Das Leben ist ein Kampf von Gut und Böse. Bei Karl May und auch in Sankt Pölten.
Nach vielen Jahren der Vernachlässigung habe ich mich verpflichtet gefühlt, Karl Mays großen Bildungsroman „Der Schatz im Silbersee“ wieder zu lesen. Zuletzt hatte ich das Buch vor 41 Jahren verschlungen, als der verdiente Niederösterreicher Alois Mock in der Bundesregierung des Josef Klaus Unterrichtsminister war. Verdient sage ich deshalb, weil Mock damals die Idee zu Gratisschulbüchern hatte, die dann später unter Kanzler Bruno Kreisky tatsächlich eingeführt wurden.
Dafür bin ich dankbar; hätte es diese Aktion nicht gegeben, wäre das Bücherbudget unserer Familie vor allem für gebrauchte Stowasser und Atlanten ausgegeben worden statt für praktische Lebenshilfen wie „In den Schluchten des Balkan“, „Gefährliche Liebschaften“ oder „Il Principe“. Darunter hätte meine politische Bildung sicherlich gelitten.
Die Wildweststudie „Der Schatz im Silbersee“ aber, die im Oktober 1969 mein Lieblingsbuch war, habe ich seither vernachlässigt, weil es so viel Wichtiges zu tun gibt. Immerhin muss ich das Feuilleton der „Presse“ mit strengem Blick regieren, muss ständig Sachen unterschreiben oder Sommertheater in allen Vierteln des Landes besuchen. Da bleibt keine Zeit für Lektüre, da müssen Hände geschüttelt und Claims mit dem Weitblick des Trappers abgesteckt werden.
Weil aber, wie jeder gebildete Niederösterreicher weiß, Karl Mays 1890 in der Zeitschrift „Der gute Kamerad“ veröffentlichter Roman das Schatzkästlein ist, aus dem die fähigsten Landeshauptmänner (also auch die Landesregierung in Pölten, also auch die ÖVP weltweit samt Vizekanzler und Bauernbund) das nötige Know-how zur Bildungspolitik beziehen, ist der unerschöpfliche Silbersee Pflichtlektüre für jeden Pädagogen, der in Niederösterreich unterrichten darf und vom Bund bezahlt werden will.
Zum Buchinhalt: Das Leben ist ein Kampf von Gut und Böse, Schwarz und Nichtschwarz. Tunnel? Ganz schlecht. Mögen alle Feinde darin ersaufen! Zur Moral der Geschichte: Nur ein toter Roter ist eine guter Roter, außer er heißt Winnetou. Auf dem Land herrscht Blutrache. Wer den Großen Bären beleidigt, dem schneide man die Ohren ab. Fazit: Es ist ewiges Recht der Landeshäuptlinge, Minen auszubeuten, weit in der Prärie, hoch in den Rockies, vor allem, wenn es sich um Bundesschätze handelt. Damit kann man Schulen einfärben, Flughafen-Terminals bauen oder mit Wohnbaugeld spekulieren. Ganz ungeniert. Wie sagte schon Sam Hawkens 1962 im Film: „Ich irre mich nie. Wenn ich mich nicht irre.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2010)