Der deutsche Filmstar gesteht, dass er und Nicholas Ofczarek geradezu verliebt ineinander sind, und er verrät, was ihm in seiner Kindheit Stiefvater Otto Sander zum Einschlafen vorgelesen hat.
Wie lange wollen Sie der Tod des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen sein?
Ben Becker:Einmal kann ich mir noch vorstellen, denn alle guten Dinge sind drei. Aber Salzburg geht einem manchmal schon aufs Gemüt. Du bist die ganze Zeit auf dem Trapez. Ich wohne jetzt etwas außerhalb und fahre 20 Minuten mit dem Fahrrad raus, um wenigstens ein bisschen den Rummel hinter mir zu lassen. Ständig hast du etwas zu tun und stehst im Mittelpunkt. Man lebt sozusagen auf dem Reinhardt-Platz.
Wie empfinden Sie diese Rolle des Todes, die Sie im zweiten Jahr offenbar ruhiger angelegt haben als im ersten? Man hat den Eindruck, Sie sorgen sich um Jedermann.
Jemand hat geschrieben, ich hätte im Vorjahr einen blechernen Hanswurst gespielt. Es ist doch doof, im Nachhinein etwas kaputt zu machen. Ich bin damals in eine fertige Inszenierung hineingeworfen worden und musste mich gegen dieses Trumm von Simonischek behaupten. Das habe ich mit Kraft gemacht. Der Tod war ein Monster, ein Böser. Diesmal wollte ich etwas anders machen. Ich verstehe mich mit dem Niki Ofczarek unheimlich gut, wir sind geradezu verliebt ineinander. Da gehen natürlich ganz andere Sachen, auch eigene Todeserfahrung habe ich verarbeitet. Ich war ja schon einmal beinahe weg, aus eigenem Verschulden, ich Trottel!
Sie sind vor drei Jahren beinahe an einer Überdosis gestorben.
Es war knapp, ich war auf dem Weg, ich weiß jetzt aber, dass das letztlich nicht weh tut. Einen weißen Tunnel habe ich nicht gesehen, da war Schwarz und Frieden. Aber ich bin noch nicht bereit zu gehen, ich habe noch einiges vor. Wenn man Leute um sich herum hat, die sich aufs Sterben vorbereiten, gibt es da auch einen erlösenden Moment. Das habe ich diesmal in meiner Interpretation berücksichtigt. Der Tod hat auch etwas Zärtliches. Viele Leute sagten dazu, der Jedermann und der Tod seien sehr eng miteinander, nahezu befreundet.
Gibt es Vergleichbares zur Todeserfahrung?
Tod und Geburt sind sehr nah beieinander, sagt man. Das sind aber für mich sehr normale Vorgänge. Ich war bei der Geburt meiner Tochter dabei. Zuvor hatten mir andere Männer erzählt, die Geburt eines Kindes sei das Größte, was man erleben könne. Ich bin aber nicht ausgeflippt und habe gesagt, „Ein Wunder!“, sondern das war für mich ganz natürlich. Gerührt war ich sehr, habe Rotz und Wasser geheult. Als ich den ersten Toten gesehen habe, war das auch normal für mich. Mir war klar, dass dieser Körper nichts mehr mit dem Menschen zu tun hatte, den ich mal kannte.
Wie bewältigen Sie den Tod?
Mit Weinen. Als ein Freund von mir starb, habe ich geschrien und nicht mehr aufgehört zu heulen. Man will diesen Menschen dann mit besten Gedanken bei sich behalten, sich an ihn erinnern. Der Tod ist ein Stück unserer Realität. Wenn ich den Tod hier spiele, geht mir das schon sehr nahe. Ich bin sehr allein, das merke ich auf der Bühne. Ich habe nichts, um mich festzuhalten, stehe sehr weit weg. Erst, wenn ich den Jedermann hole, habe ich in ihm einen Partner. Ich bewege mich auf sehr dünnem Eis. Bevor ich auf die Bühne gehe, mache ich mir jedesmal ins Hemd.
Sind Sie leicht gerührt?
Ich bin grundsätzlich nah am Wasser gebaut, mir ist eine Menge Fantasie in die Wiege gelegt worden. Bei jedem B-mäßigen Ami-Film heule ich.
Wer im „Jedermann“ spielt, ist zugleich auch eine Art Faschingsprinz für Salzburg...
Der „Jedermann“ ist schon auch ein Kasperltheater, das meine ich gar nicht abwertend. Ich spiele hier das Krokodil. Und Salzburg ist zur Zeit der Festspiele auch eine Art Disneyworld. Man wird auf der Straße als Tod angesprochen, da hat man keine Ruhe.
Die große Masse an Zusehern sind Sie von Ihren Lesungen aus der Bibel gewohnt...
Das war ein Wahnsinn! Eine Lesung mit 23.000 Menschen beim Katholikentag. Ich lese das aber nicht, um zu missionieren. Ich will nur zum Nachdenken anregen, und die Bibel ist auch literarisch ein fantastisches Buch. Mir gefällt in der Messe der Friedensgruß, der bewegt mich, das ist ein Moment des großen Glücks. Wenn sich dieses Gefühl auch nach meiner Lesung einstellt, dann ist sie mir gelungen.
Was bedeutet Ihnen die Bibel?
Ich bin in einem 68er-Haushalt groß geworden, bin also links geprägt, habe früh den dialektischen Materialismus gelesen, Engels, der interessiert mich gerade wieder, aber mich beschäftigen auch die großen Fragen, die in der Bibel gestellt werden, über den Menschen, seine Welt, das Zusammenleben.
Man hat Ihnen auch vorgeworfen, dass Sie die Bibel als Show zeigen...
Wenn es nach mir ginge, hätte ich da noch ein Pfund draufgelegt. Aber vergleichen Sie das mit großen Predigern in den USA und ihrer Show oder mit der katholischen Kirche. Warum hackt man nicht auf denen rum? Aber mir macht diese Kritik nichts aus, ich polarisiere grundsätzlich.
Sind Sie ein großes Kind geblieben?
Zum Leidwesen meiner Frau bin ich immer noch ein großes Kind. Als Kind bin ich nie zum Fußball gegangen. Ich bin reingegangen und habe mir in einem Schuhkarton ein Theater gebaut, habe bei uns im Keller eine Geisterbahn installiert und sehr jung die Theaterstücke meines Vaters nachgespielt, diese großartigen Inszenierungen aus den Siebzigerjahren. Ich habe immer gespielt, das mache ich jetzt noch. Ich liebe es, Bühnenbilder zu schaffen.
Sie kommen aus einer großen Schauspielerfamilie. Ihr Stiefvater Otto Sander hat eine markante Stimme, die der Ihren frappant ähnelt. Wie kommt das?
Wir wissen das auch beide. Wie der Hund, so das Herrchen. Ich bin ja mit ihm aufgewachsen und habe ihm genau zugehört. Er hat mir den ganzen „Moby Dick“ zum Einschlafen vorgelesen. Da habe ich schon sehr früh den Umgang mit Sprache gelernt. Wir streiten auch um die Betonung bei den Texten. Bei uns wurde immer viel vorgelesen, die Balladen, die Klassiker gibt es zu Weihnachten. Jetzt werden wir bei Ottos Geburtstag den „Ewigen Brunnen“ rausholen. Da wird am Vortrag genau gefeilt. Meist krieg ich vom alten Herrn eins auf den Deckel, wenn etwas nicht stimmt. Er ist da nicht der Schlechteste. Ich habe bei ihm immer sehr genau geguckt, wenn er auf der Bühne war. Er hat selber gesagt, dass er mein größter Lehrer gewesen ist.
Ein Geschenk, aber auch eine Riesenaufgabe.
Das stimmt. Nicht immer ist das einfach, wenn man als junger Schauspieler wegen dieses Urgesteins Otto Sander unter Druck steht. Da will man auch hin, und letztlich will man den Alten ja beiseite räumen. Das Kind will sich und auch die Eltern verarbeiten. Ich habe mir dann meine eigenen Nischen gesucht. Otto hat zu mir gesagt, ich sei ein Macher, kein Schauspieler. Das habe ich eine Zeit lang nicht verstanden, aber jetzt weiß ich, dass mir nicht nur der Beruf des Schauspielers genügt. Ich denke mir gerne Sachen aus, inszeniere, schreib Kinderbücher. Wenn mir etwas gefällt, mache ich was draus, das ziehe ich dann auch durch, bis es fertig ist.
Was ist die Schattenseite, wenn man einen Übervater wie Otto Sander hat?
Man wird sich selbst gegenüber zu kritisch, entwickelt Unsicherheiten. Aber dennoch überwiegt bei mir das Gefühl, dass mich die Leute mögen. Ich habe einen Kreis von Fans, mag ich auch für manche ein Enfant terrible sein. Dazu habe ich übrigens selbst viel beigetragen. Eine große, angeblich linke Tageszeitung fragte einmal, ob ich der Willy Millowitsch von der Spree werden möchte. Ja, genau das! Ich möchte Volksschauspieler sein. Verrückt, wie ich nach außen vielleicht erscheine, sehen die Leute wohl auch, dass dahinter etwas sehr Zartes heranwächst. Das kann man auch gerne haben. Ich lebe zum Teil ihre Träume aus, und sie wissen, dass ich kein Böser bin. Sie mögen die Gesamtfigur Ben Becker.
Sind Sie gerne ein Kumpeltyp?
Mhm. Mich duzen auch alle. Wenn ich komme, heben die Bühnenarbeiter die Daumen, die sagen Ben zu mir. Ich bin auch der Ben, bodenständig und nahbar.
Haben Sie viele Freunde am Theater?
Nein. Viel eher unter Musikern als unter Schauspielern. Hier in Salzburg aber habe ich einen gefunden, den Ofczarek. Der ist ein toller, sensibler, lieber Kollege.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)