Alain Platel und Frank van Laecke stellen mit „Gardenia“ eine Travestie- und Transsexuellen-Show auf die Bühne, die berührt und überrascht.
Man weiß nicht: Soll man gebannt hinstarren oder beschämt den Blick senken? Geübt ist das Publikum jedenfalls nicht darin, alternden Transvestiten und Transsexuellen dabei zuzusehen, wie sie sich aus ihrer nach außen hin männlichen Haut (fade Anzüge, Gesundheitsschuhe) schälen und ihre müden Brüste, sehnigen Beine, kugeligen Bäuche zur Schau tragen als wären sie noch fest, frisch und rosig wie damals.
Die Scham verfliegt schnell.
Warum nicht? Warum nicht hinsehen, wie diese Menschen, die die Show, den Glamour, den großen Auftritt gewöhnt sind, noch einmal im Scheinwerferlicht glänzen. Und sie glänzen. Es ist eben mehr der Glanz von innen. Verzweifelt? Auch. Aber nicht nur. Enttäuscht? Vielleicht. Das Leben hat es nicht immer gut mit ihnen gemeint. Trotzdem ist da auch dieser Funken von damals, diese Erinnerung an Zeiten, als das Publikum fasziniert war davon, dass hinter diesem Vamp auf der Bühne, hinter den feinen, weiblichen Bewegungen, hinter dem Augenaufschlag mit den falschen Glitzerwimpern tatsächlich ein Mann stecken könnte.
Am Grat zwischen Show und Gespött
Die Verwandlungskunst, die Überzeugungskraft sind mit dem Alter nicht geschwunden. Ein jeder macht auf der Bühne eine schier unglaubliche Wandlung durch. Aus einem grauhaarigen, drahtigen Herren, der jederzeit als eben frisch pensionierter Bankdirektor durchgehen könnte, schlüpft eine Charleston-Tänzerin im weißen Flitterkleidchen mit Glitzerstrumpfhose. Ein eher verschlossen wirkender Typ mit kleinen, wachsamen Augen wandelt sich vor aller Augen in ein kokettes Petticoat-Blumenkind. Nur die (Gesundheits-)Schuhe verraten, dass das alternde „Fräulein“ mittlerweile nicht mehr ohne Orthopäden auskommt.
Doch was sie auch können. Sie werden nur nicht mehr gebraucht – schließlich sind sie alle längst am Abstellgleis des Showbusiness gelandet. Ausrangiert. Aber noch immer mit dem alten Dilemma, den alten Vorurteilen, der ständigen Gratwanderung, zum Gespött oder zumindest zum Zielpunkt eines ausgestreckten Zeigefingers zu werden. Eine Unsicherheit, die durch kein Maulheldentum übertüncht werden kann – weder durch unanständige Namen (man nennt einander „Lilly Fuck me Silly“ oder „The Queen of Blow-Jobs“), auch nicht durch schmutzige Witze.
Choreograf Alain Platel und Regisseur Frank van Laecke haben für „Gardenia“ eine erstaunliche, faszinierende und wirklich einzigartige Truppe zusammengestellt: sieben Männer, die in der Grauzone zwischen den Geschlechtern ihren Lebensweg beschreiten – „ausgestattet mit einem unbändigen Willen“, wie Platel ihnen bescheinigt. Dazu stellen die beiden eine „richtige Frau“, die charmant als „unser Engel“ vorgestellt wird, und einen die schrille Belegschaft kontrastierenden jungen Mann, der mit seinen langen Haaren und seiner vordergründig sehr sanftmütigen Erscheinung auch als Hauptdarsteller von „Jesus Christ Superstar“ durchgehen würde. Bis er in einem akuten Anfall von Aggression und Verzweiflung ziemlich drastisch vor Augen führt, dass auch Schönheit und Jugend nicht vor Verzweiflung und seelischem Schmerz schützen.
Unterhaltung siegt über Verbitterung
Platel und van Laecke sorgen aber dafür, dass nicht die Verbitterung obsiegt. Am Ende wird noch einmal der rote Teppich ausgerollt, der die längste Zeit am hinteren Bühnenrand seiner Verwendung harrte. Auf ihm schreiten die Protagonisten – stolz und teilweise nur mit Unterwäsche und Federboa bekleidet – noch einmal vor ihr Publikum. Es ist ein fast trotziger, natürlich auch wehmütiger Auftritt, in dem die alternden Diven zeigen, dass sie das Wichtigste im Geschäft nicht verlernt haben: trotz allem zu unterhalten.
IMPULS TANZ
■Von 15. Juli bis 15. August läuft Europas größtes Tanzfestival – „ImPuls Tanz“ in Wien. Es vermeldet 98 Prozent Auslastung bei 94.000 Besuchern.
■Alain Platels „Gardenia“ läuft noch am 14. und 15. 8. (21h) im Akademietheater.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2010)