Das Radio – und vielleicht bald das TV – braucht einen Chefredakteur. SPÖ und ÖVP suchen Einfluss. Ob Wrabetz bei der kommenden Generaldirektoren-Wahl wieder antritt, ist unklar.
Fast exakt ein Jahr vor der Neu- bzw. Wiederwahl des ORF-Generals dreht sich der Personalreigen munter weiter: Nachdem Bettina Roither zur Ö1-Chefin aufgestiegen ist, geht es um die Nachbesetzung der Radio-Chefredaktion. Sollte Karl Amon wie erwartet als Radiodirektor Willy Mitsche nachfolgen, wäre auch die Fernseh-Chefredaktion vakant. Zwei wichtige Posten, bei denen zumindest der Verdacht naheliegt, die Parteien wollten bei der Entscheidung ein Wörtchen mitreden.
Der Haussegen zwischen SPÖ und ÖVP hängt in Sachen ORF allerdings schief, seit ORF-General Alexander Wrabetz bei der Neubesetzung der Leitung der TV-Magazine die zwischen Rot und Schwarz bereits akkordierte Lisa Totzauer übergangen hat – und stattdessen Waltraud Langer bestellt hat. Dass nun Amon Hörfunk-Direktor werden soll, wird wie so vieles dem Betreiben von SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas zugeschrieben. Die ÖVP ist verärgert.
Wird Ströbitzer Radio-Chefredakteur?
Die Radio-Chefredaktion ist bereits ausgeschrieben: ORF2-Info-Chef Stefan Ströbitzer bestätigte der APA, sich beworben zu haben. Er war vor seinem Wechsel zu den „ZiB“s lange in der Radio-Information und fühle sich für den ausgeschriebenen Posten „bestens gerüstet“. Auch Radio-Innenpolitik-Chef Hannes Aigelsreiter hat sich beworben, wie er der „Presse“ bestätigt.
Eine in Beobachterkreisen ventilierte Variante ist: Ströbitzer könnte Radio-Chefredakteur werden und – nach einer Bestellung Amons zum Hörfunk-Direktor – Fritz Dittlbacher Fernseh-Chefredakteur. Das allerdings wäre ein Affront gegen die ÖVP, heißt es, weil Dittlbacher in schwarzen Kreisen nicht wohlgelitten ist. In einer anderen Version wird Aigelsreiter als Radio-Chefredakteur kolportiert, Ströbitzer als sein Pendant im Fernsehen – was vermutlich auf mehr Gegenliebe bei der ÖVP stoßen würde.
Was Wrabetz betrifft, so hat er sich noch nicht deklariert, ob er bei der kommenden Generaldirektoren-Wahl wieder antreten wird. Beobachter rechnen jedoch damit. Der kaufmännische Direktor Richard Grasl (er gilt als ÖVP-nah) wird nach der geplanten Zusammenlegung von Programm- und Informationsdirektion als Fernsehdirektor gehandelt. Auch die Wiedereinführung eines Generalsekretärs gilt als nicht unwahrscheinlich – zumal die neue Direktion auf vier Direktoren plus einen Generaldirektor verkleinert werden soll, womit im Falle eines großkoalitionären ORF-Friedens eine ungleiche Zahl an Direktorenposten für SPÖ und ÖVP zur Verfügung stände. Ein Generalsekretär könnte Abhilfe schaffen – gehandelt wird Nikolaus Pelinka, der eben die Leitung des SPÖ-„Freundeskreises“ im Stiftungsrat übernommen hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2010)