Ökonomie, WU Wien)
Judith Derndorfer (Forschungsinstitut Economics of Inequality, WU Wien)
Franziska Disslbacher (Arbeiterkammer Wien)
Vanessa Lechinger (Forschungsinstitut Economics of Inequality, WU Wien)
Eva Six (Forschungsinstitut Economics of Inequality, WU Wien)

Ergebnisse der Studie werden regelmäßig hier veröffentlicht: https://www.wu.ac.at/vw3/forschung/laufende-projekte/genderspezifscheeffektevoncovid-19

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