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Interview

Larissa Kravitz: „Wer jetzt investiert, kauft Zeit in der Zukunft“

Sparen. Expertin Larissa Kravitz rät zu strengem Kostenbewusstsein.
Sparen. Expertin Larissa Kravitz rät zu strengem Kostenbewusstsein.(c) Beigestellt
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Arbeiten ist zu wenig – es braucht auch Erarbeiten, sagt „Investorella“ Larissa Kravitz. Geheimrezepte gibt es nicht: Mit Geldanlage sollte man früh anfangen und immer dranbleiben.

Die sind Sie zu Aktien gekommen? Wie wird frau zur „Investorella“?

Larissa Kravitz: Meine Eltern waren Banker, in Sachen Gelderziehung waren sie aber nicht besser als andere. Ich habe mich für das Thema selbst interessiert und mit 14 bis 15 die ersten Aktien gekauft. Wer an einem Tag das Fünffache des Taschengeldes verdient, kommt schnell auf den Geschmack . . . Als ich die erste Dividende am Konto entdeckt habe, habe ich bei der Bank angerufen, warum ich Geld bekommen habe – ich wusste noch gar nicht, was eine Dividende ist und musste das dann schnell im Internet recherchieren.


Nach Ihrer Finanzkarriere sind Sie Expertin für das Thema Frauen und Investment geworden. War das geplant?

Ich wollte nie Workshops für Frauen machen – ich habe einfach in einer Facebook-Gruppe gefragt, ob ich etwas über das Thema erzählen soll und 120 haben sich gemeldet. Ich treffe viele Frauen um die 30 Jahre, die den Pensionsschock der Eltern merken und dagegen vorbeugen wollen. Private Altersvorsorge wird allgemein stark zum Thema. Mein Traum ist, dass junge Frauen in der U-Bahn nicht über Jungs und Partys reden, sondern über das Investment. Dafür gilt es, sich im Vorfeld zu informieren und sich laufend mit dem Thema zu beschäftigen. Denn das größte Risiko bei der Geldanlage ist, zu investieren, ohne dass man sich auskennt.

 

Warum ist es notwendig, sich bereits in jungen Jahren aktiv mit Geldanlagethemen zu beschäftigen?

Mehr verdienen und dann auch mehr ausgeben ist eine Falle, in die viele tappen: Arbeiten ohne Erarbeiten. Als Mittelschicht-Mensch kommt man leicht in die Situation: Man hat eine tolle Wohnung, ein teures Auto, macht viel Urlaub . . . Es bleibt aber nichts über, weder zum Leben noch zum Investieren. Wer nur im Hamsterrad aus Konsum und Jobroutine schwitzt, vergisst interessante Begegnungen mit anderen Menschen – diese kosten aber nichts! Wer jetzt investiert, kauft Zeit in der Zukunft – mit Konsum und Schulden verkauft man die zukünftige Zeit. Ich empfehle daher: Es gilt zunächst, die Kosten im Griff zu haben.

 

Warum beschäftigen Sie sich gerade mit Frauen und Finanzen? Gelten die Tipps auch für Männer?

Gerade Mütter müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie ihre Zeit im Leben einteilen wollen. Wer früh mit dem Investment beginnt, schafft sich ein Zeitpolster für später, für die Familie und sich selbst. Dazu kommt das Abhängigkeitsthema – in Österreich ist das vielleicht nicht so ausgeprägt, aber Frauen sollten von Männern selbst temporär nicht abhängig sein, auch in der Kindererziehungszeit nicht. Ein Machtgefälle entwickelt sich, die Trennung ist oft aus finanziellen Gründen nicht möglich. Auch im Beziehungsstreit geht es in erster Linie um das Geld.

„Mein Traum ist, dass junge Frauen in der U-Bahn nicht über Jungs und Partys reden, sondern über das Investment.“

Larissa Kravitz, Buchautorin und „Investorella“

Sie empfehlen diversifizierte Portfolios – investieren statt spekulieren. Warum eigentlich?

Anlageziele sind individuell, wie auch die Risikobereitschaft. Das Risk Parity Portfolio, das vom US-Hedgefonds-Manager Ray Dalio entwickelt wurde, verbindet aber den Zugang zu verschiedenen Assetklassen mit einer laufenden Neugewichtung, wofür man sich mit dem Thema immer wieder auseinandersetzen muss. Deswegen ist es gerade für Investment-Anfänger sehr empfehlenswert.

 

Wie kann Finanzbildung in der Praxis helfen?

Ich finde Finanzbildung sehr wichtig: Ich merke es bei meinen Workshops, dass viele Anfänger, die wenig Vorwissen haben, ausgerechnet mit Kryptowährungen oder Crowdinvesting in die Finanzwelt einsteigen, die im Internet als sexy beworben werden – und dabei die Risiken massiv unterschätzen. Ein ETF oder ein Fonds ist vielleicht nicht so sexy, wäre aber vielleicht sinnvoller.

 

Die Finanzwelt ist nach der Pandemie eine andere geworden – wir leben in einem Umfeld aus Notenbanken-Geldspritzen, dauerhaften Niedrigzinsen und Aktienbewertungen, die durch die Decke gehen. Wird es auch neue Regeln für die Geldanlage brauchen?

Ich habe in meiner Investment-Karriere schon ein paar Krisen miterlebt: Das Platzen der Technologieblase, die Finanzkrise, jetzt die Pandemie . . . Immer hieß es, dass ab morgen alles anders wird – um nachher zu erkennen, dass die Grundregeln der Geldanlage immer Bestand haben. Eine fundamentale Veränderung, die nach der Covid-Krise bleibt, ist aber die Digitalisierung. Das wird sich auch an der Börse bemerkbar machen. Zusammenfassend gilt: Natürlich gibt es Sektoren, die jetzt Probleme haben, doch fundamental betrachtet werden Aktien von soliden Unternehmen immer ein gutes Investment bleiben.

Zur Person

Larissa Kravitz war zwei Jahrzehnte in Finanzunternehmen in Wien und im Ausland tätig. In ihrer zweiten Karriere ist sie Buchautorin („Money, honey!“), hält Investment-Workshops für Frauen ab und bietet auch mit ihrem Podcast „Investorella“ Frauen wie Männern Chancen, alles rund um Finanzmärkte und nachhaltige Investments zu lernen.

("Die Presse - Finanzwissen", Print-Ausgabe, 02.10.2020)