Die Region um den Siljansee füllt einen riesigen Meteoritenkrater. Die Dörfer erfüllen jede idyllische Erwartung. Und alles, fast alles, ist erlaubt. Ist doch zu schön, um wahr zu sein.
Der Krimiautor Håkan Nesser hat sich einmal den Spaß gemacht, die deutschen Covers schwedischer Krimis genauer zu betrachten, auch die seiner eigenen Titel: Neun von zehn Buchumschlägen zeigen ein kleines rotes Holzhaus. Weil nämlich dieses kleine rote Holzhaus den Deutschsprachigen angeblich zuallererst einfällt, wenn sie an Schweden denken. Dann erst dürften in unserer Assoziationskette Elche und Sozialstaat, Birken und Blondinen folgen.
Nesser benennt in „Geo“ den Grund dafür ganz treffend mit Astrid-Lindgren-Idyll. Ja, so friedlich, so unbeschwert und so ländlich wie in Bullerbü hätten wir's auch gern. Ein kleines Dorf, ein kleiner See, lustige Leute wie bei Michel aus Lönneberga.
Und tatsächlich: Sosehr dieses kleine rote Haus ein Klischee bedient, sosehr entspricht es doch der Wirklichkeit. Dalarna wirkt rot. Diese sanfte Wald- und Seenlandschaft im Herzen von Schweden hat eine lange (Industrie-)Geschichte, und von dort stammt so viel altes Kunsthandwerk, dass Ikea-Designer noch jahrzehntelang daraus schöpfen können.
Rostrot sind die Häuser oft bis in die letzte Holzfaser, als gälte es, eine Verordnung einzuhalten. Höchst selten einmal besitzt ein Hauseigentümer die Dreistigkeit, die puppenstubenartigen Dorfensembles mit Fertigputz zu stören.
Dieser Eindruck verdichtet sich noch einmal um den Siljan herum. Der große, tiefblaue See mit seinen Nebenschauplätzen gilt nicht nur deutschsprachigen Romantikern, sondern auch den Skandinaviern als Inbegriff alles Schwedischen. Ein einziges Bilderbuch-Sommerfrische-Idyll. So intakt, fast zu schön, um wahr zu sein. Und so findet man an den weitläufigen Ufern des Siljan eben beide Anhänger: viele Skandinavier, viele Deutschsprachige, die sich zum Glück gut verlaufen.
Blümchen, Pferdchen
Rasenmähertraktoren knattern um die Ferienhäuser, Kaminholz fügt sich zu geometrischen Stapeln, selbst das Heu ist akkurat aufgeschichtet. Dazwischen dürfen Wiesenblumen wachsen. Nur wenige Grundstücke sind eingezäunt – was hat der Klischee-Schwede schon zu verbergen? Und wenn doch, dann sind diese Holzzäune niedrig und luftig gewunden, eine alte Technik. Vermutlich haben das schon die Wikinger so gemacht.
Es sind auch nicht gerade die Ärmsten, die hier rund um hübsche Städtchen wie Leksand oder Mora – die Heimat des Impressionisten Anders Zorn und Zielort des Wasalaufes – zweitwohnen und die Bautraditionen hochhalten. Ein Stückerl des Idylls fällt da auch für den Urlauber ab, denn solche adretten Häuser – Hütte („stuga“) wäre eine starke Untertreibung angesichts ihres Komforts – kann er ganz einfach mieten. Ein paar gute schwedische Krimis, Wanderschuhe und Neugier auf die 106 zum Teil wirklich kuriosen Museen im Umkreis einmal vorausgesetzt, bewohnt er sie dann ohne einen Anflug von Langeweile. Er übt sich als Selbstversorger. Er freut sich, dass Bier im Supermarkt preislich ein Mehrfaches unter der Gastronomie liegt. Vielleicht legt er sich sogar neue Essgewohnheiten zu: Knäckebrot in der Großpackung, Köttbullar (Fleischbällchen) aus der Dose, Kaviar aus der Tube.
In einem besonders putzigen Dorf wie Tällberg am Ostufer des Siljan befinden sich auch einige Boutiquehotels. Das sind dann Häuser mit mehrhundertjährigem Gebälk und Bleiglasscheiben. Da werden Blümchentapeten und hölzerne Dalapferdchen, (schwedens berühmtester Dekogegenstand) mit modernem Skandi-Design kombiniert. Da gibt es selbst gemachte Moltebeermarmelade zum Frühstück und am Nachmittag Kränzchen mit Kaffee(tanten) und Kuchen. Und erst der Blick vom Bett aus – so einen See wie den Siljan hätten Österreicher gern vor der Haustür: Die unverhüttelten Ufer geben Schwimmern, Fischern und Paddlern nicht nur die Illusion, ohne Besitzstörung das Wasser zu erreichen.
Kommt eh der Komet
Dichter Wald scheint die weit verstreuten Siedlungen zu verschlucken – keine Bausünde trübt das Balkonpanorama. Man muss schon auf einen der Aussichtstürme oder auf die Hügel rundherum hinaufsteigen, um die nächsten Kirchturmspitzen und das nächste größere Wasserloch auszumachen. In jeder Richtung bietet sich ein ähnliches Bild: Fichten, Birken, Seen, Fichten, Birken, Seen. Schon eine Augenweide im Sommer, verwandelt sich das Setting im Herbst in einen Farbflash.
s-6;0Geologisch geprägt ist die Siljan-Region durch einen der heftigsten Meteoriteneinschläge. Nichts ahnt der Schwimmer von Europas größtem Einschlagskrater unter ihm. Auch nicht der Spaziergänger in Rättvik, wo das längste Pier Skandinaviens so weit in den See hineinragt (628 Meter), dass er sich den Marsch dorthin zweimal überlegt. In „Dalhalla“ kommt man der kosmischen Katastrophe vor geschätzten 360 Millionen Jahren schon etwas mehr auf die Spur, in dem alten Steinbruch sind auffällige Gesteinschichten zu sehen. In dieser Arena gehen heute Spektakel über die Bühne. Wenn es denn große Spektakel gibt. Die Abendsause muss sich der Gast am Siljan schon selbst machen, sofern er nicht zu Mitsommernacht da ist und mit Zigtausenden feiert. Das heißt aber keinesfalls, dass es wenig Programm gibt. Nur dezenter eben, eine Konzertreihe dort, ein Festival, eine Vernissage da. Der Gast kommt ja in erster Linie zum Abhängen. Dafür darf er auch alles tun. Fast alles.
ss-7;0Das heißt zum Beispiel wild campieren – in Respektabstand zu den Nachbarn. Oder an einem einsamen Seeufer das Boot zu Wasser lassen. Dort eine Feuerstelle zu bauen und alles Hartholz zu verheizen, das rundherum liegt. Man darf sich durch Heidelbeerschläge mampfen, Massen davon wachsen auf dem watteweichen Waldboden. Und Pilze sammeln, sofern man sich traut, unbekannte Exemplare mitzunehmen. Niemand, der zufällig vorbeikommt, wird sich über Leute wundern, die gerade einen Fisch grillen. Es gilt in der schwedischen Natur das „Allemannsrätt“, ein Recht nach der Devise „nicht stören, nicht zerstören“.
sZores kann nur bekommen, wer das Feuer nicht ordentlich ausmacht und den anderen mit der Outdoor-Session in seiner Privatheit stört. Da sehen die Anrainer dann wahrscheinlich rot. Rostrot. Falunrot – „faluröd“.
Farbe aus der Kupfergrube
Was hat es mit der geheimen Nationalfarbe auf sich? Man nutzte sie früher, um Holzhäusern den Anschein zu geben, ein feudaler Backsteinbau zu sein. Der Hauptbestandteil stammt aus der Gegend. Nicht weit vom Siljan entfernt liegt die riesige Kupfergrube von Falun, die etwa E. T. A. Hoffmann aufs Unheimlichste beschrieben hat. Rotmulm, ein Nebenprodukt der Kupferproduktion, wurde mit Leinöl und Wasser vermischt und schwedenweit verstrichen. Der Abbau ist seit 1992 aufgegeben, nicht mehr Bergleute, sondern viele Besucher fahren in die Grube. Von der „Falu Rödfärg“ gibt es noch große Restbestände, die man nur unerheblich verkleinert, wenn man nach dem Trip in das Innere des Berges ein paar Dosen mitnimmt. Aber für die Gartenmöbel wird es schon reichen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2010)