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Her mit dem, was ungelesen im Regal steht

ungelesen Regal steht
(c) EPA (Sergei Chirikov)
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Der Künstler Julius Deutschbauer betreut eine »Bibliothek ungelesener Bücher«. Seit 13 Jahren befragt er Leser nach Werken, die sie partout nicht lesen wollen– oder zwar lesen wollten, aber nicht konnten.

Teil Ihrer Bibliothek ungelesener Bücher ist eine Couch. Wollen Sie damit auf Freud verweisen?

Julius Deutschbauer: Nein, die Couch hat überhaupt nichts mit Therapie zu tun. Es hat sich nur gezeigt, dass die meisten Menschen auf die Frage, in welcher Position sie lesen, antworten: im Liegen.

Gibt es sonst noch Antworten, die Sie häufiger hören?

Ja, wenn ich danach frage, wie man sich mit einem Buch vertraut macht. Überraschend viele Leute riechen an den Seiten. Gar nicht selten hat das etwas von einem Ritual. Erst schauen sie das Buch an, öffnen es, lesen den Klappentext, und dann riechen sie daran. Das hat etwas Kulinarisches.

 

Aber Sie wollen nie wissen, warum jemand etwas nicht gelesen hat?

Nein, nie. Die Erklärungen wären allzu oft nur Ausfluss ihres schlechten Gewissens. Dieses schlechte Gewissen ist auch der Grund, warum sich mein Kanon leider gar nicht so sehr von den üblichen Rankings unterscheidet: Es sind jene Bücher, die man gelesen haben sollte, aber nicht gelesen hat. Dass die Bibel auf Platz eins ist, liegt natürlich daran, dass Österreich katholisch ist. Auf Platz zwei folgt dann schon das österreichische schlechte Gewissen.

 

Musils „Mann ohne Eigenschaften ...?“

Genau. Dann kommt der „Ulysses“ von James Joyce, dann Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.“ Aber schon auf Platz fünf folgt ein Hassbuch: „Mein Kampf“. Übrigens ex aequo mit Karl Marx: „Das Kapital“. Ich führe übrigens lieber Interviews mit Leuten, die ein Buch ausgesucht haben, das sie nicht ausstehen können. Ich mag es, wenn jemand ein Buch lustvoll hasst. H.C. Artmann etwa: Der hat im Gegensatz zu den anderen den „Mann ohne Eigenschaften“ nicht aus schlechtem Gewissen heraus genannt. Er hat gesagt, dass er ihn nie lesen wollte und auch nie lesen werde. „Da lese ich lieber Micky Maus!“ Und auf die Frage, für wen „Der Mann ohne Eigenschaften“ das richtige Buch wäre, hat er gemeint: „Es wäre das richtige Buch für dich und für meine Frau.“

 

Antworten Schriftsteller anders als „normale“Leser?

Naja, nachdem ich mein unmittelbares Umfeld befrage, habe ich es selten mit normalen Lesern zu tun. Die Interviews hängen sehr stark davon ab, wo gerade meine Schwerpunkte liegen – ob ich vor allem als bildender Künstler tätig bin, ob ich mehr Theater mache oder schreibe. Auffallend ist, dass bildende Künstler oft Lesemuffel sind, aber sie sind unbefangener. Die Schriftsteller, die ich befragt habe, waren oft anstrengend eloquent in ihren Antworten.

Stellen Sie immer die gleichen Fragen?

Ich habe eine Sammlung von 300 Fragen, daraus suche ich mir jeweils 40 aus. Und die Fragen sind im Konjunktiv gehalten – weil es ja nicht um Wissen geht, sondern um Vermutungen. Viele der Fragen habe ich mir aus Denis Diderots „Jacques der Fatalist und sein Herr“ abgezwackt. Da reiten sie durch Spanien und erzählen von den Erfolgen und vom Scheitern in ihrem Liebesleben. Was einen mit Büchern verbindet, ist ja auch oft eine Liebesgeschichte. Einige Fragen stammen aus Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, andere von Gert Jonke und ein paar von Florian Lipus.

 

Was machen Sie, wenn jemand ein Buch dann doch noch liest?

Das kommt natürlich vor. Christoph Schlingensief hat damals etwa die Bibel angegeben. Dann habe ich mir vor Kurzem seine ReadyMadeOper „Mea Culpa“ angeschaut – da kommt ja das Alte Testament sehr heftig vor. Ich bin nach der Aufführung zu ihm gegangen und er hat gesagt: Du hast es eh gemerkt...

 

Wie ist die Idee entstanden?

Das hat ein bisschen etwas mit der „Presse“ zu tun und der Kolumne „Was ich lese“ im Spectrum. Das sind meistens mehr oder weniger gute Nacherzählungen. Ich habe mir gedacht, wenn ich danach frage, was die Menschen nicht lesen, wenn sie mir erzählen, was sie denn glauben, dass in diesem Buch stehen könnte, welche Fantasien das Buch anregt, dann erfahre ich mehr – über die Person. Aber auch über das Buch. Zufällig war damals gerade das Museumsquartier in Planung: Ursprünglich sollte ja ein Leseturm gebaut werden, doch dann hat man sich anders entschieden, und meine Überlegung war: Wenn man das Wort aus dem Museumsquartier verbannt, dann passt doch eine Bibliothek ungelesener Bücher sehr gut dazu! Sie war dann in einem kleinen Kammerl untergebracht, bis ich unsanft entfernt wurde. Die MQ-Errichtungsgesellschaft hat offenbar befürchtet, ich könnte mir ein Gewohnheitsrecht ersitzen, und hat mir mit Räumung gedroht. Seither ist es eine Wanderbibliothek. Derzeit ist sie in der Blauen Gans in Salzburg zu sehen – und eine Installation steht noch bis November in der aktuellen Ausstellung im Benediktinerstift Admont. Der Bestseller Bibel passt doch gut dorthin.

 

Muss jeder, mit dem Sie ein Interview führen, das Buch, das er nicht gelesen hat, bei Ihnen abgeben? Ich kann das nämlich nicht, meines gehört der Bücherei.

Nein, keineswegs! Ich habe ein Budget, mit dem ich Bücher ankaufen kann. Manchmal ist es alles andere als leicht, damit auszukommen: Das Grimm'sche Wörterbuch etwa hat damals 9000 Schilling gekostet. Das war mein halbes Budget! Aber es kommt auch immer wieder vor, dass jemand sein Buch bei mir ablädt. Ich habe einmal einen Rhetorikprofessor interviewt, der hat „Mein Kampf“ nicht gelesen. Er kam aus einer belasteten Familie, war ein aktiver Kämpfer gegen jede Form des Faschismus. Dieses Buch an mich abzugeben, war für ihn wie ein Ablass, denn es hat ihn verfolgt. Er hat dann diese Erleichterung extrem inszeniert: In der Nationalbibliothek wurde ja angeblich extra für Hitler ein Lift eingebaut, damit er nicht zu Fuß zum Balkon hinaufgehen muss. Dieser Professor hat darauf bestanden, dass wir das Interview in diesem Lift führen! Was gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war. Wir mussten eine Genehmigung beim Ministerium einholen.

 

Sie waren mit Ihrer Bibliothek auch in den USA und haben dort Interviews geführt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe tolle Leute kennengelernt, etwa eine alte Frau, Luzie Benedikt, die damals mit einem der letzten Kindertransporte ausreisen konnte. Sie ist mit ihrem Rollator gekommen. Sie habe jeden Tag den „New Yorker“ gelesen, hat sie gemeint. Außer an einem Tag. Das war ihr ungelesenes Buch. Sie hat es geschafft, mehrere Kinderbücher im Gepäck mitzunehmen, darunter die Biene Maja. Die habe sie ihr Leben lang begleitet. Diese Frau war eine beeindruckende Frau. Aber meistens war es anstrengend. Normalerweise dauert so ein Interview eine Viertelstunde– aber dort habe ich es praktisch nie unter 20 Minuten geschafft! Wenn man die Amerikaner etwas fragt, machen sie zuerst eine Pause, sagen dann etwas wie „Well, that's a very good question“, und dann wiederholen sie die Frage noch einmal! Denen hat man beigebracht, nie eine spontane Antwort zu geben.

 

Welches Buch haben Sie nicht gelesen?

Mir hat eine Freundin „Schlafes Bruder“ geschenkt. Das habe ich ihr zurückgeschenkt. Sie hat daraufhin nicht mehr mit mir gesprochen.

 

Auch wenn Sie die Frage nie stellen: Warum?

Ich kann nur mutmaßen. Aber ich vermute, ich wäre abgestoßen vom Gefühlsklang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)