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Leitartikel

Die USA hätten bessere Kandidaten für das Weiße Haus verdient

(c) imago images/ZUMA Wire (Bob Daemmrich via www.imago-images.de)
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Die TV-Debatte von Präsident Donald Trump und Joe Biden war beschämend niveaulos und inhaltsleer für eine Weltmacht wie die Vereinigten Staaten.

In der Geschichte der US-Präsidentschaftsdebatten markiert das erste TV-Duell zwischen Amtsinhaber Donald Trump und Joe Biden einen absoluten Tiefpunkt. Keiner der beiden Kandidaten stellte auch nur ansatzweise eine Vision vor. Die Diskussionsthemen dienten lediglich als Schlammbecken für persönliche Beleidigungen. Eine argumentative inhaltliche Auseinandersetzung fand nicht statt.
Von Donald Trump ist man schon einiges gewohnt. Er hat sich auch diesmal nicht an Grundregeln der Höflichkeit und des Anstands gehalten. Andauernd unterbrach er seinen Kontrahenten und den überforderten Moderator. Ob instinktiv oder aus Kalkül: Trumps Ziel war es offenbar, Biden aus der Fassung zu bringen. Und das ist ihm gelungen.
Falls sich Biden vorgenommen haben sollte, präsidentiell zu wirken, ist der Versuch gründlich daneben gegangen. Von souveräner Gelassenheit war bei ihm nicht viel zu bemerken. „Halt die Klappe, Mann“, rief er dem ständig dazwischenredenden Trump in einem frühen Stadium der entgleitenden Debatte entnervt zu. Ein bemerkenswert respektloser Umgangston mit einem Staatsoberhaupt, das allerdings selbst alles unternommen hat, um dem Amt die Würde zu nehmen.

In der rhetorischen Jauchegrube

„When they go low, we go high“ („Wenn die anderen tief werden, heben wir das Niveau“), erklärte die frühere First Lady Michelle Obama 2016 auf dem Parteitag der US-Demokraten, um sich von Trumps herabwürdigendem Stil abzugrenzen. Biden sieht das offenbar anders. Er warf sich in seiner Debatte mit Trump unbeherrscht in die rhetorische Jauchegrube – und bezeichnete den US-Präsidenten abwechselnd als Clown, Rassisten oder Putins Schoßhund. Umgekehrt bescheinigte Trump seinem Gegner, „nichts Smartes“ an sich zu haben. Die zwei alten Männer führten sich auf wie zwei Schulbuben mit Testosteronüberschuss im Pausenhof. Sie blieben einander in ihrem untergriffigen Gehabe nichts schuldig. Kinder sollten ferngehalten werden von Videoaufzeichnungen dieser Debatte. Sie können dabei nur Schlechtes lernen.

Halbherzige Distanzierung von Rechtsextremen

Unverzeihlich ist, dass Trump es erneut nicht zuwege gebracht hat, sich unmissverständlich von Rassisten zu distanzieren. Als der Präsident dazu aufgefordert wurde, appellierte er an die „Proud Boys“, sich zurück- und bereitzuhalten. Die rechtsextreme Gruppe hat die freundliche Erwähnung in sozialen Medien gleich freudig bejubelt. Trump fuhr zudem fort, Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Briefwahlen zu säen und damit den demokratischen Prozess zu unterminieren. Das ist unwürdig für ein einstiges Vorzeigeland wie die USA. Biden wiederum schwieg, als ihn Trump fragte, ob die US-Demokraten vorhätten, das Oberste Gericht personell aufzustocken, um so die Nominierung der konservativen Höchstrichterin Amy Coney Barrett auszutarieren. Auch das ist nicht unbedingt ein Beitrag zur Entschärfung des US-Kulturkampfs.

Kaum Stimmen bewegt

Der Watschentanz hat viele Wähler abgeschreckt, Stimmen hat er vermutlich kaum bewegt. Die meisten Amerikaner haben sich ohnehin festgelegt, nur noch zehn Prozent sind unentschlossen. Am Ende wird der Urnengang ein Referendum über Trump sein. Er mobilisiert Anhänger und Gegner gleichermaßen. Wenn Joe Biden gewinnt, und so sieht es derzeit aus, dann deswegen, weil eine Mehrheit Trump ablehnt. Ohne Ausbruch der Coronapandemie, die Trump anfangs fahrlässig unterschätzt hatte, hätte er angesichts der bis dahin ausgezeichneten Wirtschaftsentwicklung beste Chancen auf eine Wiederwahl besessen – bei einem schwachen Widersacher wie Biden.

Biden ohne Feuer

Dem 77-jährigen Kandidaten der US-Demokraten fehlt das Feuer. Einen geringeren Energiepegel hat wohl kaum je ein ernsthafter US-Präsidentschaftsbewerber ausgestrahlt. Nach einem Sieg von ihm mögen viele erleichtert sein, dass Amerika in ruhigeres Fahrwasser kommt. Eine Aufbruchstimmung ist jedoch nicht zu erwarten. Und als Versöhner wird einer, der selbst dermaßen beleidigend agiert wie Biden, auch kaum glaubwürdig sein. Über das Personalangebot der Weltmacht Nummer eins für das höchste Amt kann man sich nur wundern.