So viel Zeitgeist und so wenig wirklich Neues: Douglas Coupland tritt mit seinem Roman »Generation A« gegen sein berühmtes Debüt an – und scheitert charmant.
Wenn Sie sich zwischen der Existenz von Bienen und einem Medikament entscheiden müssten, das jegliche Sorgen vertreibt, wie würden Sie wählen? In der von Douglas Coupland hochgerechneten Gegenwart sind die Würfel bereits gefallen – und die Bienen weg. Aber keine Angst, abgesehen davon, dass die Menschheit weniger Obst, dafür reichlich Junkfood und Bienen ausrottende Antidepressiva verzehrt, passiert gar nicht so viel. Keine brave, New World, nur eine sehr amerikanische Apokalypse, wie es ein US-Kritiker treffend nannte, deren chemisch induzierte Gleichgültigkeit vorübergehend gestört wird, als fünf Menschen plötzlich von Bienen gestochen werden. Das Quintett wird, ob von Regierung oder Pharmafirma weiß man nicht, erst in Laboreinzelhaft gesteckt und dann auf eine einsame Insel verfrachtet. Dort muss man sich gegenseitig Geschichten erzählen. Vordergründig, um herauszufinden, warum man gestochen wurde. Eigentlich aber geht es um die große Geschichte. Den Sinn. Von allem. Und darum, dass uns jemand uns selbst erklärt.
Und wer könnte das besser als Douglas Coupland, Autor von „Generation X“ (laut „FAZ“ immerhin „Das Buch der Wahrheiten am Ende des Jahrtausends“) und Stifter erfolgreicher Neologismen wie McJob. Wenn so einer einen Roman mit dem programmatischen Titel „Generation A“ vorlegt, darf man sich erwarten, was sich sonst oft als voreilig geklebtes Etikett entpuppt: einen echten Generationsroman. Keine Spezialliteratur wie Hegemanns „Axolotl“ oder die „Feuchtgebiete“ von Roche, sondern die große Zusammenschau.
Monsanto und der ganze Rest. Und tatsächlich gibt es kein Thema, das Coupland nicht bringt: Monsanto-Mais, böse Pharmakonzerne, Abercrombie& Fitch-Callcenter in Sri Lanka, die „Verändert das Internet unser Gehirn?“-Debatte, World of Warcraft... Das angehäufte Zeitgeistgeröll erschlägt einen fast. Allerdings: Räumt man es beiseite, ist es wieder 1991. Damals saß die Generation X in der Wüste und wärmte sich an Gute-Nacht-Geschichten in einer kalten Yuppie-Welt. Jetzt hocken die netten Außenseiter, darunter Diana, die Tourette-kranke Dentalhygienikerin, oder Harj, der Callcenter-Junge aus Sri Lanka, im kanadischen Nirgendwo. Und suchen, während rund um sie die Dialoge auf SMS-Formate schrumpfen, Wahrheit und Nähe in hausgemachter Fiktion. Das ist sympathisch, sehr idealistisch wohl, aber bloß die Fortsetzung von Bekanntem. Das Neue, das andere aber kennzeichnet Generationsromane von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ bis zu „Unter Null“ von Bret Easton Ellis (der mit „Imperial Bedrooms“ ebenfalls gerade einen Nachfolger auf den Markt gebracht hat). „Neben einem autobiografischen Moment muss der Held etwas Exemplarisches haben, in dem sich die jüngere Generation wiederfindet. Vor allem aber muss er sich in der Denk- und Lebensweise von vorherigen Generationen absetzen“, umreißt die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl den Generationsroman.
Ohne Kultaura aber fällt nun auch eine alte Schwäche Couplands auf: Handlung und Spannung interessieren ihn weniger als soziologische Betrachtungen. Einen griffigen Stoff, den andere zum „Pageturner“ verarbeitet hätten, erzählt er sprunghaft episodisch, oft unlogisch. Das ist für einen, der mit der Kraft der Fiktion die von der modernen Kommunikationstechnologie fragmentierte Welt retten will, bitter – oder aber sehr selbstironisch. Denn viele seiner alten Stärken hat Coupland ebenfalls beibehalten: die (immer noch) unangestrengt jugendliche Ausdrucksweise, den sonnigen Zynismus, der ihn abhält, in kulturpessimistisches Jammern zu verfallen, das Talent für Synästhesie, und natürlich ist er nach wie vor einer der originellsten Aphoristiker der Popkultur. Und damit selbst inhärenter Bestandteil des nächsten echten Generationsromans – auch wenn er ihn selbst wohl nicht noch einmal schreiben wird.
Eine ausführlichere Rezension können Sie Samstag, den 21.8., im „Spectrum“ der „Presse“ lesen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)