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Wort der Woche

Die (bedrohte) Welt der Pflanzen und Pilze

Ohne Pflanzen und Pilze kann der Mensch nicht überleben. Indes gelten viele Arten gleich nach ihrer Entdeckung auch schon als gefährdet.

„Mit jeder Spezies, die wir verlieren, verlieren wir auch eine Chance für die Menschheit“, sagte Alexandre Antonelli, Wissenschaftsdirektor der Kew Gardens in London, diese Woche bei der Veröffentlichung des heurigen „State of the World's Plants“-Reports. Dieser Bericht, an dem 210 Forscher aus 42 Ländern (auch aus Österreich) mitgearbeitet haben, ist eine regelmäßige Bestandsaufnahme der Welt der Pflanzen – und diesmal auch der Welt der Pilze (www.kew.org/science).

Auf 100 Seiten (und noch detaillierter in einer begleitenden Artikelserie im Fachmagazin „Plants, People, Planet“; Sept. 2020) wird zum einen die Gefährdung unserer Mitgeschöpfe diskutiert – demnach sind zwei von fünf Pflanzenarten in ihrem Bestand bedroht. Zum anderen plädieren die Forscher dafür, den Artenschatz von Pflanzen und Pilzen stärker als bisher zu nutzten: Das helfe uns bei der Lösung von Problemen (Stichworte: Fleischkonsum und CO2-Ausstoß) und steigere überdies das Bewusstsein, wie wichtig der Schutz der Vielfalt sei. Denn Vielfalt sichert die Widerstandsfähigkeit von Öko- und Wirtschaftssystemen.

Das beginnt bei der Ernährung: Derzeit werden von den bekannten 7039 essbaren Pflanzenarten gerade einmal 417 kommerziell produziert. Und von 1789 genießbaren Pilzarten werden nur knapp 200 kultiviert. Auch bei der Nutzung für medizinische Zwecke gibt es viel Potenzial – man denke etwa an die zunehmenden Antibiotikaresistenzen, weshalb dringend neue Wirkstoffe benötigt werden. Ähnliches gilt für den Einsatz von Pilzen in der Pflanzenproduktion: Viele Studien belegen, dass Nutzpflanzen stark von einer Symbiose mit Pilzen profitieren können – wenn das gezielt genutzt wird, könnte man viel Dünger und Pestizide einsparen.

Wissenschaftlich kratzt man dabei erst an der Oberfläche: Aktuell sind rund 148.000 Pilzarten beschrieben, doch laut Schätzungen gibt es insgesamt zwischen 2,2 und 3,8 Millionen Arten. Allein im Vorjahr bekamen 1886 Pilzarten erstmals einen Namen (und 1942 Pflanzenarten – von rund 400.000 bekannten – wurden erstmals beschrieben).

Auf den Roten Listen stehen derzeit 285 Pilzarten (und 27.148 Pflanzenarten). Diese Zahl spiegelt die Gefährdungslage allerdings nur unzureichend wider – eben, weil man so viele Arten noch gar nicht kennt. Für Pilze gilt daher noch mehr als für Pflanzen, dass der Artenschutz ein Wettlauf mit der Zeit ist. „Es kommt häufig vor, dass, sobald eine neue Art beschrieben ist, diese auch gleich vom Aussterben bedroht ist“, heißt es in dem Bericht.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2020)