Ich #9, entschlüsselt

Richard Powers, der neunte Mensch, dessen Genom komplett sequenziert wurde.

Boston, Harvard Club, August 2008. Ein brisanter Moment. Insbesondere für Richard Powers. „Nach einem halbwegs gesunden Mittagessen“, schreibt er, wird ihm ein Rosenholzkästchen überreicht, in dem ein USB-Stick liegt, auf dem die Daten von sechs Milliarden Basenpaaren gespeichert sind. Unter dem Stick liegt ein verschlossenes Kuvert mit einem Passwort. Nur das Anstecken des Sticks an seinen PC trennt Powers vom vollständigen Wissen um sein Genom.

Zum Kneifen ist es zu spät. Also los mit der Zeitreise in die Familienvergangenheit und -zukunft. Was aber bekommt er zu sehen, als er die Datei öffnet? Erst einmal eine grafische Darstellung von vier Chromosomenstreifen in Grün (gut), Gelb (neutral), Grau (unbekannt) und Rot (Gefahr). Powers hat den Eindruck, „dass es da eine Unmenge Rot gibt“. Immerhin hat man keine der bekannten Krankheiten entdeckt, die durch ein einzelnes Gen bestimmt wird. Aber, so sagt ihm der Interpret, er trägt 248 genetische Varianten in sich, die sein Risiko erhöhen, an zirka 77 Krankheiten zu erkranken. Etwa an Fettleibigkeit. Oder, so fragt er sich, sollte er nicht doch besser auf sein Alzheimer-Risiko achten?

Auf dem Rückflug studiert Powers sein Genom. Er entdeckt, dass nicht nur „amerikanisches Blut“ in ihm fließt. Acht Prozent seines genetischen Materials bestehen aus Varianten, wie man sie bei den Yoruba, einem Volk in Nigeria, gefunden hat. Für die Ahnenforschung also ab nach Afrika? Nützlicher scheint da schon die Information, dass es bei ihm eine Unverträglichkeit mit dem Blutgerinnungshemmer Warfarin gibt. Klar ist, er ist nicht derselbe wie vorher. „Jetzt weiß ich, was die Risiken sind, und wenn ich keine Maßnahmen ergreife, sie zu umgehen, ist alles Weitere meine Schuld.“


Wenn schon, dann alles wissen

Vermutlich war es die Beschäftigung des 1957 in Illinois geborenen Richard Powersmit naturwissenschaftlichen Themen, insbesondere mit der Hirnforschung, die ihn das Magazin „Gentlemen's Quartely“ fragen ließ, ob er Interesse hätte, einen Artikel über die Sequenzierung des Genoms zu schreiben. Also begann er zu recherchieren und stieß auf „Knome, Inc.“, ein Unternehmen, das Leute suchte, die bereit wären, ihr gesamtes Genom entschlüsseln zu lassen. Warum sich mit kleinen Gesundheitstests zufriedenzugeben, wenn man „die ganze Story“ haben kann, dachte er – und meldete sich.

Firmenchef George Church war der Ansicht, dass Genom-Informationen nur dann sinnvoll seien, würden Zehntausende von Genomen einzelner Menschen verglichen und gedeutet werden. Dazu ist es nötig, das Wissen zu teilen. Church wischte die Bedenken bezüglich Datenschutz mit dem Argument beiseite, dass man einer potenziellen Diskriminierung im Arbeitsleben oder bei Versicherungen am besten durch Konfrontation begegnet. Er selbst hatte seine Krankenakten längst ins Netz gestellt.

„Darüber, wer ich bin, werde ich aus der Sequenz mit Sicherheit nichts erfahren“, resümiert Powers. Es scheint, dass immer mehr Wissen Ohnmacht erzeugt. Ein faustisches Phänomen. Unwillkürlich denkt man an Google. Für den digitalen Riesen sind wir völlig transparent – und doch weiß er nichts von uns. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2010)