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Interview

Marietta Babos: „Ein finanziell selbstbestimmtes Leben führen zu können ist ein kostbares Gut“

Marietta Babos.
Marietta Babos.(c) Richard Tanzer
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DAMENSACHE.AT-Gründerin Marietta Babos hat sich zum Ziel gesetzt, alle drei Säulen der Vorsorge zu stärken. Sie sagt: Aktives Investment ist der Schlüssel zur finanziellen Unabhängigkeit – gerade für Frauen ein besonders wichtiges Thema.

Wie haben Sie angefangen, sich mit dem Thema Frauen und Investment zu beschäftigen?

Marietta Babos, Gründerin DAMENSACHE.AT: Ich habe lange in der Top-Management-Beratung gearbeitet und an der Universität St. Gallen in der Schweiz, an der Fakultät Banking & Finance, promoviert. Als mein Vater plötzlich verstorben ist, hat meine verwitwete Mutter so wenig Pension bekommen, dass sie nach Berücksichtigung ihrer monatlichen Fixkosten nur drei Euro pro Tag zur Verfügung gehabt hätte. Das hat mich sehr stark persönlich beschäftigt und ich habe herausgefunden, dass es ein systembedingtes Phänomen ist. Um das zu ändern, habe ich 2018 die unabhängige Initiative DAMENSACHE.AT ins Leben gerufen. Meine Mission ist es, Frauen über Finanz- und Altersvorsorge aufzuklären und sie dazu zu motivieren, rechtzeitig vorzusorgen, damit sie ein finanziell selbstbestimmtes Leben in jedem Alter führen können. Das österreichische Pensionssystem ist ein Drei-Säulen-Modell, bestehend aus der staatlichen, betrieblichen und privaten Vorsorge. Daher engagiere ich mich in Arbeitsgruppen rund um die staatliche Alterspension. Zweitens halte ich oft auf Einladung von Vorständen und Betriebsräten Vorträge bei Unternehmen, als Teil des betrieblichen Vorsorgeangebotes für ihre Mitarbeiter. Drittens kläre ich über die Möglichkeiten der privaten Vorsorge auf, im Rahmen von kostenlosen Webinaren und Beratungsgesprächen, gemeinsam mit meinem österreichweit aktiven Team.

„Mein Ziel ist, zu erreichen, dass wir Frauen bewusster mit der finanziellen Unabhängigkeit umgehen.“



Was ist die Zielsetzung von DAMENSACHE.AT?

Ich finde, ein finanziell selbstbestimmtes Leben führen zu können ist ein kostbares Gut, das ich jedem wünsche. Als allgemeiner Fakt gilt, dass wir Frauen mit Hinblick auf unsere Erwerbsbiographie und Lebenserwartung spezifisch vorsorgen und uns absichern sollten. Mein Ziel ist, zu erreichen, dass wir Frauen bewusster mit der finanziellen Unabhängigkeit umgehen. Wir empfehlen Anlageformen, die zu den persönlichen Zielen, zur individuellen Lebens- und Einkommenssituation, zur Risikobereitschaft und zu den moralischen Prinzipien, Stichwort Nachhaltigkeit, am besten passen.

 

Die Empfehlungen von DAMENSACHE.AT gelten also mehrfach auch für Männer. Warum sind aber gerade Frauen stark getroffen, sich um das Thema private Vorsorge zu kümmern?

Frauen haben oft andere Erwerbsbiografien (siehe Grafik) – nicht nur, weil Männer laut der Statistik mehr verdienen. Frauen kümmern sich nach wie vor mehr um Haushalt und Kindererziehung und arbeiten häufiger und länger in Teilzeit, was sich in der Pensionshöhe massiv niederschlägt. Dazu kommt, dass die Scheidungsrate allein in Wien über 40 Prozent liegt, viele heiraten gar nicht erst. Zudem leben Frauen statistisch betrachtet fünf Jahre länger. Ich sage daher oft scherzhaft, dass es strategisch klug ist, einen fünf Jahre jüngeren Partner zu finden. Fakt ist, dass die meisten Frauen die letzten zehn Jahre ihres Lebens alleine finanzieren müssen. Die Thematik ist zweischichtig: Einerseits haben Frauen weniger Einkommen während der Erwerbsphase, andererseits bekommen sie weniger Pension, weil sie weniger ins staatliche Pensionssystem einzahlen. Verbunden mit der längeren Lebenserwartung – mit jedem erlebten Jahr erhöht sich die Lebenserwartung um drei Monate – droht ohne finanzielle Vorsorge tatsächlich vielen Frauen in der Pension ein deutlich geringeres Budget. Die Altersarmutsfalle entsteht überwiegend durch Abhängigkeiten. Daher appelliere ich dafür, nicht nur die pensionsrechtlichen Konsequenzen zu berücksichtigen, sondern viel mehr die eigene Kraft für finanzielle Selbsterhaltung der Frauen zu stärken. Ich bin Verfechterin der finanziellen Unabhängigkeit und halte es für wichtig, das Niveau der Erwerbsfähigkeit zu halten und zu erhöhen.

Sind Männer also weniger von der Pensionslücke betroffen?

Es gibt zwei Arten von Pension Gap: Einerseits der Unterschied Mann und Frau, aber viel wichtiger ist die eigene Pensionslücke, nämlich der Unterschied zwischen Letztgehalt und Erstpension. Diese ist natürlich auch für Männer relevant und beträgt durchschnittlich rund minus 30 Prozent, daher kommen sie an der privaten Vorsorge ebenfalls nicht vorbei. Frauen fallen sogar auf nur 50 Prozent ihres vorherigen Einkommens zurück, was ein erheblicher Einschnitt ist.

 

Welche Art der Vorsorge ist die richtige?

Wir zeigen bei DAMENSACHE.AT alle Veranlagungsformen mit ihren Vor- und Nachteilen im Detail auf. Außerdem erklären wir die steuerlichen Unterschiede der verschiedenen Möglichkeiten, die recht groß sein können. Das Portfolio wird immer individuell zusammengestellt. Aber für alle gilt, am besten früh anzufangen und einen Teil des Konsums zu verschieben, um Geld für die Pension investieren zu können. Denn exponentielle Kurven leben von der Laufzeit: Wer 20 Jahre später anfängt, muss schon das Dreifache investieren, um den gleichen Effekt zu erzielen. Als Faustregel hat es sich erwiesen, immer zehn Prozent des verfügbaren Einkommens für die Pension anzulegen, um den Lebensstandard halten zu können.

 

Wer in Immobilien, Edelmetalle oder Finanzprodukte investiert, muss dafür viel Zeit aufwenden. Wie oft sollten sich Investoren mit ihrem Depot beschäftigen?

Das ist so wie die Kontrolle beim Zahnarzt oder der Gesundheitscheck: Ich empfehle, sich mindestens einmal im Jahr mit unabhängigen Finanzexperten mit dem Thema zu beschäftigen. Und es muss nicht jede Frau oder auch jeder Mann gleich Aktien kaufen. Ein strukturiertes und diversifiziertes Wertpapierdepot ist für viele eine gute Lösung. Auch mit Immobilien kann man beispielsweise zusätzlich ein passives Einkommen aufbauen. Bei Investitionsentscheidungen ist der Zeit horizont ein wichtiger Faktor.

„Besonders jungen Frauen, die noch genug Zeit haben, rate ich, ihre Vorsorge maßgeblich für sich selbst zu gestalten.“

Sie haben unlängst auch eine Studie zum Thema Bewusstsein der Vorsorge-Thematik bei Frauen durchgeführt, in Kooperation mit der Wirtschaftsuniversität Wien. Welche Ergebnisse waren dabei besonders überraschend?

Fast 90 Prozent sehen die Verantwortung für die finanzielle Absicherung bei sich selbst. Dementsprechend wären sie bereit, dauerhaft rund 200 Euro, also zehn Prozent ihres Nettogehalts zur Seite zu legen. Gleichzeitig kennt jede vierte Befragte von Altersarmut betroffene Frauen. 73 Prozent würden daher gern eine unabhängige Plattform oder Veranstaltung besuchen, auf der sie sich zu finanziellen Vorsorgethemen informieren, weiterbilden und beraten lassen können. Das erklärt auch das hohe Interesse an unseren Veranstaltungen und Webinaren.

 

Ist das Thema Vorsorge für alle Frauen wichtig? Oder sind beispielsweise junge Akademikerinnen weniger betroffen, weil sie bessere Chancen auf ein höheres Einkommen und damit eine Absicherung von der ersten Säule haben?

Wir schlittern auf einen Pensionswandel mit ähnlichen dramatischen Auswirkungen wie dem Klimawandel zu. Junge Frauen müssen sich der Gefahr daher besonders bewusst sein. Ganz toll ist es, wenn Eltern mit ihren Kindern schon über Vorsorge sprechen und sie in der Finanzbildung unterstützen. Ich empfehle auch, sich den persönlichen Pensionskontobescheid online anzusehen, da die eigene Pensionsanwartschaft oft überschätzt wird. Besonders jungen Frauen, die noch genug Zeit haben, rate ich, ihre Vorsorge maßgeblich für sich selbst zu gestalten. Ich habe selbst eine Tochter, für die ich mir eine gute Zukunft wünsche. Das ist mein Beitrag für eine bessere Welt.

Zur Person

Marietta Babos hat ihr Wirtschaftsstudium als Makroökonomin in Budapest und Wien absolviert und anschließend zwölf Jahre lang bei einem der führenden Strategieberatungsunternehmen für 70 unterschiedliche Unternehmen, an Projekten mitgewirkt. Ihre Dissertation in St. Gallen bekam eine Bestnote und wurde auch in Buchform veröffentlicht. Babos gründete DAMENSACHE.AT 2018 als unabhängige Beratungsplattform.

("Die Presse - Finanzwissen", Print-Ausgabe, 02.10.2020)