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"Salt" im Kino: Warum soll das plausibel sein?

Salt Warum soll plausibel
(c) Sony
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Im Thriller »Salt« überzeugt Angelina Jolie – ob als flamboyante KGB-Spionin oder als strenge CIA-Agentin mit aus dem Gesicht frisiertem Haar. Der Film steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit dieser Figur.

Die Frau liegt blutüberströmt am Boden, wird geschlagen und getreten, bestreitet immer wieder, eine amerikanische Spionin zu sein. Schließlich kommt es zum Geiselaustausch: Ein Kollege nimmt sie in Empfang, bringt sie raus aus Nordkorea, zurück in die USA. Evelyn Salt ist eine CIA-Agentin und wechselt Identitäten wie andere die Unterwäsche; sie ist ein Gefäß, das mit beliebigen Flüssigkeiten angefüllt werden kann. Im Zentrum des Films steht demnach auch nicht die Lösung eines Konflikts – und Zielpunkt ist für die Handlung keiner absehbar: Salt, der Film, mutiert wie Salt, die Hauptfigur, kontinuierlich, ist ein über weite Strecken aufregendes Spiel mit Schein und Sein, mit alten und neuen Travestien. Das Schreckgespenst des Kalten Kriegs entert die paranoiden USA in Gestalt des russischen Überläufers Orlov: Im Verhörzimmer eröffnet er den erstaunten Offizieren (darunter Liev Schreiber und Chiwetel Ejiofor), dass die seit Jahrzehnten geplante Sowjet-Operation „Tag X“ begonnen hätte. Endziel: Die vollkommene Zerstörung der Vereinigten Staaten.


Nukleares Inferno. Zuerst wird der russische Präsident auf amerikanischem Boden ermordet, was einen weltpolitischen Klimakollaps auslöst. Dann stirbt der amerikanische Präsident, dann fliegen die Atombomben. Den zündenden Funken für das nukleare Inferno liefert laut Orlov ein KGB-Doppelagent, der den „Tag X“ seit langer Zeit in den USA vorbereitet. Dessen Name: Evelyn Salt. Der australische Regisseur Phillip Noyce, der in den Neunzigerjahren mit den beiden erfolgreichen Tom-Clancy-Verfilmungen Das Kartell und Die Stunde der Patriotensein inszenatorisches Gespür für Agententhriller bewiesen hat, interessiert sich zum Glück kaum für die politischen Fallstricke seines Stoffs: Salt ist frenetisches Unterhaltungskino und funktioniert gerade deshalb so gut, weil die Drehbuchautoren Kurt Wimmer und Brian Helgeland ihre Geschichte nicht mit Plausibilitäten oder schicken Aktualitätsbezügen unterfüttern. Immerhin: Was könnte anachronistischer sein, als den Kalten Krieg im zeitgenössischen Gewand wieder aufzuwärmen? Die aus dem Ruder laufende weltpolitische Stimmung und der drohende Atomkrieg haben jedenfalls keine Bedeutung an sich: Sie sind Entsprechungen von Evelyn Salts erodierender Seelenlandschaft, verweisen immer wieder zurück auf diese seltsam leblose, puppengesichtige Frau.


Flamboyant im Pelzmantel. In Rückblenden erfährt man ihre Geschichte, wie beim Frankenstein-Monster sieht man dabei weniger einer Entwicklung denn einer Kreation zu: Evelyn Salt verliert ihre Eltern bei einem Autounfall, wächst in der Sowjetunion auf und wird vermittels Gehirnwäsche zur perfekten Doppelagentin ausgebildet. Jolie, mit ihrer exotischen Schönheit ohnehin Projektionsfläche für alle heil- und unheilbringenden Fantasien dieser Welt, glänzt als Frau mit vielen Identitäten: Sie ist gleichsam schuldig und unschuldig, ihr nimmt man die strenge CIA-Agentin mit aus dem Gesicht frisierten Haaren ebenso ab wie die flamboyante KGB-Spionin im ausladenden Pelzmantel.


Kinetische Bilder? Welches Spiel Evelyn Salt spielt, diese Frage ist der fragile dramaturgische Kern von Noyces Thriller: Sein Film steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit dieser einen Figur. Salt gibt sich dabei, im Gegensatz etwa zu den thematisch ähnlich angelegten Bourne-Agentenfilmen, betont altmodisch: Die kinetischen Bilder des Oscar-gekrönten Kameramanns Robert Elswit (der bereits einen James-Bond-Film fotografiert hat) beeindrucken im Besonderen bei Evelyn Salts vielfachen Fluchtbewegungen, bleiben klassisch distanziert, übersetzen ihre Körperbewegungen in Kamerafahrten. Die sensationell choreografierten und umgesetzten Action-Sequenzen kommen mit einem Minimum an Computertricks aus und gehen über vor Texturen, fliegenden Körpern und Gegenständen, bleiben dennoch übersichtlich und dramaturgisch relevant: Mag die erzählte Geschichte auch ihre Durchhänger haben (im Besonderen wenn August Diehl als deutscher Freund von Salt auftaucht), selten hat man Action im zeitgenössischen Kino packender, aufregender und beeindruckender erfahren als in Salt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)