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Arbeitswelten

Stephan Hürlemann im Interview: „Das Gewusel der Kollegen inspiriert mich“

Stephan Hürlemann mit den Dancing Walls: Rollregale, die je nach Bedarf Regal, Garderobe, Pinnwand oder Pflanzenwand sind.
Stephan Hürlemann mit den Dancing Walls: Rollregale, die je nach Bedarf Regal, Garderobe, Pinnwand oder Pflanzenwand sind.(c) Studio Hürlemann
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Wie der international tätige Büroplaner Stephan Hürlemann das flexible „Dancing Office“ entwickelte, warum Arbeit gut sichtbar sein soll und weshalb er viel motivierter arbeitet, wenn er die Geräuschkulisse der Bürokollegen hört.

Die Presse: Sie haben das „tanzende Büro“ entwickelt – was kann man sich darunter vorstellen?

Stephan Hürlemann: Das Dancing Office ist eine dynamische Arbeitsumgebung, die sehr anpassungsfähig ist. Mit dem Konzept wollte ich Firmen einen räumlichen Kontext bieten, der es erlaubt, schnell auf Veränderungen zu reagieren und entspannt in die Zukunft zu blicken.

Ist das nicht unbequem?

Im Gegenteil. Es macht Spaß. Hauptprotagonistin des Dancing Office ist die Dancing Wall, ein Trennwandsystem auf Rädern, das verschiedene Funktionen ausüben kann. Sie ist massiv und verlässlich, aber gleichzeitig so leicht und wendig, dass sie durch Drehen und Wenden umgestellt werden kann. Der Raum passt sich den Bedürfnissen an. Das Gefühl ist vergleichbar mit dem Hüttenbauen in der Kindheit oder wenn man seine Wohnung umstellt. Und: Die Möglichkeit der konstanten Veränderung kann zum Querdenken anregen und so Neues ermöglichen.

Wie funktioniert das agile Office?

Bei meinem Konzept nenne ich die dynamischen Bereiche Tanzflächen. Hier haben die Tische und Stühle Räder. Das wichtigste Element, die Dancing Wall, die ich mit Vitra entwickelt habe, kann als Regal, Garderobe, Pflanzenwand, Bildschirmwagen oder vertikale Arbeitsfläche mit schalldämmenden Pin- und Whiteboards dienen. Kombiniert man diverse Walls miteinander, entstehen unterschiedliche Räume. In meinem Studio sind die Board-Walls, die vertikalen Arbeitsflächen, die wichtigsten. Hier werden unsere Gedanken visualisiert, das Büro mit unserer Identität gefüllt. Jeder Mitarbeitende sieht, was das andere Team macht, und ist zwanglos informiert. Das ist meiner Meinung nach extrem wichtig und wird oft vernachlässigt: dass jeder, der zum Arbeitsplatz kommt, weiß, was die anderen tun. Es gibt in den Großraumbüros oft viel zu wenige vertikale Flächen für Teamarbeit und Sichtbarmachung von Gedankengut.

Die Elemente lassen sich leichtfüßig verändern und auch als Pinnwand benutzen.
Die Elemente lassen sich leichtfüßig verändern und auch als Pinnwand benutzen.(c) Studio Hürlemann

Und fix ist nichts?

Flexible Bereiche werden immer durch fixe Elemente wie die Küche und geschlossene Räume, etwa für Gespräche mit Diskretionsanspruch, ergänzt. Doch oft reichen wenige statische Räume aus. Die meisten Meetings könnten theoretisch auch in einem Restaurant stattfinden.

Welche Materialien verwenden Sie?

Echte Materialien wie Stein, Holz, Metall, Glas. Wenn etwas nach Holz aussehen soll, muss es auch Holz sein. Ehrliche Materialien altern auch besser, sie entwickeln eine gute Patina. Und natürlich spielt die Nachhaltigkeit eine große Rolle.

Hat Corona die Entwicklung beeinflusst?

Das Konzept hat sich dadurch sehr bestätigt. Man kann sich die jeweils passende Umgebung schaffen, mit mobilen Wänden trennen und schützen oder – wenn es die Grundfläche erlaubt – die Tische einfach einen Meter oder auch drei auseinanderrücken, ganz ohne Absperrungsbänder oder Leerstand. 

Was muss ein Arbeitsplatz noch können?

Vieles. Er muss sicher sein, technisch auf dem neusten Stand. Licht und Akustik müssen sehr gut sein. Wichtig ist, dass die Mitarbeitenden sich wohlfühlen. Es braucht auch Raum für Gespräche, Ideenfindung, Diskussionen, das Miteinander. Das funktioniert im Homeoffice nicht.

Fixe Elemente in Holz wie die Bibliotheksgalerie geben dem Raum Struktur.
Fixe Elemente in Holz wie die Bibliotheksgalerie geben dem Raum Struktur.(c) Studio Hürlemann

Arbeiten Sie lieber in Büro oder Homeoffice?

Eigentlich im Büro. Zu Hause kann ich sehr konzentriert an bestimmten Dingen feilen, aber mir fehlen die Gespräche und Diskussionen mit meinem Team, die Geräuschkulisse, der Geruch der Inspiration. Das Herumwuseln der anderen motiviert mich sehr, in ihrem Flow mitzuschwimmen, auch wenn ich an einem ganz anderen Projekt arbeite.

Was ist für Sie das wichtigste Büro-Accessoire?

Neben der Kaffeemaschine – als Treffpunkt für alle – vor allem die vertikalen Arbeitsflächen. Ich finde es faszinierend, wenn Ideen visuell Form annehmen.

Welche No-Gos gibt es bei der Gestaltung?

Für mich: wenn keine konzeptionelle Klarheit herrscht und stilistische Trends dominieren. Ich möchte gültige Werte schaffen, Räume und Dinge, die einem über einen langen Zeitraum begleiten. Modische Trends sind zu vergänglich und unsicher.

Gelingt das immer?

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Oft ist es schwierig, stilistische Trends von einem bleibenden Wert zu unterscheiden. Das einzige, das sie entlarvt, ist die Zeit. Ich habe diesbezüglich bestimmt auch schon falsche Entscheidungen getroffen.

Wie kann man Wissen aus der Bürogestaltung ins Homeoffice einbringen?

Wenn Mitarbeitende im Homeoffice Videogespräche führen, sieht man ihnen quasi ins Wohnzimmer – und das beeinflusst die Wahrnehmung der Kunden die Firma betreffend. Vielen Unternehmen ist der öffentliche Auftritt sehr wichtig, aber da klafft eine Lücke, da könnte man Lösungen finden. Von gebrandeten digitalen Hintergründen bin ich kein Fan – sie sind mir unangenehm, da sie implizieren, dass eigentlich etwas da ist, das man nicht sehen soll.

Zur Person

Stephan Hürlemann entwickelt Innenarchitektur-Projekte, Möbel, Produkte und Installationen. Mit Vitra (Österreich) arbeitet der Schweizer seit 2017 zusammen, etwa im Rahmen des aktuellen „Agility Office“.