Eine Schweizer Studie warnt vor den Gratismedien in unserem Nachbarland. Durch diese neue Kultur werde der Qualitätsjournalismus gefährdet und schließlich auch die Demokratie.
Die Schweiz gilt hierzulande besonders liberalen Kräften als wirtschaftliches Vorbild. Auch auf die Medien blickt man von Österreich aus mit Neid. Immerhin zählt die „Neue Zürcher Zeitung“, die der Freisinnig-Demokratischen Partei nahesteht, zu den renommiertesten Blättern der Welt, sie hat noch immer eine für die Größe des Landes beachtliche verkaufte Auflage von rund 150.000 Exemplaren. Ihr linksliberales Pendant, der „Tages-Anzeiger“, bringt es sogar auf 210.000 Exemplare. Dazu kommen noch starke regionale Blätter und eine Fülle an Gratiszeitungen.
Letztere habe ihre Reichweite noch im Vorjahr rasant erhöht. Bis zu sechs kostenlose Zeitungen kämpfen in Städten wie Zürich, Basel, Genf oder Bern um Aufmerksamkeit und bringen vor allem den Boulevard unter Druck. 2008/2009 kam „20Minuten“, der Marktführer dieser Pendlerzeitungen, auf 1,36 Millionen Leser – gut doppelt so viele wie die Kaufzeitung „Blick“.
Die Gratiskultur könnte sich jedoch nach einer eben publizierten Studie langfristig auch auf den Qualitätssektor negativ auswirken, der durch die Wirtschaftskrise seit 2008 ohnehin im Schrumpfen ist. Dutzende Stellen wurden bei „NZZ“ und „Tages-Anzeiger“ abgebaut – für diese Schweizer Institutionen eine neue Erfahrung.
Das Jahrbuch „Qualität der Medien – Schweiz, Suisse, Svizzera“, die 370Seiten umfassende Untersuchung eines Forscherteams unter der Leitung des Zürcher Soziologen Kurt Imhof, kommt nun zu dem Schluss, dass Onlineportale und Gratisblätter die Qualität der Schweizer Medien zerstören, dass der Spardruck zur Erosion der Qualität führe. Unter dieser publizistischen Krise leide schließlich auch die Demokratie.
Ausnahme Radio. Untersucht wurden 46 Medien, nach den Kriterien Vielfalt, Relevanz, Aktualität, Professionalität. Laut Studie sind von der negativen Entwicklung am wenigsten öffentliche (und öffentlich geförderte)Radiosender betroffen. Überall sonst sei zu bemerken, dass zunehmend moralisch-emotional berichtet werde, Konflikte personalisiert werden, mit Konzentration auf Einzelereignisse. Ein möglicher Ausweg für Imhof: Förderung des Qualitätssektors.
Verleger und Chefredakteure reagierten verstimmt. Die Studie sei elitär. Das ist in der Schweiz ein Schimpfwort. Hanspeter Lebrument, Präsident des Verbands Schweizer Presse, verteidigt die Gratiszeitungen als „nicht schlecht gemacht“. Seine sophistische These laut Schweizerischer Depeschenagentur: Die Leser seien heute „genug gebildet, um die Blätter mit einer gewissen inneren Distanz zu lesen“.
Marco Boselli, Chefredakteur von „20Minuten“, betonte, dass seine Gratiszeitung mit 150 Angestellten in der Redaktion stark auf Eigenleistung setze, nicht auf Abdrucken von Agenturmeldungen. Wenn sie Letzteres glaubten, hätten die Forscher keine Ahnung.
Die Zielgruppen solcher Produkte: jüngere Mediennutzer. Leser zwischen 15 und 34 sind mit der Gratiskultur groß geworden. Sie kennen nichts anderes.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)